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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-28 · Heft 4 (28.1.1910) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
Seite 44 (sequence 8)
Language
German
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zum Empfang der kauflustigen Menge öffneten/ erschienen ein paar Ordnungsmänner, allerdings in Zivildie mich, darauf aufmerksam machten, daß ich ohne polizeiliche Bewilligung nicht das Recht hätte, Bier auszuschänken. Ich hatte nämlich eine wunderschöne altdeutsche Bierstube hergestellt. Das Bier hatte ich gratis von einem uns befreundeten katholischen Brauereibesitzer geschenkt erhalten. Da war also guter Rat teuer! Aber die Schwierigkeit wurde bald überwunden; da der Polizeipräsident auch gleichzeitig Sekretär unserer Gemeinde war, konnte die Sache telephonisch schnell zu unserer Zufriedenheit geordnet werden. Da nun die größte Schwierigkeit, der Kostenpunkt, erledigt war, und meine Hilsstruppen sich außerordentlich bewährten, konnten wir im November desselben Jahres die Speiseanstalt für jüdische Schulkinder eröffnen. Ein paffendes Lokal erhielten wir vom Bezirk der Stadt unentgeltlich, unter der Bedingung, zehn christliche, Kinder mit zu beköstigen, und eine Freude war es zu sehen wie auch diesen, mit unseren 40 Kindern zusammen das koschere Essen schmeckte und mit welcher Regelmäßigkeit die Judenkinder kamen, allen Unglückspropheten zum Trotz. Doch war dies nur der Anfang von meinem eigentlichen Plane; denn um erziehlich aus die Kinder einzuwirken, die den ganzen Tag, außer den kurzen Stunden in den Volksschulen, sich selbst überlassen, aus den Straßen herumlungerten und natürlich sehr schnell alle Schattenseiten ihrer schwedischen Kameraden kennen lernten und annahmen, mußte man sie stundenlang unter Aufsicht haben und suchen, sie zu beschäftigen. Ich wartete nur den geeigneten Zeitpunkt ab, um meinen Plan zu realisieren. Dieser kam endlich nach zehn Jahren, in denen die Speiseanstalt allmählich so besucht war, daß das Lokal zu klein wurde, und wir, da wir unterdessen Zuschuß aus der Gemeindekasse erhalten hatten, eine eigene Wohnung mieten - konnten. Und nun endlich konnte mein sehnlicher Wunsch der Nachmittagschule in Erfüllung gehen. Zwei junge Damen, die schon jahrelang, die eine von Anfang an bis zu ihrer Verheiratung, die Speiseanstalt mit großem Eifer leiteten, nahmen sich nun der neuen Einrichtung mit gutem Erfolge an. Nachdem wir durch Sammlungen unser Kapital vergrößert hatten, und ein Komitee gebildet wurde, konnten wir im Herbst 1902 mit der Arbeitsstube für jüdische Kinder beginnen. Hier, in lustigen, freundlichen, warmen Zimmern erhalten die Kinder, nachdem sie sich im Vorraum sauber gewaschen und gekämmt haben, an langen weißgedeckten Tischen ein reichliches, aus zwei Gerichten und Brot bestehendes Mittagessen. Die größeren Mädchen und Knaben müssen wochenweise sowohl beim Decken und Abräumen als auch beim Herumreichen der Teller helfen. Nach Tische waschen einige Mädchen das Geschirr ab, während Knaben Holz und Kohlen herauftragen, die Treppen fegen usw. Währenddessen sind die anderen Kinder unter Aussicht der Lehrerin ins Freie gegangen, wo sie sich im Winter mit Schlittschuhen und Handschlitten vergnügen. Nach dieser einhalbstündigen Pause beginnt der Unterricht. Dieser besteht in Handarbeit und Kunsthandwerk. Hier sehen wir Knaben und Mädchen von 12 bis 14 Jahren an der Nähmaschine, der Hobelbank, dem Webstuhl, mit