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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 28 Schüler ausgenommen, und die gesamten Ausgaben (Miete, Arbeitsgeräte, Honorar üsw.) beliefen sich bis jetzt auf zirka 3500 Francs. Für 1210 Francs wurden Bestellungen auf verschiedene Arbeiten und Waren entgegengenommen. In nächster Zeit soll auch eine Abteilung für Tischlerei und Drechslerei, besonders für Arbeiten aus Olivenhölz, für Knaben und eine Abteilung für Stickerei und Handarbeiten für Mädchen eröffnet werden. IN letzter Zeit ist der Versuch gemacht worden, Briefadressen in Palästina nur hebräisch zu schreiben. Die betreffenden Postsendungen gelangten pünktlich und ohne Verzögerung in die Hände der Empfänger. Die in Jerusalem erscheinende hebräische Tageszeitung „Hazewi" hat in diesen Wochen zahlreiche hebräische Briefe und Manuskripte erhalten. Anfangs wurden die Adressen in hebräischer Sprache mit lateinischen Buchstaben abgefaßt. Jetzt werden die Adressen mit hebräischen Lettern geschrieben, und die betreffenden Briefe werden von der Post richtig bestellt. Das Hebräische ist also hier auch offiziell als gleichberechtigte Nationalsprache anerkannt. Das Milche Fortbildungswrlen. Von Dr. S. Grzymisch. I. eitdem Mendelssohn durch feine deutsche Thora- Uebersetzung den Glaubensgenossen den Weg zum vaterländischen Kulturleben geebnet hatte, haben diese einen bewundernswerten Eifer für dasselbe an den Tag gelegt- Trotz ernster Hindernisse von außen und innen sind sie aus diesem Wege überraschend schnell fortgeschritten; sie haben zunächst , in eigenen Elementarschulen oder durch Privatunterricht ihren Kindern die notwendigen weltlichen Kenntnisse einprägen lassen und sind dann zur Reform ihres Religionsunterrichts übergegangen. Sie haben ihn in Einklang gebracht mit den Forderungen der maßgebenden Zeitströmung und insbesondere der höheren Pädagogik Rechnung getragen, und während nunmehr auch die Gemeinde- und Staatsschulen die israelitische Jugend aufnahmen, hat. sie im Glauben der Väter eine Unterweisung gefunden, die sich von der bisherigen in Hinsicht auf die Lehrfächer sowohl wie aus die Lehrmethode wesentlich unterschied und dabei im großen ganzen als bedeutender Fortschritt bezeichnet werden kann. Gegenwart. Muß uns diese Entwicklung mit berechtigter Freude und Genugtuung erfüllen, so darf sie uns doch nicht den Blick Nor dem verschließen, was uns auf dem Gebiete unseres Unterrichtswesens noch zu tun übrigbleibt. Allerdings, der jüdische Religionsunterricht im schulpflichtigen Alter hat einen 'hohen Grad der Ausbildung erreicht, wenngleich auch hier noch vieles verbesserungsbedürftig ist, wie aber steht es mit der-Belehrung der schulentlassenen Jugend, mit dem modernen jüdischen Fortbildungsunterricht, was wird für ihn heute-geleistet? Da treten uns nun schon in vielen Gemeinden jüdische Jugendvereipe entgegen. Sie verfolgen den edlen Zweck, das Heranwachsende schulfreie Geschlecht im Zusammenhänge mit dem Geiste seiner angestammten Glaubensgemeinschaft zu erhalten, und fördern diesen Zweck unter anderem durch Vorträge über Gegenstände der jüdischen Vergangenheit, Gegenwart' und Literatur. Die Gründung oder Unterstützung solcher Vereine, die bereits einen über ganz Deutschland sich erstreckenden Bund bilden, liegt dem deutschen Bnei-Briß- Orden besonders am Herzen, und die Verbände der liberalen wie der konservativen. Juden erstreben das gleiche Ziel. Auch die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur leisten durch ihre Vorträge und Büchereien Ersprießliches. Kann aber in beiden Fällen nur von einer flüchtigen