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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-28 · Heft 4 (28.1.1910) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. 4 ► Berlin, 28. Januar 1910 DrilSNe zur „Alkgemetnen Leitung deK Judentums". Korrrkponden?en und Kschnchtm. Deutschland. *** Berlin, 25. Januar. Der Verein „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" hielt am 20. d. M. eine außerodentliche und gleich darauf, die diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Die erstere hatte den Zweck, die Vereinssatzungen dahin abzuändern, daß die jährliche Mitgliederversammlung nicht wie bisher im ersten Monat, sondern im ersten Quartal des Jahres stattzufinden habe. Die zahlreich erschienenen Mitglieder stimmten dieser vom Vorstand als notwendig erachteten Statutenänderung bereitwillig zu, worauf der Vorsitzende. Herr Dr. Max Ginsberg, die ordentliche Generalversammlung eröffnete. Er wies zunächst darauf hin, daß die Jüdische Lesehalle während ihres fünfzehnjährigen Bestehens in weitesten Kreisen zur Erweckung und Entfaltung schlummernder Geisteskräfte in immer steigendem Maße beigetragen. „Wenn wir heute auch mit Freude," fuhr er fort, „auf die im Berichtsjahre erzielten Erfolge Hinweisen können, so ist unsere Freude hierüber doch durch einen schweren Schicksalsschlag, der den Verein betroffen hat" — die Mitglieder hatten sich hierbei von ihren Plätzen erhoben — „sehr herabgestimmt worden. Zu unserem tiefsten Schmerze ist uns einer der Hauptträger unserer Bestrebungen durch den Tod entrissen worden. In dem am 21. Juli in Bad Nauheim verstorbenen Herrn Dr. Gustav Karpeles, dem Mitbegründer unseres Vereins, hat die „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" ihren geistigen Schöpfer und unermüdlichsten Förderer verloren. Unser Institut ist als Ergänzung des von Dr. Karpeles begründeten und geleiteten Geschichtsvereins entstanden und verdankt dem Verblichenen einen großen, wenn nicht den größten Teil seines Bücher- und Zeitschriftenbestandes. Dr. Karpeles' ersprießliche Tätigkeit für die Lesehalle ist anläßlich der vom Verein für jüdische Geschichte und Literatur am 31. Oktober veranstalteten Trauerfeier von unserm Vorstandsmitglieds Herrn Professor Moritz Schäfer mit tiefempfundenen Worten geschildert worden. Das Andenken an unseren entschlafenen Freund wird in unserer Mitte in Ehren gehalten werden, wir werden uns bemühen, nach seinem Vorbilde und im Geiste seiner Ideale weiter zu wirken." Dann folgte der weitere Bericht: Seit dem 1. November 1909 ist das Institut wochentäglich von 10 Uhr früh bis 9 Uhr abends ununterbrochen geöffnet. Ein erfreulicher Fortschritt ist durch Fertigstellung eines neuem alphabetischen Zettelkataloges erfolgt Der neue Katalog bietet dem Publikum merkliche Erleichterungen bei der Benutzung der Bibliothek. Diese umfaßt jetzt 6620 Bände jüdischen Inhalts. Von den 6620 Bänden waren im Berichtsjahre 3274 — nahezu 50 % — ausgeliehen! Die Bibliothek wurde 1912 mal von 336 verschiedenen Entleihern in Anspruch genommen. In der Lesehalle liegen ständig 80 jüdische Zeitungen und Zeitschriften in verschiedenen Sprachen aus. Bei der Auswahl der anzuschaffenden Zeitungen und Bücher spricht keinerlei Parieiimeresse mit. Die Lesehalle war überaus rege besucht und oft überfüllt; im Berichtsjahre konnte eine Besuchsziffer von 24856 Personen feftgestellt werden. Die an das Institut gestellten berechtigten Ansprüche sind in ständiger Steigerung begriffen. Leider halten die Mittel nicht gleichen Schritt mit den wachsenden Bedürfnissen, um so mehr, als der Etat, besonders durch Erhöhung des Mietspreises und Ausdehnung der Lesezeit naturgemäß eine dauernde Mehrbelastung, erfahren hat. Mit innigen Dankesworten an alle Wohltäter des Institutes und einem warmen Appell an die Mitglieder, in ihren Kreisen für die materielle Förderung der Lesehalle zu wirken, schloß der Vorsitzende seinen interessanten Bericht. Nachdem Herr Professor Dr. M. Schäfer über die Bücherrevision berichtet hatte, erstattete.Herr Beuas Levy den Kassenbericht, bei welcher Gelegenheit er Frau Franziska Ginsberg für ihre anläßlich verschiedener Gedenktage