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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-28 · Heft 4 (28.1.1910) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Aber hier stehe doch nicht der Feind. Dieser sei das vom liberalen Protestantismus vertretene Christentunl. Zum Schlüsse betont der Redner, daß die beste Apologetik ein Gesamtunterricht sei, der warme LiebT zum Judentum erzeuge. Hierzu gehöre aber auch in einer Zeit, da viele dem religiösen Geschichtsleben nur schwer zu gewinnen sind, die Liebe zum Träger dec jüdischen Lehre, die diesen das Band werden müsse, das sie ans Judentum knüpst. Darum müsse besonders der Unterricht in der jüdischen Geschichte betont und so erteilt werden, daß aus den religiösen und kulturellen Leistungen wie aus dem Martyrium Israels die unvergleichliche religiös-sittliche und geistige Kraft seines Genius offenbar werde. Erzeugung eines kräftigen jüdischen Selbstbewußtseins, das sei zuletzt die beste Verteidigung des Judentums. Memel, 21. Januar. Die Judenmission, deren organisierte Abwehr Sie in voriger Nummer mit Recht befürworteten, arbeitet zurzeit hier in unserer Stadt mit Hochdruck. In großen Inseraten laden Missionar Lipschitz und Pastor Hoppe zu solchen Missionsvorträgen ein. wobei es in den Anzeigen heißt: „Gottesfürchtige aus Israel Und besonders.eingeladen." Natürlich werden die „Gottessürchtigen aus Israel" den Lockrufen nicht folgen, eher schon solche, die nicht gottesfürchtig sind. Zu den sämtlichen Juden Memels kann man wohl das Zutrauen hegen, daß sie jeder Seelenfängerei genügend Widerstand entgegensetzen werden. Dennoch sollte man es auch hier an tatkräftiger organisierter Abwehr auf jüdischer Seite nicht fehlen lassen. kl. kV. Posen, 20. Januar. Nach kurzem, aber schwerem Krankenlager ist hier der Verleger und Buchdruckereibesitzer Herr B. Merzbach gestorben. Das jähe Hinscheiden dieses im blühendsten Alter stehenden Mannes bedeutet nicht nur für seine Familie und der zahlreichen seiner Offizin, sondern auch für viele Korporationen und Vereine, denen er in ehrenamtlicher Tätigkeit seiner Kräfte widmete, einen schweren Verlust. — Die Beerdigung des Kaufmanns Julius Schesfiel fand am vergangenen Sonntag statt. Vorangegangen war eine Trauerfeier im S'erbehause, bei der Rabbiner Dr. Bloch und Rabbiner Dr. Perles aus Königsberg, ein Neffe des Verstorbenen. Ansprachen hielten. Auf dem Friedhofe widmete sodann noch Rabbiner Dr. Feilchenfeld dem Verstorbenen einen kurzen warm empfundenen Nachruf, in dem er im Namen der Vereine, Korporationen und des Synagogen-Baukomitees den Dank für die aufopfernde und mühevolle Tätigkeit aussprach, die der Verstorbene im Dienste der Allgemeinheit stets gern geleistet habe. Besonders hob er hervor, daß es dem Verstorbenen vergönnt war. die Frucht seiner Tätigkeit, die Einweihung der neuen Synagoge, zu erleben. Die Beteiligung an der Beerdigung war sehr groß und legte beredtes Zeugnis davon ab, welcher Wertschätzung der Verstorbene sich zu erfreuen hotte. Am stärksten vertreten war die Finanz- und Geschäftswelt mit dem Reichsbankdirektor Maiwald und dem Geheimen Kommerzienrat Herz an der Spitze. * Breslau, 20. Januar. Seit einem Vierteljahrhundert übt die Lessingloge in Breslau ihre segensreiche Tätigkeit aus und kann mit Befriedigung aus reiche Erfolge zurückblicken. Zur Feier des Jubiläums hat der Maler Siegfried La boschin ein wertvolles Kunstblatt für die Loge geschaffen, und am Sitzungsabend ist eine von Paul Schulz gemeißelte Lessingbüste enthüllt worden. Nach einer am 16. Januar vormittags vorangegangenen würdigen Feier im Saale der Lessingloge, fand am Abend ein Festmahl im Konzerthause statt, an dem etwa. 850 Personen teilnahmen. Eine vom Frauenbund gestiftete und von Clara Wehrend-Bau mb ach verfaßte Huldigung der Schwestern, die während der Tafel zur Aufführung gelangte, entfesselte stürmischen Beifall Das Motto: „Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht" wurde von jungen Damen in klassischer Gewandung, vom Scheinwerfer bunt beleuchtet, personifiziert, nachdem das „Engel-Terzett aus Elias", zu Orgelbegleitung, hierfür die stimmungsvolle Einleitung gebildet hatte. Nach Tisch kam dann im Kammermusiksaal „Das schönste Märchen, ein phantastisches Spiel mit Gesang und Tanz", von Rechtsanwalt Tarnowski, zur Aufführung. Dieses Märchen spielt auf dem Mars, der gerade von der Erde Luftschifferbesuch erhält. Aber auch die Marsmenschen sind äußerst kultivierte Leutchen, die genau so sprechen, singen und tanzen wie wir. Fleißige Reime, flotter