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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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öl der vieles in der Heeresverwaltung tadelte, wagte nnr folgenden schüchternen Versuch (bei Gelegenheit der Sanitätsoffiziere Militärärzte): „Und dann, weshalb schließt man die Juden aus? Früher gab es doch jüdische Militärärzte, und es ist ein bedauerlicher Rückschritt, daß sie setzt ausgeschlossen werden." (Sehr richtig! links.) Aber der Abgeordnete L.iebermanv v. Sonvenberg, der vieles in der Rede Mugdans bewitzelte, ging auf diese Stelle gar nicht ein, und der preußische Kriegsminifter erwiderte auf die ausgeworfene Frage nicht ein Wort. $ Die deutschen Reichsboten könnten sich ein Varblld an ihren Kollegen aus dem bayerischen Landtage nehmen. Ein Abgeordneter Beckh hatte sich in einer Sitzung des genannten-Landtages zu wüsten antisemitischen Aeußerungen Hinreißen lassen und sich nicht gescheut, zu bemerken, daß es recht viel einbringen würde, wenn man einmal „den jüdischen Schwamm ausdrückte", und hatte nach beliebter Weise höhnisch auf den Hansa-Bund und seine jüdischen Leiter hingewiesen. Ihm entgegnete der demokratische Abgeordnete Quidde: „Ich weiß nicht, soll ich auf das. was Herr Kollege Beckh hier gegen die Juden gesagt hat, wirklich ernsthaft antworten? Ich habe ein Gefühl.der Beschämung darüber, daß man bei uns in unserem Landtag überhaupt so sprechen kann, daß das. was nach unserer Auffassung nur die niedrigsten' Agitatoren im Lande sagen, hier ein Kollege von uns im bayerischen Landtag vertritt. Ich glaube, wenn er nach Oberfvanken in die Reihen der Mitglieder der Freien Vereinigung -und wenn er in die Pfalz geht, mit der Rede würde er kein Glück bei feinen dortigen Parteifreunden haben. Da gibt es Männer genug in der Pfalz wie in Obersranken, auch Männer, die dem Landtag .angehören, die sich als politisch liberal bekannt haben, und die es verschmähen würden, in dieser Meise unter Benutzung der niedrigsten Instinkte einer mißleiteten Volksseele politisch Propaganda zu machen und gegen einen Teil des deutschen Volkes — denn als solcher gelten uns die jüdischen Mitglieder — die politischen Leidenschaften und Interessen anzurufen." Sein sozialdemokratischer Kollege Sebitz sekundierte ihm mit sehr wackeren Worten: „Herr Kollege Beckh hat in seinen temperamentvollen Ausführungen sich unter anderem mit der Judenfrage beschäftigt und dabei die Verhandlungen dieses Hauses auf einen Tiefstand gebracht, mir der Reichstag zur Zeit der Ahlwardt und B.ruhn erreicht L-t Ich muß diese Ausführungen bedauern und gegen die Beschimpfungen der Juden, wie sie hier gefallen find, im Namen unserer Pariei mit aller Entschiedenheit protestieren. Wir als Partei treiben keine Rafsenpolitik, -wir bekämpfen nicht "Personen, nicht Rassen, sondern den Kapitalismus an sich, das heißt, die Ausbeutung des .Menschen durch den Menschen, und da.muß ich schon sagen, schlimmer als die Christen treiben es die Juden auch nicht. Die frömmsten Christen nehmen genau so viel Prozente wie die Juden, da besteht.gar kein Unterschied. Die amerikanischen Milliardäre sind nicht besser als d;e europäischen Millionäre, und die Milliardäre sind keine Juden. Ich meine, diese Art des Kampfes trägt nicht dazu bei, das Ansehen eines Parlaments zu heben. Ich für meinen Teil möchte dagegen entschieden Protest einlegen." . Das Merkwürdigste ist nun, daß sich der erste Redner, Herr Beckh, seiner Bemerkungen schämte und folgende merkwürdige Entgegnung hören ließ, in'der er durchaus leugnete, die Juden beschimpft zu haben und beschimpfen zu wollen, und sich dann -folgendermaßen äußerte: ';.;r' . . //Ich freue mich auch darüber, daß /es wackere Juden gibt, hesondersdie'Zionisten vor denen habe ich den allergrößten Respekt. Das sind doch Leute, die die unwürdige Stellung, die sie gegenwärtig ein- ^nehmen, empfinden, und