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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-28 · Heft 4 (28.1.1910) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
Seite 43 (sequence 7)
Language
German
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43 zurückzukehren. Oder meint Herr Brepohl unsere Zionisten? Dann generalisiere er gefälligst nicht. Wenn er etwas über Zionisten gelesen hat, muß er auch wissen, daß die erdrückende Mehrheit der deutschen Juden dem politischen Zionismus entgegenarbeitet, und daß selbst die Zionisten in erster Reihe die rechtlich gesicherte Heimstätte denen schaffen wollen, die sie in den europäischen Ländern nicht haben, den Juden in Ruß-, land und Rumänien. Diese armen Wanderer! Sie träumen von Brot und ruhigem Notlager, Herr Brepohl läßt sie von Herrschaft und Macht träumen. Kennt er die wahren Verhältnisse nicht? Wenn nicht, warum — frage ich abermals — schreibt er über Juden, ohne sich Belehrung geholt zu haben? Wenn ja, warum verletzt er gröblich die Wahrheit? Im Jahre 1832 schrieb Zunz in der berühmten Vorrede zu dem Buche „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden": „Die reale (vorgebliche) Kenntnis >.es Judentums steht noch heute, wo sie vor 135 Jahren Eisenmenger hingestellt hat, und die philologische ist sogar seit 200 Jahren fast nicht von der Stelle gerückt. Daher kommt es, daß selbst schätzbare Schriftsteller, sobald das Judeukapitel herankommt, ganz andere, man möchte sagen, gespenstige Natur annehmen; daß alle Zitate aus den Quellen den Subsidienwerken des 16. und 17. Jahrhunderts nachgeschrieben werden; daß man längst siegreich widerlegte Einwürfe wie unsterblichen Kohl auftischt, und verlassen von aller wissenschaftlichen Tätigkeit, von allem zeitgemäße!,, gehörigen Apparat, das Orakel der Wichte befragt. Manche konstruierten, unwissend oder böswillig, aus einem erträumten Judentum und ihrem eigenen Christentum eine Art von Bekehrungssystem oder folgerten die Notwendigkeit rückschreitender Gesetze." 77Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Ist es damit besser geworden? Wie wir sehen — und leider steht ja der Fall keineswegs vereinzelt da —, in sehr geringem Maße. Nach wie vor hat man nur ein Ziel vor Augen: die Verunglimpfung und Diskreditierung des Judentums und derJudenheit; nach wie vor holt man sich das Rüstzeug dazu aus notorisch befangenen Schriften oder Traditionen des Mittelalters, und nach wie vor werden jüdische Autoren nicht befragt und nicht gelesen. Ja, die Schuld unserer Zeit ist größer als die der verflossenen Jahrzehnte. Im Jahre 1832 durfte man sagen, man könne sich über das Judentum nicht objektiv orientieren; heute müssen wir sagen: man will sich nicht orientieren. Das ist des Pudels Kern: man will sich nicht eines Besseren belehren lassen und will sich nicht trennen von den ererbten Unsitten und überkommenen Mißbräuchen. - Wie schwer ist es doch, alte Vorurteile erfolgreich zu bekämpfen! Und doch müssen sie bekämpft werden. Linigk Milche Wohltstigkeitseinrichtungen in Stockholm?' Von Toni Klein. icht von den trefflichen Wohltätigkeitsanstalten aller Art, die auch in Stockholm ausgezeichnet wirken, sondern von einigen neueren, auf privatem Wege entstandenen I'oll im nachfolgenden die Rede sein. Der nachfolgende Artikel ist, durch mich veranlaßt, eigentlich ein Privatbrief, der mir aber der Veröffentlichung wert schien. Verfasserin ist die Tochter des unvergeßlichen Professors M. A. Levy in Breslau, Gattin unseres verehrten und beliebten Mitarbeiters G. Klein in