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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Wenn sie dich verhöhnen — trage! Leuchtend wandte immerdar, Mache so — verklärt — die Sage Von dem ew'gen Juden wahr! Schade, daß diese und viele andere Dichtungen Frankls vergessen sind! Sie verdienten wohl, auch heute noch gelesen zu werden: mit den jungjüdischen Dichtungen unserer Tage kann Frankls jüdisch-religiöse Poesie sich getrost messen! Aber was Frankl — und zwar ohne eigenes Vermögen — im Dienste der Humanität geleistet hat, das ist unvergessen. Schon vor zwei Menschenaltern, ehe eine „Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung" bestand, hat Frankl mit klarem Blick die Bedeutung eines gediegenen Lesestoffes für die kulturelle Hebung der unteren Volksschichten erkannt. Drum gründete er in seiner Heimat Chraft und in anderen Ortschaften Böhmens Bibliotheken, vermehrte durch reiche Spenden die bereits bestehenden Büchereien der Religionsschulen und des jüdischen Krankenhauses in Wien sowie seiner einstigen „alma mater“, der Klosterschule in Leitomischl, und endlich der Universität in Athen. Im ganzen verschenkte er etwa 5000 Bände. Frankls lebhafte Anteilnahme am Unterrichtswesen, die diese Spenden bekunden, erregte die Aufmerksamkeit des Gemeinderats, der ihn im Jahre 1871 einstimmig zum Schulrat der Stadt Wien erwählte. Inzwischen hatte eine hochherzige Dame, Frau Elise Herz, geborene Edle v. Lämel, dem Vorstande derWiener Kultusgemeinde 100 000 Mark zur Gründung einer jüdischen Volksschule in Jerusalem zur Verfügung gestellt. Auf Vorschlag der Gemeinde wurde Frankl mit der Aufgabe betraut, diese Schule ins Leben zu rufen, was ihm auch — allerdings unter großen Schwierigkeiten — gelang (Juli 1856). Diese Edler v. Lämel-Schule gehört heute zu den blühendsten Schulanstalten des Orients, nachdem ihr ein Waisenheim, ein Kindergarten und hauptsächlich das vom „Hilfsverein der DeutschenJuden" gegründete Lehrerseminar angegliedert worden sind. Jüngst ist mit der Lämel-Schule auch eine landwirtschaftliche Schule verbunden worden. Noch größer waren die Schwierigkeiten, die Frankl zu überwinden hatte, als er seinen Plan, eine jüdische Blindenanstalt in Wien zu gründen, verwirklichte. Das hierzu erforderliche Kapital mußte er Gulden für Gulden einsammeln. Juden und Christen steuerten reichliche Spenden bei, voran das österreichische Kaiserpaar, die Erzherzöge Albrecht und Franz Karl, der Landmarschall von Nieder-Oesterreich, der Bürgermeister der Stadt Wien u. a. Nachdem Jonas Freiherr von. Königswarter ein Grundstück auf der Hohen Warte geschenkt und zur Aufnahme von 50 Zöglingen zweckdienlich hatte einrichten lassen, konnte dies noch heute überaus segensreich wirkende, trefflich geleitete Institut am 1. Dezember 1872 feierlich eingeweiht werden. Noch waren die Mittel zur Errichtung dieses großartigen philanthropischen Werkes nicht gesichert, da ging Frankl bereits an die Aufgabe, die Kosten für ein Schillerdenkmal in Wien aufzubringen. Neun Jahre lang veranstaltete und veranlaßte er Aufrufe, Eingaben, Vorträge, Konzerte, Theatervorstellungen usw., zugunsten des Schillerdenkmals, bis es endlich, am 10. November 1876, enthüllt werden konnte. Der Lohn blieb nicht aus. Kaiser Franz Josef, der an der Enthüllungsfeier persönlich teilnahm, verlieh unserm