Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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Notwendigkeit. Suchen wir uns über die Gründe klar zu werden, welche eine spätere Unterweisung in den jüdischen Wissensfächern durchaus erforderlich machen. 3. Unsere Kinder genießen gewöhnlich viele Jahre Hindurch Religionsunterricht; den Glaubensgemeinden verursacht derselbe nicht geringe Kosten, und gar manchem Knaben und Mädchen ist es bei der Überlastung mit weltlichem Lehrstoff nicht leicht geworden, ihn auf die Dauer innezuhalten. Sobald sich aber die Tore der Schule hinter ihnen schließen, und das Getriebe des Lebens sie in ihren Schoß aufnimmt, ist das alles, als wäre es überhaupt nicht gewesen. Die Religionsbücher werden! entfernt, die Seele gibt sich ganz dem Berufsstreben und Genußleben hin, und etwas anderes findet daneben keinen Platz. Doch die Zeit rächt diese Sünden, sie straft die Lässigkeit des Willens durch Vergessen, und so läßt sie auch hier allmählich unser Jugendwiffen verloren gehen, wenn wir es nicht wieder auffrischen. Dann kommt wohl der Augenblick, wo wir erschreckt und beschämt dessen inne werden, wieviel uns unvermerkt abhanden gekommen ist; wir suchen es, aber es ist zu spät, wir, können es nicht mehr finden. Schon unser Gewissen sollte uns doch dazu aufrufen, die Errungenschaft so vieler Stunden nicht achtlos verkümmern zu lassen, und wir dürfen doch auch nicht dahin gelangen, nicht einmal die geringen Elementarkenntnisse aufzuweisen, deren Besitz unsere Abstammung uns zur heiligen Pflicht macht. Oder empfinden wir es vielleicht angenehm, zu einem Ehrenamts in unserer Glaubensgemeinde berufen, ohne Sachkenntnisse über eine jüdische Angelegenheit urteilen zu müssen, oder einem ernsten Nichtjuden, wenn er in der Unterhaltung eine ganz einfache Frage aus der Geschichte oder dem Lehrgehalt des Judentums an uns richtet, die Antwort schuldig zu bleiben, daß er mit einem feinen Lächeln zu einem anderen Thema übergeht und still seine Gedanken davonträgt über die Söhne des auserwählten Volkes? Oder ist es uns gleichgültig, wenn wir dem Vater, und der Mutter keinen Laääisob nachsagen können, wenn wir in der Synagoge wie verloren und verlassen dastehen, weil uns die Laute der hebräischen Sprache nicht mehr geläufig sind? Freilich, so im Augenblick und für gewöhnlich empfinden wir nicht die Lücke, aber der Kluge baut vor, und wer nicht über die Gegenwart hinausrüstet, der verdient nicht, ein Mensch zu heißen. . Darum ergeht an die jungen Männer und Jungfrauen Israels die ernste Mahnung, daß sie wenigstens eine Stunde in der Woche dem Zwecke widmen, gemeinsam wieder aufzufrischen, was sie einst in der Religion gelernt Diese geringe Mühe wird gewiß gute Früchte tragen, denn das jüdische Wissen ist dem Leben gewidmet, bestimmt, sich in lebendige Worte umzusetzen, 2. Allein unser Unternehmen ist noch mehr, es fordert eiiiz Erweiterung und Vertiefung des religiösen Schulwissens. Eine solche aber ist sehr notwendig, Keinem Kundigen wird es entgehen, und der Religionslehrer selber verhehlt es sich nicht, daß der in der Schulzeit verarbeitete jüdische Lehrstoff für einen wirklich gebildeten Juden nicht ausreichend ist. Er gibt nur eine Grundlage und Anregung, ans eigener Kraft fortzubauen, und er kann beim besten Willen nicht mehr bieten, weil das Unterrichtsgebiet sehr groß, die zur Verfügung stehende Zeit aber sehr gering ist, und rvell man dabei noch andauernd zu kämpfen hat mit der Gleichgültigkeit, ja dem Widerwillen der so zahlreichen Eltern, denen bei der Ausbildung ihrer Söhne und Töchter nur die Gemeine Nützlichkeit