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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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Der Schneider brachte das ihm zur Reparatur übergebene Beinkleid eben zurück. Es war aufdem rechten Gesäßteile geflickK Mannheimer zeigte auf den aufgesetzten Fleck und sagte zu mir: Sagen Sie: dem Vorstände, daß Sie sich durch Augenschein überzeugt haben, daß ich auf der Rechten sitze. Ich begleitete Pater Fister, ihn am Arm führend, zur Stadt hinaus, wo er die Flucht ergriff. Herrn Baumgartens Mutter oder Schwester waren dabei hilfreich. Die interessanten Details der Flucht, bis ich ihn zu einen: bereitstehenden Wagen brachte, habe: ich in der „Neuen Freien Presse" ausführlich geschildert. Fischhof bat mich, damit er bei allfälliger Verhaftung einen Zeugen habe,, bei ihm zu schlafen! Ich nahm das Bett Goldmarks ein. Wirklich fand zwischen 11 und 12 Uhr nachts die Verhaftung statt. Ich wurde für Goldmark gehalten, der aber schon früh geflohen war, und mußte mich legitimieren. Ich bin gern zu mündlicher Beantwortung Ihrer übrigen Fragen bereit. Ich bleibe bis halben Mai in Wien und kehre, eine kurze Unterbrechung ausgenommen, erst Ende September zurück. Mit dem Ausdrucke hochachtungsvoller Ergebenheit habe ich die Ehre zu zeichnen L. A. Frankl. Oriek aus Laudon. Von Dr. CHoHuer. s ist eine merkwürdige Tatsache, daß die meisten bedeutendsten Ereignisse, die in moderner Zeit hie und da in der zivilisierten Welt zum Vorschein treten, die Juden in verschiedenen Beziehungen mehr oder weniger affektieren. Es dürste wohl überflüssig fein, Beispiele davon hier zu geben, da sie jedem aufmerksamen Beobachter leicht in die Augen fallen nnrssen. Ein einziges Beispiel jedoch möchte ich hier erwähnen, das augenblicklich hierzulande sich darbietet und keineswegs übersehen werden kann. Es ist dies die lebhafte Teilnahme der Juden Englands an den Wahlen der Mitglieder für das neue englische Parlament, die kürzlich hier stattgefundenhaben. Die Juden im allgemeinen sind bekanntlich liberal gesinnt, da schon verschiedene ihrer religiösen Feste, und namentlich das Passahfest, sie stets daran erinnern, daß sie mit der Hilfe der Vorsehung aus Not und Drangsal befreit worden find. Nun haben aber auch die englischen Inden ihre jetzige vollständige Emanzipation den anhaltenden Bestrebungen der liberalen Mitglieder des englischen Parlaments zu verdanken, und was Wunder, daß die meisten derselben bei jeder Neuwahl für diese ihre Stimmen abgeben. Es machte hier daher viel Aufsehen, daß jüngst Lord Rothschild mit den reaktionären Mitgliedern des ,House ok Lords“ stimmte, und gleich ihnen die Auflösung des jetzigen liberalen Parlamentes bewirkte. Der gegenwärtige englische Schatzmeister rügte diese Handlung öffentlich und wies auf die bekannte geschichtliche Tatsache hin, daß gerade diese „Lords" es waren, die während einer langen Reihe von Jahren die proponierte Emanzipation der Juden Englands hartnäckig bekämpft und verhindert haben. Diese öffentliche Rüge benutzten dann einige jüdische Anhänger der konservativen Partei, um dem fraglichen Minister antisemitische Tender^en zuzufchreiben. Darauf antwortete dieser in einem öffentlichen Schreiben, und machte dabei klar, was er von den Juden überhaupt denkt. Einige seiner Bemerkungen lauten etwa wie folgt: „Die jüdisch<Rasse" — sagt er iMer alia — „hat während vieler Jahrhunderte zum Fortschritte der Welt in geistigen und rechtlichen Angelegenheiten sehr viel beigetragen. Das tausendjährige Fortleben und die ungeschwächte Kraft und Macht derselben ist und bleibt das Wunder der Geschichte des Altertums und der Neuzeit. Keine Sektion der Weltbewohner hat, wenn das Verhältnis ihrer Zahl den Juden gegenüber in Betracht gezogen wird, auf dem Gebiete menschlichen Denkens und Schaffens ebensoviel Merkwürdiges geleistet, als das jüdische Volk. Letzteres ist aber auch von jeher stets für Freiheit und Fortschritt günstig, gesinnt gewesen, und es ist daher kein Grund vorhanden, zu glauben^ daß die Juden Englands für die reaktionären „Lords" irgendwelche Liebe bekunden werden. Waren diese es ja, die jahrelang gegen ihre endlich erlangte Emanzipation gestimmt, und ihnen somit die Erlangung von bürgerlichen Rechten mit anhaltender Beharrlichkeit streitig gemacht haben." Vor kurzem tagte hier eine sogenannte Rabbmerversammlung (A meeting of the Rabbis), worin verschiedene wichtige religiöse Probleme diskutiert wurden. Ich benutze absichtlich das Wort „sogenannte", weil die meisten der Anwesenden mehr auf den bescheidenen Titel „Vorbeter", als auf den eines Rabbiners Anspruch machen können. Denn eine weiße Binde, ein klerikaler Anzug und etwas. „Chutzpe" können einen ja nicht zum gebildeter: jüdischen Theologen machen. Aber, wie das Sprichwort sagt: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen", und die ganze Sache hatte wirklich mehr einen satirischen als ernsten Anschein. Das Resultat der fraglichen Versammlung war kurz und bündig, nämlich, es bleibe alles nach wie vor beim alten. Jüngst wurden hier zwei Glaubensgenossen zu Grabe getragen, deren Namen in den hiesigen Zeitungen lobend erwähnt wurden. Es waren dies Dr. Mond und Mr. Falke, welche beide mehrere seltene und kostbare Oelgemälde der hiesigen nationalen Bildergalerie letztwillig hinterlassen haben. Bei dieser Gelegenheit wiesen einige dieser Zeitungen auf den großen Kunstsinn hin, den verschiedene reiche und gebildete Juden in England bekunden, und hoben besonders ihre Liebe für klassische Musik hervor. Ein erfahrener englischer Musikkritiker machte jüngst in einem hiesigen Blatte die charakteristische Bemerkung, daß nämlich, falls England seine gebildeten Juden durch Auswanderung verlieren sollte, die klassische Musik hierzulande in wenigen Jahren eine ganz unbekannte Größe sein würde. Jss&a Ludwig Ungutt Frankl. Erinnerungen von Ottilie Franzos. I. n Vöslau bei Wien war's, wo ich ihn 1866 zum erstenmal gesehen habe. Der Eindruck war auf mich Neunjährige ein so tiefer, weil meine Mutter mir sagte, daß er ein Dichter sei; der erste Dichter, den ich leibhaftig kennen lernte! Frankl weilte damals im nahen Gainfarn zur Kur; er litt an fast unerträglichem Kopfschmerz und fürchtete zu erblinden. Er war mit meinen Eltern von lange her befreundet, wenn ich mich auch nicht erinnere, daß er sie während meiner Kindheit besucht hätte. Meine Mutter, Wohl eine der schönsten Frauen des nachmärzlichen Wien, und hochbegabt, hatte als garrz junge Frau an der Seite meines unendlich belesenen Vaters, der überdies ein mündlicher Erzähler, wie ich einem gleichen nur selten begegnet bin, mancherlei Schriftsteller um sich versammelt, so neben Frankl, den Lyriker Carl B§ck, der es

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