Dichter in Anerkennung seiner vielfachen humanitären und gemeinnützigen Wirksamkeit den Orden' der Eisernen Krone und den damit verbundenen erblichen Adel mit dem Prädikat „von Hochwart". Frankl hat äußere Ehren nie erstrebt, und doch sind sie ihm reichlich zugeströmt. Außer der Eisernen Krone schmückten noch acht Auszeichnungen seine Brust, darunter der preußische Kronenorden und die königlich preußische goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft. Sein Name war in aller Munde, denn er wurde „mehr erhoben, als fleißig gelesen". Er war ein Glücklicher, denn er führte ein glückliches Familienleben; seinem Ehebnnde erblühten zwei Söhne, deren einer, Lothar, heut zu den Zierden der Wiener medizinischen Fakultät gehört. Er war ferner ein unverwüstlicher Optimist. Zeitlebens hatte er von der Verwirklichung der josefinischen Ideale seiner Jugend geträumt, bis ihn die neuerwachte antisemitische Bewegung unsanft an die „Unverbesserlichkeit der Menschheit" erinnerte. Einst hatte er in übergroßer Toleranz sogar christliche Heilige poetisch verherrlicht — jetzt entrang ihm das Leid, das über seine Glaubensgenossen hereinbrach, den schmerzvollen Ausruf: „Es bricht mir das Herz wie meinem Freunde Berthold Auerbach. Ich habe keine Hoffnung, daß es besser wird. Unsere Judenfeinde treiben es wüster und toller als in meiner Jugend. Die Raufbolde in Frack und Glacehandschuhen haben die Oberhand." In unvergleichlicher Frische hatte Frankl den 70. und den 80. Geburtstag gefeiert, zu denen er seine Verehrer mit der dreibändigen Gesamtausgabe seiner poetischen Werke bezw. einer köstlichen Nachlese „Episches und Lyrisches" erfreute. „Ein schönes Abendleuchten" nennt er die Feier seines Geburtstages. Es war sein letzter. Ohne je krank gewesen zu sein, starb Frankl am 12. März 1894 eines plötzlichen Todes beim Mittagsmahle, das eine anregende Unterhaltung — über Turgenjew — gewürzt hatte. Einen solchen leichten Tod hatte er sich ein Menschenalter vorher in einem Briefe an seinen Freund Anastasius Grün gewünscht: „Man sollte gesund leben — ob kurz oder lang — und dann wie vom Blitz getroffen hinsinken." Untergegangen war die Sonne eines langen, glücklichen, gesegneten Lebens. löriefr %. % f ranbla. Mitgeteilt von Dr. Frankl-Grün. eine Bekanntschaft mit L. A. Frankl datiert aus dem Jahre 1869, da ich ein Gedicht aus seinem „Nach Jerusalem" und eine Hymne an Jellinek zu seinem 25 jährigen Amtsjubiläum ins Hebräische übersetzte. Später traf ich ihn an einem Wintermorgen (1870) im Friedhose beim Begräbnisse des Feldpredigers Josef Szanto. Er lud mich ein, mit ihm in seinem Wagen nach Hause zu fahren. Während der langen Fahrt demonstrierte er — nach einer kurzen Beurteilung der Leichenrede Dr. Güdemanns — die Notwendigkeit einer radikalen Reform im Judentum. Er sollte an diesem Tage einer diesbezüglichen Vorstandssitzung in der Wiener Gemeinde, deren Sekretär er war, beiwohnen. Als Grätz im Jahre 1872 auf seiner Palästina-Reise Jellinek frühzeitig besuchen wollte, und dieser sich bei ihm, den er beim Eintreten nicht erkannte, entschuldigte, daß er jetzt mit der Predigt für Samstag beschäftigt sei, führte ich Grätz in die Wohnung L. A. Frankls. Seitdem sah ich L. A. Frankl nicht wieder, verkehrte aber brieflich mit ihm in verschiedenen

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