der Lesehalle bekundete Munifizenz den Dank des Vereins aussprach, worauf auf Antrag der Revisioren einstimmig die Entlastung für den Schatz-¬ meister erfolgte. Bei den sodann vollzogenen Wahlen wurde der Gesamtvorstand sowie die. Revisoren durch Zuruf wiedergewählt. Der Verein „Jüdische Lesehalle und Leihbibliothek", besten Bestrebungen auf die Erhaltung und Stärkung des Judentums, sowie auf die Förderung seiner unvergänglichen Kulturgüter gerichtet sind, verdient die weitgehendste Förderung. Möge ein jeder sein Bestes dazu beitragen! Nur durch tatkräftige Mitarbeit weiter Kreise kann die sichere Grundlage geschaffen werden für ein erfolgreiches Gedeihen dieses segenreichen Werkes. Berlin, 25. Januar. Nach zuverlässigen Mitteilungen wird nun endlich nach langer Pause der Bau des jüdischen Krankenhauses energisch in Angriff genommen werden. Den Herren Baumeistern Körte und Reimann,'welche auf dem Gebiete des Hospitalbaues besonders bewährt sind, und denen bei der Ausstellung der eingereichten Pläne von der eingesetzten Jury der erste Preis zuerkannt wurde, ist unter Zuziehung des Gemeindebaumeisters Herrn Höniger, die Ausführung des Baues übertragen worden. Zum Dirigenten der inneren Abteilung sowie zum Leiter der Entbindungsanstalt sind die Herren Professor Dr. Strauß und Dr. Bruno Wolfs gewählt. Die neue.Stellung eines Verwaltungsdirektors ist noch nicht besetzt, da bei der Wichtigkeit dieses Amtes der Vorstand nur besonders dazu befähigte Personen berücksichtigen kanm und aus diesem Grunde noch weitere Bewerbungen abzuwarten gedenkt, um alsdann eine Wahl treffen zu können. Die Anstalt mit ihren weitläufigen Baulichkeiten wird unter den Krankenhäusern unserer Residenz einen würdigen Platz einnehmen und der jüdischen Gemeinde zur Zierde gereichen. Berlin, 23. Januar. Der Eröffnungstermin des jüdischen Genesungsheims zu Lehnitz für Frauen und Mädchen ist in diesem Jahre für den 1. März festgesetzt. Da in den Sommermonaten stets eine große Anzahl von Gesuchen wegen Ueberfüllung des Heims abgelehnt werden muß, für die Frühjahrsmonate März bis Mai jedoch noch Plätze verfügbar sind, empfiehlt es sich, Eingaben um Aufnahme umgehend an das Bureau, Berlin 6., Rosenstr. 2/4unter Beifügung eines ärztlichen Attestes zu richten. Berlin, 20. Januar. In der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin hielt Rabbiner Dr. Warschauer einen Vortrag über das Thema: Zur Frage des apologetischen Unterrichts. Der Vortragende bemerkt zum Eingänge, daß er das weitschichtige Thema des apologetischen Unterrichts nicht erschöpfend behandeln, sondern nur einige ihm wichtig erscheinende allgemeine Gesichtspunkte erörtern wolle. Nach Darlegung des Unterschiedes zwischen der theologisch, wissenschaftlichen und der schulmäßigen Apologetik behandelt er zunächst die Frage, ob dieser Unterricht in einer besonderen Stunde zu erteilen fei. Aus pädagogischen sowohl wie aus ethischen Gründen sei dies zu verneinen; es sei vielmehr der betreffende Stoff teils im systematischen, teils im geschichtlichen Religionsunterricht an der entsprechenden Stelle unterzubringen, was sich ohne große Schwierigkeiten bewerkstelligen lasse. Sodann wendet sich der Redner zu der in der Auseinandersetzung mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung gegebenen Aufgabe. Sie sei an sich nicht schwierig, da der die Masten noch immer beherrschende platte Materialismus leicht ad absurdum zu führen sei, was an Beispielen gezeigt wird. Indessen sei nicht zu übersehen, daß diese Apologie der Religion auf die Dauer nur dann wirksam bleibe, wenn für Uebereinstimmüng des religiösen Weltbildes mit der wirklich gesicherten modernen Weltanschauung auch sonst durch den Unterricht gesorgt fei. Es müsse daher von hier aus wiederum die Ausschaltung des , Supranaturalismus besonders aus dem Geschichtsunterrichte gefordert werden. Was nun endlich die so wichtige Auseinandersetzung mit der christlichen Religion angehe, so sei zwar die Auseinandersetzung mit dem dogmatischen Christentum schon deshalb notwendig, damit der eigentliche historische Charakter dieser Religion deutlich werde.

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