ich -Höffes daß mit Hilfe der Zionisten die ° Juden den Mut der Makkabäer wieder finden und ein süchtiges Volk in Palästina werden, und dazu sollen sie meinen Segen erhalten Ich verwahre mich dagegen, daß ich irgendwie eine niedrige Meinung von den Juden habe, ich habe niemals die Juden beschimpft nyd werde sie nie beschimpfen. Wenn wir nur so viel Ehrgeiz hätten wie die Juden! Die Juden wollen geachtet sein unter uns, und wenn wir selber bessere Leute wären, dann wären auch unsere Juden besser, davon dürfen Sie überzeugt sein." * Schon in einer früheren Sitzung des bayerischen Landtages war die Judensrage erörtert worden. Die „Frankfurter Zeitung" äußert sich darüber: In seinem Referat zur neuen Kirchengemeinde-Ordnung behandelt der Abg. Dr. Frank-Dillingen auch die Revision des bayerischen Judenedikts, die längst nötig geworden ist. In dem Frankschen Referat heißt es zu dieser Frage: „Auch das Edikt vom 10. Juni 1813 über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern bedarf hinsichtlich der Bestimmung über die Kultuseinrichtungen und Besteuerungsrechte der Gemeinden dringend der Reform. In dem gesetzlichen Zwange, daß die Juden in einer politischen Gemeinde nur eine Synagoge, einen Rabbiner und eine eigene Begräbnisstätte haben dürfen, liegt die Gefahr der Unterdrückung der Minderheit und damit der Verletzung der verfassungsmäßig garantierten Gewissensfreiheit. Der Zukunft stehen also in den genannten Richtungen noch große gesetzgeberische .Aufgaben bevor. Es wäre nur zu wünschen, daß die Vorbereitung hierfür in einem kürzeren Zeiträume sich ermöglichen ließe, als dies bei dem vorliegenden Gesetzentwurf (K.-G.-O.) der Fall war." * Aus Ungarn, woher eine antisemitische Zeitung ein sehr starkes Anwachsen des jüdischen Elementes meldet (1785: 75 000, 1870: 552133, 1910: 1 Million und darüber), bringt die „B. Z. am Mittag" folgende Kunde: „Der Honvedminister Samuel Hazai ist der erste jüdische Minister in Ungarn. Er hieß vor seiner Magyarisierung Kohn. Auch Generalmajor Hazai hat gleich seinen meisten Ministerkollegen bisher seine schönsten Lorbeern auf dem Felde der Fachliteratur gepflückt. Seine militärwissenschastlichen Arbeiten veröffentlichte er zum großen Teil auch in deutscher Sprache." * Ueber die Verhältnisse in Palästina entnehmen wir der „N. I. K." die folgenden drei Nachrichten, zu denen ein Kommentar wohl überflüssig ist. Durch die Munifizenz der Baronin Rothschild in Paris ist in Safed ein jüdisches Krankenhaus erbaut worden. Die Notwendigkeit eines Krankenhauses war um so größer, als auch außer der hiesigen jüdischen Bevölkerung die benachbarten obergaliläischen Kolonien und ebenso im Sommer die Einwohner von Liberias in medizinischer Beziehung auf Safed angewiesen sind. Das Krankenhaus, dessen Errichtung insgesamt etwa 100.000 .Francs kosten wird, befindet -sich in hoher, schöner Lage gegenüber dem englischen Misfionshospital. Der äußere Van, der nach den Plänen des Architekten Rogoff aufgeführt ist, ist bereits beendet, und man beginnt jetzt mit der inneren Einrichtung der Anstalt. Seit einem halben Jahre besteht in Jerusalem eine Werkstatt für Schlosserei, die den Namen „Darkeh-Chaim" führt und von Rabbiner I. Horwitz aus den Einkünften der deutsch-holländischen Chalükkah begründet wurde. Ausgenommen werden Knaben, die das dreizehnte Lebensjahr überschritten und eine gewisse religiöse Erziehung und Ausbildung genossen Haben. Der Unterricht erstreckt sich,, uußer der eigentlichen -Fachausbildung, auch auf talmudische Gebiete. Mmso sollen die Zöglinge .an Ordnung und Sauberkeit gewöhnt werden. Die Aufnahme, erfolgt unentgeltlich. Die Lehrer der Anstalt .sind: I. L. Osermann für Schlosserei, Rechnen und Zeichnen.; D. Delinger für talmudische Gebiete; I. Stern für hebräische Sprache. Die bisherige Entwicklung der Schule ist befriedigend. Es wurden

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