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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Um sie erfüllen zu können, auch vor Opfern nicht zurückscheut. Und er kann unter Umständen sehr viel erreichen; gelingt ihm aber auch nur ein Teil, so ist ihm doch schon Großes gelungen, denn er hat in seinem Kreise die Macht des äußerlichen, materialistischen Nützlichkeitstriebes gebrochen und seine Anhänger in den Bahnen der Väter erhalten, in denen fortzuwandeln ihre Ehre und ihr Heil ihnen gebieten. 4. Ihren ganzen großen Segen aber schüttet unsere Einrichtung auf einem anderen, jedoch mit dem vorigen verwandten Gebiete aus: sie schützt die ihrigen vor sittlichen Gefahren und leitet sie zu den Höhen wahrhafter Menschen Lugend empor. Was das bedeutet, wird der Kenner des wirklichen Lebens ermessen. Blutenden Herzens sieht er den Jüngling mitten im Gedränge einer Welt, die dieser nicht kennt, und der er nicht gewachsen ist. Aus dem wohlbehüteken Heime tritt er in diese Welt hinein, und der Uebergang ist so schroff, daß es nicht wundernehmen kann, wenn er ft rauchelt und fällt. Sein Herz dürstet nach Freiheit, Glut und Glanz, die Arbeit aber zwingt ihn in eine schmale, meist ganz nüchterne Bahn. Für diese Einschnürung des persönlichen Lebens sucht er sich in den Stunden, über welche er Herr ist, schadlos zu halten und stürzt sich daher mit um so heißerer Inbrunst in die Welt hinein, die seiner mächtigen Sehnsucht Erhörung verheißt. Er fragt nicht, er überlegt nicht, denn es ist eine unwiderstehliche Naturkrast, die ihn treibt. Wieviel hoffnungsreiche Menschenbäumchen hat dieser elementare Trieb schon dauernd geschwächt oder gar geknickt! Wer bedenkt, was die frischen, licht- und mutvollen Seelen in diesen Jugendjahren sich Gutes und Schönes hätten schaffen können, und wie sie, irregeleitet in ein glänzendes Nichts, sich versumpft und verzettelt haben — wer, der sich das zu Herzen nimmt, sollte hier nicht zu helfen und zu retten wünschen! Nun denn, unser Fortbilduttgswesen ist solch ein Rettungshafen. Es soll getreu dem Geiste der jüdischen Religion wirken, welche durch feinsinnige Gesetze blinde Ausschweifung und Krästevergeudung bekämpft und Keuschheit, Mäßigkeit, weise Verwendung der angeborenen und später empfangenen Güter zu fördern sucht. Unsere Veranstaltung soll durch die Macht der Wahrheit und der liebevollen Herzlichkeit Vernunft und Gewissen aus ihren Verstecken herauslocken und die Seelen gewinnen, daß sie bei jeder Versuchung laut ihre warnende Stimmen ertönen lassen; sie soll aber auch die Wege weisen, welche durch die Wirrnisse unseres Gegenwartslebens heil hindurchteiten. Praktische Ratschläge soll sie erteilen zur richtigen Benutzung der Freistunden und unter ihren Gliedern eine edle Geselligkeit entwickeln, welche Lebensfreude mit echtem Gewinn zu paaren weiß. Sie wird durch ihre Vergnügungen und Bildungsmittel den Beweis erbringen, daß das Freiheitsverlangen nicht nur ohne sittlichen Verlust befriedigt werden kann, sondern vielmehr zur Quelle wahrhafter Förderung wird, zu einer Höherbildung der Seele, welche auf das ganze kommende Leben eine segensreiche Einwirkung ausübt. Ludwig Pugult franhl.* 1’ Ein Gedenkblatt zu seinem hundertsten Geburtstage (3. Februar 1910). Von Oberlehrer De. Eugen Wölbe. as Jahr 1810, das dem Judentume seinen größten Theologen der neueren Zeit, Abrahanr Geiger, geschenkt hat, ist auch das Geburtsjahr Ludw. Aug. Frankls, des Dichters und Menschenfreundes. Wir würden ihm unrecht tun, wollten wir ihn einen „großen" Dichter nennen, war er doch überzeugt: „meinen Namen nennet ein Jahrhundert dem anderen nicht". Felix Dahn, der Frankls Bekanntschaft zu den „Merersreulichsten Erinnerungen" seines Lebens zählt, nennt ihn „ein liebenswürdiges lyrisches Talent". Ein solches genügt aber nicht, seinem Träger Nachruhm zu sichern. Drum ist Frankl als deutscher Dichter vergessen. Die Weltliteratur geht an ihm achtlos vorüber. Mir Freude und Stolz nennen ihn die Deutschböhmen, wenn sie ihren Anteil am Kultursortschritt Oesterreichs zugunsten des hartbedrängten Deutschtums im Lande der schwarz-gelben Pfähle in die Wagschale werfen?) Auch das Judentum zählt ihn zu seinen besten Söhnen. Ludrv. Aug. Frankl wurde am 3. Februar 1810 zu Chrast in Böhmen als der Sohn eines K. K. Tabaksverlegers geboren. Er besuchte die Volksschule seiner Heimat, später die Klosterschulen der Piaristen in Prag und Leitomischl. Stolz rühmt fich Frankl, daß er „schon mit sechs Jahren" die heilige Schrift im Urtext habe lesen können. Ihr Verständnis wurde ihm aber erst durch den Religionsunterricht erschlaffen, den ihm ein naher.Verwandter, der gelehrte Rabbiner Dr. Zacharias Frankel, erteilte. Frühzeitig gewann der lebhafte Knabe eine Vorliebe für Schiller, deffen Gedichte er zuerst in einem fehlerhaften Nachdruck aus Löschpapier kennen lernte, und für Grillparzer, dessen „Ahnsrau" damals den Spielplan der Theater beherrschte. Dies Drama regte ihn an, gleichfalls ein Schicksalsdrama zu schreiben. Es wurde aufgeführt, und zwar mit dem Erfolge, daß ihm die sofortige Verweisung von der Schule für den Fall eines abermaligen „Sprunges in die Oeffentlichkeit" angedroht wurde. y Vergl. mein neues Werk „Ludw. Aug. Frankl, der Dichter und Menschenfreund". Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1910. 148 Seiten. 2) Unmittelbar vor Drucklegung dieses Artikels erscheint als 29. Band der „Bibliothek deutscher Schriftsteller in Böhmen", herausgegeben im Aufträge der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen, das Werk: „Erinnerungen von Ludwig August Frankl", herausgegeben von Stephan Hock, mit drei Bildnissen, einer Abbildung und einem Faksimile, Prag 1910, I. G. Calvesche Buchhandlung, XVI und 390 S. Das Werk enthält ein Stück einer Autobiographie, von der die ersten Abschnitte über Vorfahren, Eltern und Kinderzeit ungedruckt, die übrigen bis zum Jahre 1848 reichenden Abschnitte meist gedruckt waren. Der Herausgeber hat eine hübsche Würdigung des Dichters und Menschen dorangestellt und eine Reihe erläuternder Anmerkungen hinzugefügt. Ich danke der verehrten Gesellschaft, daß sie mir das Werk in Aushängebogen hat zugehen lassen, und freue mich, imstande zu sein, schon jetzt aus diese wichtige Veröffentlichung Hinweisen zu können. L.G. Ludwig August Frankl.

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