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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-28 · Heft 4 (28.1.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Vorstandswahlen, und zwar wurde in geheimer Abstimmung mit allen gegen zwei Stimmen Herr Jakob Alexander zum ersten Vorsitzenden gewählt. Der Gewählte dankte für das ihm gerade in der jetzigen Zeit geschenkte Vertrauen, versprach, die Würde der Gemeindevertreter nach innen und außen zu wahren und bat um Unterstützung bei Leitung der Geschäfte. Zum zweiten Vorsitzenden wurde in geheimer Abstimmung Herr Dr H. C. Plaut gewählt und zu Schriftführern die Herren H. Fraustädter und L. Urias durch Zuruf bestimmt. Ter Vorsitzende verlas dann ein Schreiben des Gemeindevorstandes, in dem dieser mitteilt, daß er dem Wunsche des früheren Kollegiums, bei Vergebung von Arbeiten in der Gemeinde die Gemeindemitglieder zu berücksichtigen, tunlichst entsprechen werde. Der frühere Geschäftsordnungseutwurf wurde der >nis den Herren H. Fraustädter, Paul Laskar und Jos. Oettinger bestehenden Geschüftsordnungskommission zur weiteren Beratung uberwiesen. Ein dringlicher Antrag des Gemeindevorstandes betraf dre Vornahme von Wahlen für das Armenkollegium. Für die verstorbenen Armenpfleger S. M. Nathan und Ed. Meyer wurden die Herren Jakob Wolfs jr. und Emil Danziger zu Mitgliedern der Armenkommission der Gemeinde gewählt. In der nun folgenden gemeinschaftlichen Sitzung mit dem Gemeindevorstand wurden die statutengemäß ausscheidenden Herren Heinrich Levy und Moritz Marburg zu Mitgliedern des Gemeindevorstandes wiedergewählt. J. Hamburg, 20. Januar. Bekanntlich finden hier am 1. Februar neue Bürgerschaftswahlen statt. Auf Grund der von liberaler Seite sestgestellten Tatsache, daß die Gruppe der Bürgerschaft, die sich konservativen Anschauungen nähert, nämlich das sogenannte linke Zentrum, in ihre Reihen Leute ausgenommen hat, die des Antisemitismus dringend verdächtig waren, ihren Antisemitismus aber übleugneten, hat sich in einer dieser Tage abgehaltenen öffentlichen Versammlung ein Bürgerschaftsmitglied dieser Gruppe, Herr Rump, veranlaßt gesehen, öffentlich die offizielle Erklärung abzugeben, das; man dem Antisemitismus völlig fernstehe, die Mitglieder des „Linken Zentrums" nicht Antisemiten seien, und daß man in der Behauptung, daß der Antisemitismus in ihren Reihen Platz finde, ri»e beleidigende Aeußerung erblicke. Es ist ganz besonders interessant, daß hier in Hamburg die am meisten rechts stehende Gruppe das ganz richtige Empfinden hat, daß es eine Beleidigung involviere, wenn man sie antisentitisch nennt. Antisemit zw sein, hält man also in diesen Kreisen auch für keine Ehre! J. Frankfurt a. M., 23. Januar. Die Notierung eines jüdischen Gemeindepapiers an der Börse ist die neueste Errungenschaft, die wir hier demnächst werden zu verzeichnen haben. Die vierprozentige Dreimilli onen-Anleihe der hiesigen israelitischen Gemeinde, deren einer Teil von den Bankhäusern Speyer-Ellissen und der deutschen Effekten- und Wechselbank übernommen ist, soll '.um Handel an der hiesigen Börse zugelassen werden. Ihre Dotierung ist bereits beantragt. Frankfurt wird so unseres Wissen die erste und einzige jüdische Gemeinde sein, deren „Aktien" schnell steigen oder auch fallen können. Ob Hausse oder Baisse in der vierprozentigen Anleihe der jüdischen Gemeinde vorherrschen wird, darüber also wird uns der Kurszettel der Frankfurter Börse demnächst täglich Auskunft erteilen. Velgten. 7.. Brüssel, 20. Januar. Am Sonnabend, den 15. d. M., lnpsingen König Albert I. und die Königin Elisabeth in besonderer Audienz die Geistlichkeit der drei anerkannten Konfessionen des Landes, die Vertreter der katholischen, der protestantischen und der jüdischen Konsistorien. Bei dieser Gelegenheit hielt der Oberrabbiner Herr A. Bloch folgende Ansprache an das Königspaar: „Im Zeitraum von neunundsiebzig Jahren hat Belgien zwei glückliche, ruhmvolle, iegensreiche' Regierungen gesehen. Die dritte, die jetzt gerade eingesetzt hat, verspricht ebenso glorreich zu werden. Eure Majestät haben eine herrliche Zukunft vor sich, die mit Hilfe des Allmächtigen alle Hoffnungen für das Wohl Eurer Untertanen realisieren wird. Als König Salomo die Regierung antrat, erflehte er von Gott nicht eitlen Ruhm, sondern die Fähigkeit, sein Volk mit Weisheit und Scharfblick lenken zu können. Auch wir bitten Gott, Eurer Majestät dieselben Gaben zu verleihen und