Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
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46 Juden überhaupt trifft. Nach Herrn Dr. Lessing soll es „ein echt jüdischer') Zug" sein, daß ein junger Primaner in Krakau, den er auf der Straße um eine Auskunft bat, „dessen Eltern noch im Ghetto wohnten, der aber seinerseits völlig „emanzipiert" dachte. . sich ihm schon nach zehn Minuten als deutschnational und „antisemitisch" vorstellte!" Leider hören wir nichts davon, wie denn Herr Dr. Lessing dem jungen Naseweis, der sein eigenes Nest beschmutzt, gedient habe. Dafür aber wiederum von seinen Besuchen verschiedener Gebetsvereine in Begleitung eben dieses Primaners und seiner bildhübschen Cousine, wo überall die große Holzkiste an der Wand hing, in der das.ewige Licht brennt, von welchem am Sabbat, wo kein Feuer augezündet werden darf, alles andere Feuer entfacht wird!" Das ist ja eine ganz ungeheuerliche, unmögliche Aussage, die von einer völligen Unkenntnis der S.n dat Gesetze zeugt. Unglaublich ist auch die angebliche Aussage der hübschen Cousine, daß „in Krakau nur Freitags Hochzeiten gefeiert werden dürfen". Der letzte Artikel über die Frauen und Mädchen enthält leider nur zu traurige bekannte Wahrheiten. Es mag auch hier und da eine so schandervolle Entartung in die Erscheinung treten, das; eilt jüdischer Vater sein eigenes Kind der Schande preisgibt. Aber das offenbare Bestreben, überall dramatisch zugestutzte „Erlebnisse" mitzuteilen, scheint mir auch hier über das Ziel zu schießen. Denn wenn es Herrn Dr. Lessing begegnete, daß er „bei einer planlosen Wanderung im Krakauer Jndenviertel unmittelbar vor seiner Abreise" einem halbwüchsigen, vielleicht vierzehnjährigen Mädchen „mit einem rührend resignierten, schwärmerischen Mignongesicht, ganz dunkel, ganz blaß ... in armselig dürftigem Kleide" nur eine Weile nachblickt und ihm alsbald der Vater „Karfunkelstein" auf der Ferse ist. um ihm seine Tochter anzubieten, so ist dies geeignet, unwillkürlich die Vorstellnng zu erwecken, daß solche Schmach, solche zu den Alltäglichkeiten daselbst gehört. Man begreift aber auch nicht recht, warum der Karfunkelsteiu es mit seiner Tochter auf Herr:: Dr. Lessing abgesehen hatte, da er ihm bekennt, daß „ein christlicher Graf, ein Offizier mit hohem Namen . . . bereit sei, für sie eine beträchtliche Summe zu zahlen". Denn daß er glauben sollte, mit dieser Anpreisung einen andern anzureizen, diese Naivetät kann man einen: „Karfunkelstein" nicht zutrauen. Die Verhältnisse sind da so tieftraurig, daß man sich hüten sollte, die furchtbare Wirklichkeit noch zu übertrumpfen. tzolkkrrisch. Von Dr. A. Mnrcuse-Sulzbürg. egenüber der herrschenden Deutung des Wortes „Cholckrasch" als „^1N - kreisch", wobei das erste Wort") hebräisch, das zweite deutsch ist und zusammen „Nennung des alltäglichen Namens" bedeutet, sowie der neuerdings von Lövenstein gegebenen Erklärung, wonach das Wort von Holda- „Holle" der deutschen Mythologie abgeleitet wird,^) dürste die im folgenden über den Namen und die damit bezeichnete „religiöse" Feierlichkeit, die besonders in Süddeutschland begangen wird, gegebene Erklärung als die richtige einleuchten. 1) Dieses Wort ist auch im Original gesperrt gedruckt. 2) Universal-Agenda, L. Wolf, Berlin. 