Stockholm. L. G. Als wir vor 26 Jahren nach Stockholm kamen, hatte ich sofort ausgiebige Gelegenheit, unsere armen Glaubensgenossen kennen zu lernen. Wir wohnten im Gemeindehause, und die erste Zeit war mein Mann förmlich belagert von Hilfesuchenden, die ihm zu jeder Tageszeit ihre Sorgen ans Herz legen wollten. Dies wurde dann besser, als er sowohl wie der Armenvorstand ihre Sprechstunden zur bestimmten Zeit abhielten, obwohl die alten Kunden sich schwer in bie neue Ordnung fügen wollten, und Anmerkungen wie: ist er denn der König? usw. mußte man mit gutem Humor hinnehmen. Jedenfalls konnten wir uns überzeugen, daß in unserer Gemeinde viel gegeben wurde, und große Opfer an Geduld und Mittel gebracht wurden. Dennoch war das Verhältnis zwischen Nehmenden und Gebenden kein gutes. Allgemein hörte man von letzteren über Undankbarkeit und Untüchtigkeit der polnischen Juden sprechen, wenige hatten eigentlich Liebe und Duldsamkeit für sie. Um diesem Uebel abzuhelfen, gab es nur ein Mittel: Das Interesse der Gemeinde auf die Kinder zu lenken. Glücklicherweise fand ich hier sofort Verständnis und Stütze bei zwei klugen, tüchtigen Frauen, und schon im Jahre 1884 gelang es uns, den Bekleidungsverein für arme jüdische Schulkinder zu gründen. Jede Dame der Gemeinde wurde. zahlendes Mitglied, und schon im ersten Jahre konnten wir 30 Kinder vollständig bekleiden. Natürlich hat sich dieser Verein den Bedürfnissen angemessen vergrößert und konnte im vorigen Jahre sein 25 jähriges Bestehen feiern. Zu diesem Verein gehört auch das Fest, das wir jedes Jahr an Chanuka etwa 80—100 Kindern geben, bei dem sie mit Kaffee und Kuchen und allerhand guten Sachen bewirtet und mit nützlichen und angenehmen Gegenständen beschenkt werden. Auch findet sich immer irgendeine Ueberraschung, das kleine Volk zu amüsieren, Theaterspiel, Musikaufführungen, lebende Bilder usw. Seit den letzten fünf bis sechs Jahren ist die Zivilisation so fortgeschritten, daß die kleinen Gäste selbst für die Unterhaltung sorgen. Auf dieses Fest freuen sich die Kinder das ganze Jahr, und eine große Strafe ist es, wenn ein räudiges Schäflein davon ausgeschlossen werden muß. Die guten Resultate, auf die wir blicken konnten, spornten zu weiterer Tätigkeit an. Ich sah die Scharen von verwahrlosten, schlecht ernährten Kindern täglich hungernd und frierend in die Religionsstunde kommen. Und wohl wissend, daß man bei Kindern erst den Körper befriedigen muß, ehe man den Geist bilden kann, trat ich mit der Forderung heraus, eine Mittagspeiseanstalt zu gründen. Aber sonderbar genug scheiterten meine Bemühungen bei den meisten der maßgebenden Mitglieder unserer Gemeinde an dem Umstand, daß sie ein Absondern unserer Judenkinder nicht billigten und fanden, daß die Kinder in den damals gerade entstehenden, von einer Jüdin gestifteten Volksschulküchen essen könnten. Dies aber gaben die Eltern nicht zu und ließen die Kinder lieber hungern als treife essen. Dieser Umstand bestärkte mich in meiner Ueberzeugung, den Plan nicht fallen zu lassen, wohl einsehend, daß man kein Recht hätte, die Eltern durch die äußerste Not zu zwingen, von ihrer Ueberzeugung abzugehen. Um Mittel zu bekommen, arrangierte ich in unserer Privatwohnung im Oktober 1890 einen Bazar, zu dem Juden uwd Christen beitrugen und an dem die schwedische Jugend unserer Gemeinde mit Begeisterung und großem Geschick teilnahm. In zwei Tagen hatte ich die nötige Summe beisammen. Einer komischen Episode will ich noch Erwähnung tun. Als wir des Abends unsere Pforten

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