Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Atollen?uden„Lindrücken aus Ggli?ien". Von Prof. Dr. S. Kalischer.') s wäre unverständlich, wenn die Ausführungen des. Herrn Dr. Theodor Lessing an dieser Stelle unwidersprochen blieben. Mich wenigstens drängt es, nachdem der Schlußartikel erschienen ist, zu bekennen, daß die „Eindrücke", die er. in Nr. 49 und 51—58 mitteilt, auf mich den Eindruck gemacht haben, daß sie, wenn auch zum Teil auf Beobachtung beruhend, zum andern Teil nicht wirklich erlebt sind. Zum Beweise genügt die Schilderung seines Besuches des Freitag- Abend-Gottesdienstes in einem kleinen Verein der „Allerfrömmsten", denn darin erzählt er (Nr, 51, S. 610), daß sie „Tefillim (sic!) und Zizzith hatten" — am Freitag Abend!! Das kann er also unmöglich gesehen haben. Und welche Kenntnis vom jüdischen Leben setzt diese Erzählung voraus! „Die Zusammenkunft dieser kleinen Schar religiöser Fanatiker", die in jenem verfallenen Hause „Mischna abhielt" — was das heißen soll, kann sich der Kundige wohl denken, aber es . ist zweifelhaft, weshalb Herr Dr. Lessing diese unzutreffende Bezeichnung gewählt hat — soll ferner, „streng geheim abgehalten" werden. Trotzdem kam er, der doch als Fremder sofort kenntlich war, da er schwerlich „Kaftan und Paies" trüg — daher ist es auch unmöglich, daß er auf seine Anfrage an „den ersten besten. der erscheinenden Kaftan - träger", ob er als Fremder „Mariw mitmachen kann", die Antwort erhalten habe: „Kann ich wissen, ob Se sind e Fremder?" — ohne die geringste Schwierigkeit hinein. Niemand hinderte ihn. Der Angeredete war vielmehr verwundert, daß er danach erst frage. So „streng geheim" wurde die Zusammenkunft abgehalten! Die Leute kommen von der Straße her, also aller Welt sichtbar, und „der Zustrom neuer Ankömmlinge hörte nicht auf".' Und drinnen kümmerte sich kein Mensch um ihn, obwohl er anfänglich glaubte, daß das ekstatische Gebühren beim Beten, das er in unerhört übertriebenen Ausdrücken schildert, durch seine Gegenwart mindestens erhöht worden sei. Dasselbe bildete er sich ein, als er dem Gottesdienst in der „alten Schul", ebenfalls, wie es scheint, an einem Freitag, beiwohnte (Nr, 49 S. 588,1) und die Ekstase der hier Betenden kann nach seiner Schilderung keine geringere gewesen sein als bei jener „streng geheimen Gebetsekte", die angeblich zum großen Teil aus „Chassidim" bestand. Denn so sagt Herr Tr. Lessiüg von den ersteren: „Einige waren oft wie wilde Tiere!!" Und wenn er von dem „Vorsänger" in der „alten Schul" sagt: „er sprang her und hin, überschrie sich in unverständlichen (!) hebräischen Lauten", so hat ihn wohl sein ^uge in dem halbdunklen Raum getäuscht. Denn eine solche Bewegung des Vorbeters während des Gebetsvortrages wäre doch gegen das Ritual. Auch das kann nicht richtig sein, daß dem Vorsänger in der „alten Schul", wie Herr Dr. Lessing -agt, keiner zuhörte. Denn jeder altgläubige Jude würde sich Buer schweren Versäumnis schuldig machen, wenn er nicht das Aussprechen des Gottesnamens in den von dem Vorbeter oorgetragenen Segenssprüchen mit dem „Gepriesen sei Er und sein Name" und den Schluß derselben mit „Amen" begleitete. Auch die Beschreibung des Raumes, in dem die „streng Geheimen" ihr Gebet verrichteten, kann nicht völlig zutreffen. „In dem kleinen, engen, halbdunklen Raume stand nichts als nn paar wurmstichige"Bänke und Tische, worauf ungeheure debräische Folianten lagen, schmutzig, zerlesen, in einer uralt schwerfälligen Schrift." Wirklich weiter nichts? Nicht einmal ') Eingegangen am 6. Januar. Die Redaktion. eine heilige Lade? Und was mag das wohl für eine „uralt schwerfällige