Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228912--66209-3278333- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mit vor Erregung gerötetem Gesichte blickte der Sprechende auf seine Frau. Da brachte das Hausmädchen einen Brief. Er kam aus der Garnison von dem Sohne Max. Erwartungsvoll und mit zitternden Händen öffnete Herr Werner den Brief. Kaum hatte er die ersten Zeilen gelesen, da überzog sein Gesicht Bläffe, und heftiges Zittern ergriff ihn. In kurzen Worten teilte der Sohn mit, daß das Offizierkorps ihn ohne jede Angabe von Gründen abgelehnt habe, und er fügte hinzu, daß die Ablehnung ohne Zweifel erfolgte, „weil er ein Jude sei!" „Weil er ein Jude ist!" Diese schwerwiegenden Worte sind dem bestürzten Vater schier unfaßbar, und er sinkt in tiefes Sinnen. Dann heben sich langsam seine zitternden Hände, sie erfassen das Ehrenzeichen, das ihm einst angelegt worden war, nicht weil er ein „kein Jude war", sondern ein tapferer, brauchbarer Soldat, und legen es zur Seite. — Ein schwerer Seufzer entringt sich seiner Brust. .j Litrrsrilche Nundlchsu. Lehrbnch der jüdischen Religion von Dr. F. Coblenz, Rabbiner der Synagogengemeinde Bielefeld. Zweite, neubearbeitete Auflage. 1909 Verlag von Quelle und Meyer in Leipzig. Das „Lehrbuch der jüdischen Religion" von Coblenz. dessen erste Auflage zu so ausgedehnten Erörterungen Anlaß gegeben hatte, liegt nunmehr in einer zweiten, neubearbeiteten Auflage vor. Das Buch muß von zwei Seiten bewertet werden: von der pädagogischen und von der wissenschaftlichen. Bon der ersteren an dieser Stelle zu reden, liegt um so weniger Veranlassung vor. als die pädagogische Bedeutung schon bei der ersten Auflage fast allgemein anerkannt worden ist; denn der Versuch, die katechismusartige Behandlung der Religionslehre auszuschalten, ist geglückt. Die wesentlich einfacher und schlichter gestaltete Ausdrucksweise dieser Auflage und die bessere Disposition, welche die Einprägung des Stoffes sehr erleichtert, bedeuten zudem dankbar zu begrüßende Verbesserungen. Eine gründliche Umgestaltung hat die Darstellung der Ideen erhalten. Während man bei der Lektüre der ersten Auslage nur zu oft das Gefühl hatte, als ob der Verfasser Nachweisen wollte, daß die Ethik des Judentums ebensogut sei wie die des Christen, und daß die Lehre des Judentums mit den heute herrschenden philosophischen Modeanschauungen vereinigt werden könne, klingt die zweite Auflage viel selbständiger und positiver. Der Verfasser hat auch versucht, die Tätigkeit der vorgetragenen Ideen aus dem nachbiblischen Schrifttum zu erweisen. Zu einer Darstellung der Entwicklung der religiösen Sähe finden sich jedoch kaum schwache Ansätze. ■ Aufgabe dieser Besprechung ist es weniger, auf die vielen Stellen hinzuweisen, bei denen sich der Verfasser — nicht zum Schaden seines Buches — von der Kritik hat belehren lassen, als diejenigen Punkte hervyrzuheben, die in späteren Auflagen einer Verbesserung bedürfen. So betrachtet das Kapitel, das von der „Bestimmung des Menschen" handelt, den Menschen nur in seiner Bedeutung für die Gemeinschaft und viel zu wenig als Individuum. Die Pflicht gegen uns selber, das Bewußtsein vom eigenen Werte, von der Notwendigkeit der Selbsterhaltung, das Streben nach möglichster Vervollkommnung der eigenen Person, fehlt völlig! Ebensowenig durfte die Gleichheit aller Menschen, zumal die Rechtsgleichheit, in einem Lehrbuch der jüdischen Religion übergangen werden. Eine Erweiterung dieses Abschnitts ist eine dringende Notwendigkeit. Gewiß soll sich ein Schulbuch von den Tageskämpfen völlig sernalten, aber dennoch ist es zu mißbilligen, weün der Verfasser bei der Behandlung der. zehn