Körbeflechten, Bürstenbinden usw. beschäftigt, während junge Damen sich abmühen, den Kleinen und Kleinsten das Stricken, Häkeln, Strümpfestopsen, Ausbessern, Bast- und Strohflechten usw. beizubringen. Nützliche und schöne Gegenstände entstehen da, und einmal im Jahre findet im Gemeindesaal ein Verkauf der Arbeiten statt. Die Besen. und Bürsten, die Tischlereigegenstände, Puppenmöbel, Staub- und Handtücher, Kinderanzüge und allerhand nette und nützliche Dinge erfreuen sich einer großen Beliebtheit in.unserer Gemeinde. Um 4 Uhr erhalten die kleinen Arbeiter warme Milch und Brot, und endlich um 7V2 Uhr. nachdem sie auch in verschiedenen Abteilungen am Religionsunterricht, der im Schulsaale von dem von der Gemeinde angestellten Lehrer erteilt wird, teilgenommen, auch ihre Schularbeiten für den Volksschulunterricht gemacht haben, wird die Schar noch einmal mit einer Milch-- grütze oder Suppe abgespeist , und entlassen. Sonnabend und I Sonntag sind natürlich freie Tage. Großartig wird die Leitung dieser beinahe aus 100 Kindern bestehenden Anstalt gehandhabt. . - Die Vorsteherin, die sich ganz ohne Entgelt der Sache widmet, ist ein Muster an Ordnung und Geduld, ebenso die Hauptlehrerin und ihre Schwester, die beide eine Besoldung empfangen, während noch 5—6 junge Damen sich in liebenswürdiger Weise mit den Kindern beschäftigen. Einen kleinen Zug der musterhaften Ordnung, die ich nicht genug bewundern kann, will ich noch erwähnen. Nach Tische kann man eine Reihe von Kindern um den Schreibtisch der Damen geschart sehen; jedes hat eine oder mehrere Kupfermünzen in der Hand. Um diese zukünftigen Finanzgenies zum Sparen anzuhalten, hat man folgendes System eingesührt. Jedes Kind liefert jeden Pfennig, den es bekommt, ab; sind 10 Pfennig beisammen, bekommt es eine Marke, die es auf ein mit seinem Namen, in zehn Abteilungen geteiltes Blatt aufklebt; ist das Blatt voll, bekommt es ein Sparbankbuch, in dem es dann jede weitere Krone einlegt. Und über all diese Ersparnisse muß die Lehrerin Buch führen! Auch eine kleine Leihbibliothek ist eingerichtet und wird lebhaft benutzt. Hand in Hand mit der Arbeitsstube, unter derselben Leitung, geht im Sommer die Ferienkolonie. Auch diese ist durch private Geschenke, sowohl an Geld als Grundstück, entstanden. Auf einem gemieteten Dampfer ziehen die frohen Scharen aufs Land hinaus und genießen dort beinahe zwei Monate in der herrlichen Natur ihre Sommerfrische. Zu erwähnen wäre noch der Verein Schule und Zusammenkünfte für junge jüdische Arbeiterinnen, der das geistige und oft auch leibliche Elend der eingewanderten russischen Mädchen lindern will. Auch hierzu mußte ich eine Privatsammlung veranstalten, erhielt aber schon nach einem Jahre Zuschuß von der Gemeinde. Junge Frauen und Mädchen unterrichten die Arbeiterinnen im Lesen und Schreiben, oft auch Sprechen der Landessprache, stehen-ihnen in jeder Beziehung mit Rat und Tat zur Seite, versuchen ihnen Stellen zu schaffen oder lassen sie etwas lernen. Wir haben schon in den wenigen Jahren recht schöne Resultate erreicht. Auch versuchen wir durch gesellige Zusammenkünfte, populäre Vorlesungen, Musik und Spiel die Mädchen von schlechten Vergnügungen oder tristem Alleinsein fern zu halten. Und das Verhältnis zwischen den vom Schicksal begünstigten und den armen, in die Fremde hinausgestoßenen Frauen und Mädchen ist ein rührend freundschaftliches, so daß man hier diese soziale Frage aufs beste gelöst sieht. E

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