maßgebend ist. Da bleibt eben nichts anderes übrig, als sich auf den Böden der gegebenen Verhältnisse zu stellen, in den Schuljahren zu leisten, was zu leisten möglich ist, und das Uebriggebliebene sich nachher einzuprägen, damit es nicht verloren gehe. Hinzu kommt noch ein zweites, besonders beachtenswertes Moment: Das tiefste Wesen der Religion kann überhaupt erst dem Jüngling und der Jungfrau klargemacht werden, ja es wird vielleicht niemals so voll und warm erfaßt wie in diesem Zeitraum des Menschenlebens. Der Gottesgedänke und die Grundidee der Sittenlehre stehen so hoch da, daß ein Schulkind sie wohl ein wenig zu begreifen, nicht aber frei und selbständig zu beherrschen vermag. Doch schon beim Sechzehnjährigen wird der Unterschied bemerkbar. Hier ist die Seelenkraft bedeutend gestiegen, sie beginnt zu brausen und zu glühen: die kindische Flegelhaftigkeit hat sich in Freiheitsdrang und kühne Selbständigkeitsgelüste verwandelt, der Sinn strebt stolz ins Hohe und Weite, der Jugendidealismus bricht sich Bahn. Gibt es eine bessere Stimmung für die Vertiefung deß religiösen Lehrstoffs und seine innige Verschmelzung mit dem ganzen Wesen? Noch ist der Mut von Sorge, Not und Enttäuschung nicht gebrochen, noch hat das Buhten um Gold und Gunst die Seelenhoheit nicht unterjocht; glanzvolle Hoffnungen und himmelhochstrebender Tatendrang schwellen die Brust, und unverdorben schwärmt der Geist von Geist und Schönheit, Recht und Wahrheit. Ist es da nicht eine unverantwortliche Sünde, einen Boden, der dem ganzen Geiste des Judentums so entgegenkommt, unbebaut zu lassen, eine Zeit, so günstig, wie sie nie mehr wiederkehrt, ungenutzt verstreichen zu lassen? Freilich darf man sich über den Mangel einer tief eingewurzelten Liebe zur Mutterreligion nicht verwundern. Im Kindesalter war es zu früh, im Mannesalter ist es zu spät, sie zur Reife zu bringen, das reifere Jugendalter hat man verpaßt. Möge man das Rechte zur rechten Zeit tun. 3. Unser höherer Unterricht bringt seinen Teilnehmern noch einen weiteren Gewinn, nämlich den Zusammenhang mit dem praktischen Leben des Judentums. Der junge Student oder fertige Akademiker, der Kaufmann oder Handlungsgehilfe, welche Fäden verknüpfen sie mit der jüdischen Wirklichkeit? Ihr Tag ist gewöhnlich von Arbeit ausgefüllt, von einer Arbeit, die außerhalb des jüdischen Betätigungskreises verläuft, und ihre freie Zeit gehört der Erholung und dem Vergnügen. Da es ihnen so an Anknüpfungspunkten an das Judentum mangelt, entfremden sie sich ihm immer mehr, selbst dann, wenn eine fromme Erziehung oder ein vorzüglicher Religionsunterricht tiefere Spuren in ihnen gegraben hat. Sie hören schließlich auf, regelmäßig zu Haus zu beten, erscheinen immer seltener im Gotteshause und üben nicht mehr die weihevollen Bräuche der Religion. Sind doch nun einmal die Menschen schwach genug, sich von dem Geiste ihrer Umgebung vollkommen leiten zu lassen. Zahllose Opfer hat diese Abkehrbewegung dem jüdischen Glaubensbunde schon gekostet! Ihr aber setzt unser Fortbildungsunterricht einen kräftigen Damm entgegen, denn er soll ja auch den Blick auf die jüdische Gegenwart richten und das Interesse derart an ihre Erscheinungen knüpfen, daß es sich zur freudigen Tat fortpflanzt. Er soll davon Kunde geben, was sich innerhalb der jüdischen Gemeinde in jüngster Zeit an Bemerkenswertem ereignet hat, und zur Beteiligung an gewisse gerade lebendigen Bestrebungen aufmuntern; er soll dartun, auf welche Weise auch unter den obwaltenden Verhältnissen Sabbate und Festtage gefeiert werden können, und die Liebe zu den Religionsgeboten so stärken, daß man,