Humor und nicht zuletzt eine farbenprächtige Szenerie verhalfen der Märchendichtung zu großem Erfolge. Die restlichen Festesstunden waren dem Tanze geweiht. — Dresden, 21. Januar. Wie seinerzeit mitgeteilt, hatte Herr Landgerichtsdirektor Menz in einer wegen Wuchers gegen einen Juden anhängigen Klage ein in der oberen Instanz umgestoßenes Erkenntnis gefällt, in dessen Begründung die Juden in ihrer Gesamtheit als wucherischer Neigungen besonders verdächtig bezeichnet wurden. Auf eine gegen diese Pauschalkrünkung der Juden vom „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" an das sächsische Ministerium der Justiz gerichtete Beschwerde wurde bekanntlich der wenig befriedigende Bescheid erteilt, daß es besser gewesen wäre, wenn der beanstandete Passus aus dem Urteil fortgeblieben wäre, daß das Justizministerium sich aber nicht in der Lage sehe, etwas Weiteres zu veranlassen. Das war vor wenigen Monaten. Jetzt meldet das hiesige Antisemitenorgan, die „Deutsche Reform", daß Herr Landgerichtsdirektor Menz von Dresden in eine andere Stelle versetzt sei. Es ist, so nahe eine solche Vermutung liegen möchte, nicht anzunehmen, daß diese Versetzung mit dem oben geschilderten Vorgang in irgendwelchem ursächlichen Zusammenhänge stände. s. Kolberg, 20. Januar. Die Verwaltung des jüdischen Kurhospitüls im Sol- und Seebad Kolberg hat soeben ihren 35. Jahresbericht für das verflossene Jahr zur Veröffentlichung gebracht. Zu Beginn dieses Berichts umschreibt die Verwaltung in kurzen Strichen die ihr stistungs- und statutengemäß gestellten Aufgaben, die lediglich dahin gehen, nur solche Personen aufzunehmen, deren Vermögens- Verhältnisse es nicht gestatten, Aufwendungen für eine erforderliche Sol- oder Seebadekur in Kolberg zu machen. Je nach ihrer größeren oder geringeren Mittellosigkeit werden solche Personen entweder in Freistellen oder gegen Zahlung eines kleineren oder größeren Teils der Selbstkosten ausgenommen. Des weiteren ist die -Anstalt nicht ein bloßes Erholungs- und Ferienheim, sondern, wie ja schon der Name besagt, eine Heil- und Pflegestätte für solche kränkliche Personen, die einer Sol- und Seebadekur bedürftig sind. Von der Aufnahme völlig ausgeschlossen sind Personen mit ansteckenden oder unheilbaren Krankheiten. Der Kassen- und Vermögensbericht ergibt an Reineinnahmen 40 071.73 Mark (gegen 43 028.55 Mark im Vorjahre), wovon laufende 33 208.88 Mark (im Vorjahre 33 294.87 Mark), einmalige Einnahmen 1962.35 Mark (im Vorjahre 2433.68 Mark) und Kapitalzuwendungen 4900 Mark waren. Die Ausgaben erreichten die Höhe von 31 488.34 Mark (gegen 28 163.65 Mark im Vorjahre). Demnach sind im Berichtsjahre die Einnahmen um 2956.82 Mark zurückgegangen, die Ausgaben aber um 3324.69 Mark gewachsen. Die laufenden Jahresbeiträge haben trotz sehr empfindlicher Ausfälle dank der Werbekraft der Freunde der Anstalt, durch Gewinnung neuer Mitglieder fast den Stand des Vorjahres wieder erreicht, an Kapitalszuwendungen sind erfreulicherweise einige Stiftungen hinzugekommen; die einmaligen Spenden sind nur spärlich geflossen. Nach dem ärztlichen Krankenbericht wurde die Hälfte aller Patienten geheilt und ein größerer Teil gebessert entlassen, während nur fünf Pfleglinge keinen Erfolg von ihrem Aufenthalt hatten. Wiederholt sind an den Vorstand Anforderungen wegen notwendiger Winterkuren herangetreten, und die Anstaltsleitung ist auch nicht abgeneigt, die Betriebszeit der Anstalt zu verlängern. Dieser größeren Aufgabe ist sie jedoch nur dann gewachsen, wenn die Einnahmequellen aus der öffentlichen Wohltätigkeit reicher fließen. Möge diese dringende Bitte im Interesse der segensreich wirkenden Anstalt nicht ungehört verhallen! M. Hamburg, 17- Januar. Das Repräsentantenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, dessen Legislaturperiode mit Ende des Jahres 1909 abgelausen war und dessen Neuwahl im Dezember vorigen Jahres erfolgte, war vom Gemeindevorstande gestern zur konstituierenden Sitzung einberufen worden. Der Alterspräsident Herr H. Bachrach gedachte zunächst des verstorbenen früheren Alterspräsidenten Gustav Tuch, dessen Andenken durch Erheben von den Plätzen geehrt wurde. Der Redner gab dann seiner Freude Ausdruck, daß ein großer Teil der Mitglieder des früheren Kollegiums gleich ihm auch dem jetzigen wieder angehöre, begrüßte die n.ueiugetretenen Mitglieder und gab einen Rückblick über die Arbeiten des letzten Kollegiums, zu dessen wichtigsten die Schaffung einer neuen Verfassung gehörte. Es folgten dann die

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