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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 1828bezog. er die Universität Wien, um Medizin zu studieren — nicht aus Neigung („Ich habe mit der leidenden Menschheit zuviel Mitleid"). Dev Uutevricht, den ihm die Hochschule bot, war auch nicht danach angetan, ihm Lust zum ärztlichen Berufe einzuflößen, hatte doch der erste Anatom, Mayer, nicht einmal ein Gymnasium und eine Universität besuchtsondern war Barbier gewesen und hatte sich als Famulus eines Ayatomen, einige manuelle Fertigkeiten in der Anatomie angeeignet! Als Frankl imHerbst 1838 in Paduazum Dr. med. promoviert wurde, (Dissertation: „Ueber den Einfluß der Phantasie"), war er bereits ein berühmter Mann. 1832 hatte er sein dem Thronfolger gewidmetes „Habsburglied" (einen Balladenkrauz über die Fürsten aus Habsburgs Stauune), 1834 die erste Sammlung seiner epischen und lyrischen Dichtungen uub 1836 sein Epos in fünf Gesängen „Christof oro Colombo" veröffentlicht, das ihm das Ehrenbürgerrecht der Stadt Genua sowie eine Auszeichnung von seiten des Königs Karl Albert cintrug. Eine halbjährige Jtalienreise führte ihn mit Thorwaldsen, dem „Sprachenchamäleoy" Giuseppe Mezzosanti und dem trefflichen Byron-Uebersetzer Hilscher zusammen, dessen Werke und Biographie er später herausgab. Als Frankl nach Wien zurückkehrte, stellte ihn die jüdische Gemeinde als Kanzleidirektor an, ein Amt, das er vierzig Jahre lang versah. Jetzt, da er der Sorge um das tägliche Brot überhoben war, konnte er sich nach Herzenslust literarisch beschäftigen. Zunächst sammelte er die Akten der Gemeinde und gab mit deren Benutzung die „Inschriften des alten jüdischen Friedhofes" und das Werk „Zur Geschichte der Juden in Wien" heraus. Ferner redigierte er die Kunstzeitschrift „Sonntagsblätter" (1842—48), an der Autoren wie Heine, Lenau, Grillparzer, Anastasius Grün, Bauernseld, Karl Egon Ebert mitarbeiteten. Dadurch, daß er auch Hebbel zur Mitarbeit heranzog, indem er dessen Ballade „Der Heideknabe" und eine Biographie Hebbels abdruckte, hat er diesen ausgezeichneten Dichter für Oesterreich „entdeckt". Mit den meisten dieser Dichter traf er täglich in dem „Silbernen Kaffeehause" zusammen, mit Lenau, Grün und Hebbel verband ihn eine ihre Gräber überdauernde Freundschaft. Durch Lenau, der mit einer Schwäbin verlobt war, wurde Frankl mit den schwäbischen Poeten Uhland, Kerner und Schwab bekannt, die ihm bei seinem Besuche in Schwaben eine herzliche Aufnahme bereiteten. Der Völkerfrühling des Jahres 1848 fand auch in Frankl einen begeisterten Gänger. Zum Kampfe für Preßfreiheit, Verfassung und, vor allem für ein einiges. Deutschland schloß er sich der „akademischen Legion" an, bis ihn ein Streifschuß aut Bein — körperlich wenigstens — kampfunfähig machte. Aber als er am Abend des 14. März vor dem Wiener Polizeiu-bände Posten stand, da dichtete er das berühmt gewordene Kampflied „Die Universität", das in einer halben Million '.'3it Exemplaren über Oesterreich hin verbreitet und von Acht weniger als 27 Musikern komponiert wurde. Inzwischen war Frankls großes Epos „Don Juan -'Austria" erschienen, üb er das Anastasius Grün an Frankl ,chrieb: „Niemals vermöchte ich es, an ein Werk, das mich mit 5. icbe und Freude erfüllt, kalt das kritische Messer anzulegen. Vw Gedicht. .. gleicht einem schön erfundenen korrekt gezeichi'Aen, mit lebhafter Färbung ausgestatteten Heldenbilde, dessen ^fälliger und geistreicher Erklärer Sie sind. Mit Spannung uad Bewunderung lausche ich Ihren Worten... Ich hätte für einige Seiten Stoff zum Lobe, ganz zu geschweigen der vollendeten Ruhe und Reinheit der Form, um die ich Sie beneiden könnte. Glück auf!" Mit dem Epos „Der Primator" kehrt Frankl mit Erfolg wieder zu jüdischen Stoffkreisen zurück. Frankl entrollt in diesein auf einer handschriftlichen Quelle beruhenden Gedicht ein erschütterndes Kulturbild: die gewaltsame Taufe des Primators der Prager Judenstadt bringt dessen Vater in einen Widerstreit zwischen der Liebe zum Sohn und der Liebe zu Gott, eilten Konflikt, den der Alte durch die Tötung des Sohnes löst. Frankl betrachtete den „Primator" als das beste Kind seiner Muse. Hebbel stellte es an die Spitze aller Werke Frankls, während Grillparzer seiner Freude darüber Andruck gab, daß der Glaubenseifer, den „Der Primator" widerspiegelt, einer längst vergangenen Zeit angehört, so daß die dargestellten Vorgänge wie ein Märchen klingen. Die Leiden seiner Glaubensgemeinschaft finden ferner ihren Widerhall in Frankls „Ahnenbild.ern", im „Liederuyd Heldenbuche", in den Elegien „Nach der Zerstörung" und in dem poetischen Familienbuche „Libanon". In den „Ahnenbildern" leitet uns die herrliche Patriarchenmutter Rahel durch die Vergangenheit Israels („Rachel weint um ihre Kinder", Jerein. 31, 15), indem sie Jakob und Josef, Mose und Aron, Saul und David segnend und tröstend umschwebt, denn: Eine Mutter — bester Segen, Den der Himmel uns verlieh. Wenn sie auch ins Grab sie legen — Sie verläßt die Kinder nie! Unsichtbare Strahlenfäden Knüpfen Herz an Herz gelind, Die von Engelshand in Eden Uns zum Trost gesponnen sind. Wenn ein frommes Kind gesunken Selig an der Mutter Brust. Trinkt es ein Erinnern trunken An des Paradieses Lust. Daß wir uns gewöhnen lernen An die Unermeßlichkeit Jener Liebe über Sternen, Hält das Leben uns bereit: Mutterliebe — süße Wonne, Dich begrüßt Begeisterung, Einer ew'gen Liebessonne Irdisch schöne Spiegelung! Wohl verzeichnen die „Ahnenbilder" manch schmerzliches Ereignis („Der letzte Hohepriester", „Der 9. Ab 1492", „Zehntausend Seelen" u. a.), aber jubelnd durchklingt sie der Glaube an die Zukunft Israels: Die Sänger aller Völker dichten - An deiner ew'gen Elegie; Entflammt ist ihre Phantasie Von deinen heiligen Gesichten. Es ist unsterblich nur allein, Wen sanft umfließt der Mythe Schein — Und ist die Gegenwart nicht dein, Es muß sich deine Zukunft lichten! Demgemäß habe Israel die Pflicht, treu auszuharren: Und ein jeder von dem Stamme Trage wie daS Würmlein facht Still die reine Gottesflamme, Schützend durch die Erdennacht.

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