Aufnahme gesprochen werden, weil das Empfängen nichts weiter als. ein Anhören ist, so wirken die hier und da den Religionsschulen angegliederten Fortbildungsklassen schon tiefer auf den Geist ein; so verlangen die akademischen Vereine für . jüdische Geschichte und Literatur und selbst die Vereine jüdischer Studenten von ihren Mitgliedern, daß sie in positiver, bewußter Arbeit jüdisches Wissen sich aneignen, ja sogar über diese Gebiete selber Vorträge halten. Für Vertiefung in die alt? überlieferten Religionsquellen wird fast nur in konservativen Vereinigungen Sorge getragen, während die Zionisten das biblische und neuhebräische Schrifttum aus nationalen Gründen pflegen. Das dürften wohl alle wichtigeren Fortbildungsbestrebungen im Judentum unserer Tage sein. . Sie machen aus den ersten Blick in ihrer Mannigfaltigkeit keinen schlechten Eindruck, fassen wir sie aber schärfer ins Auge, dann werden uns auch die Mängel nicht verborgen bleiben. Denn wir finden diese Veranstaltungen bis auf die Literaturvereine noch nicht stark genug, vielfach tastend und unentwickelt, meist mit großer Anstrengung am Leben erhalten, und wir erkennen überhaupt, wie wenig doch noch das Streben nach einer gründlicheren Erkenntnis des Judentums in den breiten Schichten Wurzel geschlagen hat. Ist das die Erfüllung des großen Schriftgebotes: „Es soll diese Thora nicht aus deinem Munde weichen, sinne über sie Tag und Nacht!" Ja, in früheren Jahrhunderten hat man es mit dieser Mahnung sehr ernst genommen, da hielt sich jeder Jude, solange er es irgendwie vermochte, Zeit seines Lebens für. verpflichtet, sich mit der Gotteslehre zu beschäftigen, und wenn er schon nichts anderes konnte, dann wiederholte er wenigstens am Freitagabend oder Sabbat den fälligen Thora-Äbschnitt, hörte im Lehrhause dem Vorträge des Rabbiners zu oder las in einem Sittenbuche. Wir aber, wir halten uns für fortgeschritten; und im Gefühle dieses Fortschrittes tun wir — fast nichts. Damals hat man gerade auf die Belehrung der Erwachsenen das größte Gewicht gelegt und den Kinderunterricht weniger beachtet; wir machen es umgekehrt: was wir auf der einen Seite gewonnen, das haben wir auf der anderen Seite verloren. Und dabei hat das Interesse für das Fortbildungswesen in unserer Umgebung eine fortlaufende Steigerung erfahren. Ein Bundesgesetz vom Jahre 1869 gibt in unserem deutschen Vaterlande allen Gemeinden das Recht, für Lehrlinge und Gehilfen bis zum 18. Lebensjahre den Schulzwang einzuführen, ja noch mehr: in den meisten deutschen Staaten ist der Besuch des Fortbildungsunterrichtes von vornherein obligatorisch gegemacht, und auch in Preußen ist ein Gesetz in Vorbereitung, welches Städte von über 10000 Einwohner verpflichtet, einen solchen Unterricht zu schaffen. Und wir Juden, die wir stolz darauf Hinweisen können, daß wie in vielen anderen Kulturschöpfungen so auch Hierin unsere Vorfahren der Gegenwart längst als Vorbilder voiWMangen waren, wir Juden werden der eigenen Vergangenheit untreu, Bleiben in dem zurück, was alle Welt für wertvoll hält, und" wozu mns das eigen<Unterrichtstvesen deutlich die Bahn gewiesen hat? Nein, es muß in allen Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft die lieberzeugung tief lebendig werden, daß unsere Jugend, wenn sie die-Schule verlassen hat, noch lange nicht aufhören darf, aus. dem Borne des jüdischen Wissens zu schöpfen, und es. muß ferner; hex religiöse Fortbildungsunterricht soorganisiert werden, daß er allen pädagogischen Anforderungen entspricht, den Teilnehmern Lust und Liebe zur Sache einflößt.

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