Gebote sich ängstlich bemüht, die praktischen Forderungen dieser Sätze, die allein dem Kinde verständlich sind, zu unterdrücken. Der Inhalt dieses Abschnitts ist eher ein interessantes Feuilleton als eine dem Kinde ersprießliche Auseinandersetzung. Die Kapitel über „ Sünde und Büße" sowie über die „Unsterb - lichkeit"haben in ihrer neuen Gestalt die früheren ünjüdischen Anschauungen erfreulicherweise überwunden, der Abschnitt über „Mens che nschicksalund Gott vertrauen" berührt die Nebenerfolge des Leidens für die Charakterbildung des Menschen noch immer viel zu wenig. Ebenso muß bei der Behandlung der „Familie" die Bedeutung des zeremoniellen Lebens für das Haus stärker betont werden, und warum in der Darstellung der „Religionsgemeinschaft" im Gegensatz zur ersten Auflage jede Erwähnung der jüdischen Rasse unterbleibt, ist unerfindlich. Zu bemängeln ist ferner, daß die Bedeutung des Gemeinschastsgebets in seinem Werte als Bekenntnis und Belehrung über die Ideen des Judentums nicht einmal erwähnt ist. Ganz ernstlich ist zu rügen, daß die Wichtigkeit der hebräischen Gebetssprache völlig unterdrückt ist. Der Abschnitt über das „Vaterland" verkennt des Juden Stellung als Staatsbürger vollständig. Daß im Vaterlande auch der jüdische Staatsbürger nicht .ein geduldeter, sondern ein vollberechtigter und verantwortlicher Faktor ist, geht aus dem Buche nicht hervor. Hier wäre etwas mehr Selbstbewußtsein durchaus am Platze. Abgesehen von diesen wie von anderen kleinen Mängeln empfinde ich als hervorstechendsten Fehler die Abwesenheit jeglicher Apologetik. Ein Lehrbuch der Religion, das nicht anhangsweise auch die Lehren fremder Religionen behandelt und dem jungen Juden nicht die nötigen Waffen gibt, damit er draußen im Leben alle Angriffe abwehren kann, erfüllt den Zweck nur unzulänglich. Die Anschauungen des Verfassers entfernen sich von diesem Ziele noch sehr. Seine Behandlung der Feindesliebe z. B. enthält fast ein Bedauern, daß wir den dahinzielenden Satz des Christentums nicht besitzen. Es ist wohl zu hoffen, daß das Buch nach dieser Richtung hin noch fester und selbständiger wird, als auch daß die Hineinziehung der Apologetik allgemein als natürlicher und notwendiger Lehrgegenstand Anerkennung und Beachtung findet. Das Buch hält sich — im Gegensatz zur ersten Auflage — von jeder parteipolitischen Stellung fern. Was es lehrt, ist weder orthodox noch liberal, sondern jüdisch, und es beweist wieder, daß es im Juden, tum in der Sittenlehre einen einigenden Boden gibt, auf dem die ehrliche Orthodoxie mit dem Liberalismus Zusammengehen kann und muß. Trotz der besprochenen Mängel, die einem solchen ersten Versuch naturgemäß anhaften müssen, stellt das Buch in seiner zweiten Auflage eine wertvolle Bereicherung derpädagogischenLiteraturundeindurchaus taugliches Unterrichtsmittel dar, dem die weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Dr. Felix Goldmann-Oppeln. Sprechsaal. ^n meinem Artikel vom 24. Dezember v. I. über die „freie jüdische Vereinigung" stellte ich es als bezeichnend hin, daß in Gemeinden^, wie Köln und Breslau die Rabbiner beider Richtungen den. Aufruf der Vereinigung unterschrieben hätten. Zufällig gelangte dieser Aufruf heute wieder in meine Hände, und ich bemerkte, daß ich mich insofern geirrt habe, als der liberale Rabbiner der Breslauer Gemeinde, Herr Dr. Euttmann. den Aufruf nicht unterzeichnet hat. Der Irrtum muß dadurch entstanden sein, daß ich ihn mit einem Namensvetter verwechselt habe, der mit unter dem Aufrufe steht. Ich stelle diesen Irrtum hiermit fest; der Hinweis auf Breslau ist zu Unrecht geschehen. Dr. Norden, Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.