Schrift der hebräischen (!) Folianten" sein! Den Nachweis, daß die „Eindrücke" des Herrn Dr. Lphantasievoll ausgeschmückt sind, habe ich an diesen Einzel-' heiten, denen sich leicht mehrere andere zugesellen ließen, zu. erbringen gesucht, weil sie zugleich als ein Gradmesser der Wirklichkeit seiner folgenden Ausführungen dienen können, in denen er gegen das moralische Verhalten der armen galizischen Juden die schwersten Anschuldigungen schleudert. Zwar ist es nur zu bekannt, daß das wirtschaftliche Elend, in dem ein sehr großer Teil der jüdischen Bevölkerung Galiziens schmachtet, auch das sittliche Niveau tief hinabgedrückt hat. Aber was gegen die Verallgemeinerung des moralischen Tiefstandes mißtrauisch macht, das sind gerade die in der Form von „Erlebnissen" sich gebenden Mitteilungen des Herrn Dr. Lessing. Und das folgende (Nr. 52, S. 622) soll Zeugnis ablegen „von der. naiven Selbstverständlichkeit und Freude, mit der der polnische Jude zu „ganeffen" pflegt."') Er brauchte in einem — nicht genannten — Orte Galiziens eine notarielle. Beglaubigung, hatte aber — sehr merkwürdig — keinerlei Legitimationspapiere bei sich. In dieser Verlegenheit wandte er sich an seinen Wirt, natürlich einen polnischen Juden. Wozu tat er das? Er konnte doch nicht glauben, daß dieser, „nennen wir ihn", sagt Herr Dr. L., „Edelstein", ihm ehrlicherweise würde helfen können, da er in der Stadt, die er soeben erst betreten hatte, niemanden kannte und in der ihn niemand kennen konnte?) Aber vielleicht wäre der Wirt, wenn er ihm einige mit Poststempel versehene Adressen und einige Visitenkarten vorgelegt hätte, doch befugt gewesen, ihn beim Notar zu rekognoszieren. Dieser Ausweg kam merkwürdigerweise gar nicht in Frage, denn Herr Dr. Lessing brauchte eine Szene, und so läßt er sich von Herrn Edelstein vertrösten, daß er vorder Haustür des Notars zwei Personen antreffen würde, die seine Identität bezeugen könnten, wenn er nur „einige Kreuzer Trinkgeld geben wolle". Ohne Bedenken versprach das Herr Dr. Lessing, und richtig, auf seinem Wege zum Notar traten nicht weniger als fünf polnische Juden nacheinander an ihn heran, begrüßten ihn und taten, als ob er ein alter Bekannter von ihnen wäre. Herr Dr. Lessing traut nun diesen armen Juden, die er sonst immer für sehr intelligent erklärt, die Dummheit zu, daß „der eine dem andern, sobald er hörte, daß es etwas zu verdienen gab, seine Personalien weitergegeben hatte", anstatt den Verdienst für sich selbst einzuheimsen! Die Erzählung leidet an innerer und äußerer Unwahrscheinlichkeit. Ohne weiteres zugegeben, daß einige Juden, von dem Wirt Edelstein veranlaßt und über seine Persönlichkeit, soweit sie ihm durch Herrn Dr. L. selbst bekannt gegeben war, informiert, bereit waren, ihn beim Notar zu rekognoszieren, so glaube ich doch, daß, wenn den Juden desungenannten galizischen Ortes die „Eindrücke" des Herrn Dr. L. zu Gesichte kämen, sie seine Behauptung: „die ganze Gesellschaft war erbötig, für ein paar Heller jeden Meineid zu schwören, daß ich ein alter Bekannter von ihnen sei", für eine arge Verläumdung erklären würden. Eine Rekognoszierung vor dem Notar ist keine so schwere Prozedur, und ein Eid wird dabei bekanntlich nicht geleistet, auch keine eidesstattliche Versicherung abgegeben. Schade, daß Herr Dr. Lessing nicht mitteilt, wie es nun eigentlich mit der Identifizierung seiner Person vor dem Notar geworden ist. Unter den „Eindrücken" befindet sich aber auch eine Bemerkung, die nicht bloß die galizischen Juden, sondern die 1) pflegte im Text ist wohl ein Schreib- oder Druckfehler. 2) Dieses Wort ist auch im Original gesperrt-gedruckt.