beständig mit seinem Vaterauge über Eure Majestät und die königliche Familie zu wachen, möge er seine Gnade und seinen Schutz unserem Vaterlande Belgien angedeihen lassen." Ter König antwortete folgendermaßen: „Für die herzlichen Worte, die Sie, Herr Obcrrabbiner, im Aufträge der Belgischen Judenheit an uns gerichtet haben, banken meine Gemahlin und ich ihnen aufrichtig. Wir beide hegen die besten Wünsche für das Wohlergehen der Anhänger einer Religion, die als eine ihrer ersten Satzungen ausgedehnte Nächstenliebe befürwortet. Unter dem Schutze unserer Gesetze und Staatseiurichtungen können religiöse und moralische Fähigkeiten gut gedeihen. Dies ist eine der größten Segnungen der freiheitlichen Regicrungsprinzipien, die Belgien stets getreulich befolgen wird." Gesterretch-Nnsarn. J. W. Wie«, 20. Januar. Aus Hohenems wird hiesigen Blättern geschrieben: In der einstigen Grafschaft Hohenems befindet sich seit vielen Jahren — Jnsbruck ausgenommen — die einzige liberale Gemeindevertretung der Katholiken Tirols und Vorarlbergs. Die Zeit der segensreichen Kommunalverwaltung geht zu Ende. Natürlich ist diese Verwaltung ein Dorn im Auge der Christlichsozialen und Klerikalen, und wird die ultramontane Agitation mit Hochdruck betrieben: der liberale Festungswall soll eben erstürmt werden! Die Leistungen der liberalen Verwaltung waren für Hohenems geradezu außerordentlich. Das große musterhafte Elisabeth-Spital mit dem separierten Aerztehaus, das vergrößerte Bürger-Altersversicherungshaus, ein neues Mädchenschulgebäude mit Luftheizung, die Hoch- I quellenleitung und Einleitung in die Häuser, das Elektrizitätswerk und die elektrische Beleuchtung der Straßen, eine Badeanstalt, Pflege der Straßen und Benennung derselben, ein schönes, praktisches Rathaus. natürlich hat es Geld gekostet, und die Gemeinde mußte Anleihen aufnehmen. Aber diese Gelder sind produktiv 'angelegt und ein Segen für Gegenwart und Zukunft. Selbstverständlich betrachtet die klerikale Partei alle diese großen Leistungen mit scheelen Blicken und beurteilt sie von ihrem engherzigen Standpunkte. Nun hat die liberale Gemeindevertretung eine horrende Sünde begangen, die nur in der Hölle gesühnt werden kann: sie benannte drei Straßen nach Juden! Die Straße um den Tempel wurde zur Erinnerung an den berühmten Landsmann, Oberkantor Sulzer in Wien, Sulzer-Gasse genannt. Die Gemeinde kauft ein Haus, läßt es demolieren, eine eiserne Brücke wird über den Emsbach hergestellt und die Sulzer Gasse erhält so die Verbindung mit der Graf Maximilian v. Ems- Straße. Das Sulzer-Haus in Hohenems wurde schon vor Jahren vom Wiener Männergesangverein, dessen erster Chormeister S. Sulzer war und dessen Schüler Dr. Olschbauer und Dr. Dumba waren, mit einer Gedenktafel und goldener Lyra ausgezeichnet. Eine andere Straße heißt Brunner Straße, zur Erinnerung an weiland Marcus Brunner, den größten Bankier der Schweiz und Gutsbesitzer in Hohenems; sein Sohn heißt Lucian Brunner. Die Familie Brunner, die zu allen Zeiten Wohltäter der Armen war und Sinn für alles Edle und Gute hatte, hat sich beim Bau und bei der.Einrichtung des Elisabeth-Spitales, bei Errichtung des Röntgen-Institutes als Wohltäter im großen Stile gezeigt. Unser erhabener Monarch, Franz Josef I., hat, eingedenk, daß er immer mit seiner verewigten Gemahlin inkognito als Graf und Gräfin von Hohenems gereist, dem Elisabeth-Spitale in Hohenems eine namhafte Spende anzuweisen geruht. Eine Straße wurde Steinach Straße benannt. Der Arzt Dr. W. Steinach und sein Sohn Dr. Simon Steinach waren die berühmtesten Aerzte im Lande Vorarlberg und des ganzen Bodenseegebietes, ebenso in den schweizerischen Kantonen Appenzell, Graubünden und St. Gallen. Als Dr. W. Steinach einst erkrankte, gingen die Juden in die Synagoge beten, aber auch die Kirchenglocken ertönten, und die Christen strömten in die Kirche, um für ihren Wohltäter zu beten. Als sein Sohn Dr. Simon Steinach Bürgermeister war, wollte er das Ghetto aufheben, und er prozessierte deshalb bis zum obersten Gerichtshöfe. Er gewann auch den Prozeß, und die bis dahin politische Gemeinde wurde eine Kultusgemeinde. Der Sohn Dr. Simon Steinachs ist der k. k. Universitätsprofessor Dr. Eugen Steinach in Prag, der vor einigen Wochen von der österreichischen k. k. Akademie der Wissenschaften für seine hervorragenden wissenschaftlichen Forschungen den ersten Staatspreis er-

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