189 t. y) Laubhütte 47. Dezember 1898, S. 730. Die Sage vom Storch ist bekanntlich ein Produkt des deutschen Geistes. Ihr Hauptwert liegt in dem außerordentlichen Nutzen, den sie bei ihrer praktischen Anwendung halberwachsenen Kindern gegenüber bei der Ankunft eines neuen Weltbürgers mit sich bringt. Dieser Nutzen ist es, welcher der Sage ihre Popularität verschafft hat. Sie hilft einem pädagogischen Bedürfnisse ab. " Ein solches Bedürfnis aber machte sich schon geltend, bevor diese Sage, ja bevor noch ein deutscher Geist existierte, in jenen Kreisen, deren Umgangssprache hebräisch war. Dieses pädagogische Bedürfnis war um so fühlbarer, da die hebräische Sprache kein Wort für „Wöchnerin" besitzt. Das dafür gebrauchte rHpV heißt „Gebärende", ein Ausdruck, der besonders im Familienkreise am liebsten vermieden wurde, damit Kinder nicht allzufrüh zu Vorstellungen von einem Vorgänge gelangen, die durch das Wort rn^V unvermeidlich entstehen müssen. In der Tat war auch für Wöchnerin ein geeigneterer Name eingeführt, geeignet vorzugsweise deswegen, weil er von einem Gebrauche abgeleitet ist, welcher' sogar Kindern wohlbekannt war. Dieser Name ist yftW DX’Hp N^IH abgekürzt nblJl» buchstäblich Cholekrasch und bedeutet eine Kranke, bei der Krias-Schma stattfindet, Schma gelesen wird. Es herrschte nämlich der Gebrauch und wird hier und da heute noch gepflegt, daß kleine Kinder allabendlich in das Haus der Wöchnerin kommen und dort den ersten Abschnitt von Schma hersagen. Aeltere leistungsfähigere Kinder sagen auch und noch andere Bibelstellen. Schreiber dieser Zeilen war Zeuge, wie eine Mutter ihrem Lieblinge einschärfte, daß er weder zu schnell noch zu leise, sondern jedes Wort deutlich ausspreche, damit der neugeborene Junge „Alles verstehen und einmal ebenfalls gut hersagen kann". Das Kind tat sein Bestes und wurde auch alsbald mit Zuckerbackwerk und Kirschen belohnt. Es ist den Begriffen der modernen Jugend angemessener, etwas im Interesse des neugeborenen kleinen Kindes zu tun, als der „großen" Frau, die als Wöchnerin im Bette liegt, woher die Mißdeutung von dem Zwecke dieses Gebrauches, welche jene Mutter ihrem Kinde gab, entstanden sein mag. Der wahre Zweck hatte ehemals viel ernstere Bedeutung, als dem Neugeborenen nachahmungswürdige Muster vorzuführen; er geht aus jenem uralten Aberglauben hervor, daß Lilith, die Fürstin der Teufel, die als Gemahlin des Satan galt, unablässig bestrebt ist, jede Wöchnerin in ihre Gewalt zu bekommen, daher wurde allabendlich Schma hergesagt, um die Wöchnerin vor den bösen Geistern zu behüten. Ueberall nämlich, wo uns heute wissenschaftliche Untersuchungen über Ursache, Wesen und Heilung der Krankheiten Auskunft geben, mußten einstmals Engel und Teufel für alles herhälten, was man nicht verstand, alle Lücken ausfüllen, wo man zu kurz kam. Das Wochenbettfieber, welches unzählige Opfer dahinraffte, ließ den besagten Aberglauben entstehen. Von den entsprechenden, selbstverständlich nur in religiösen Gebräuchen bestehenden Vorsichtsmaßregeln, die man, um die Frauen vor der bösen Krankheit zu beschützen, traf, hat sich noch ein Teil vollständig erhalten. Hierher gehören die TtP. die heute noch keine strenggläubige Familie über alle Oeffnungen des Zimmers, wo die Wöchnerin ist, Türen, Fenster, Kamin und eins am Kopfende des Bettes anzubringen unterlassen wird. Von einem Teile hat sich nebst wenigen Trümmern der Name noch erhalten. Dieses ist der Name Chole Krias Schma nbin für Wöchnerin. Es braucht wohl hier nicht erst auf Quellen hingewiesen zu werden, daß Krias Schma die spezifische Kraft, böse Geister zu bannen, besitzt.