Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228912--66203-3278327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
42 Herberge... Der Jude findet für die von Vorurteil erzeugte und genährte, von Mißgunst, Neid und Eigennutz ausgebeutete, ihn oft begleitende unchristliche Verachtung Ersatz in Schätzen und Gold; bei seiner politischen Unselbständigkeit und Bedrückung auch Trost und Hoffnung in der Erwartung einer Zeit, die ihn aus Schmach und Elend erheben, in das gelobte Land zurücksühren und seine Herrschaft dereinst aufrichten werde. Der Zigeuner dagegen kennt sein Los und weiß, daß bessere Zukunft seiner nicht wartet." Man weiß wirklich nicht, ob man über solches Gerede, das in heuchlerischer Verbrämung den niedrigsten antisemitischen Kohl aus der Pfütze der „Wahrheit" intelligenten Lesern aufzutischen wagt, lachen oder weinen soll. Ich begreife aber auch nicht, wie der Herausgeber, Herr Lic. und Dozent für Philosophie, Th. Steinmann, die Spalten seiner Zeitschrift solchem Gewäsch öffnen konnte, und ich glaube, im Namen aller jüdischen Leser sprechen zu dürfen, wenn ich den Herausgeber bitte, uns weiterhin Derartiges vom Halse zu halten- Abgesehen davon, daß es zum mindesten geschmacklos ist, wenn ein Christ und Kulturmensch das Volk, dessen heiliges Buch auch ihm heilig ist, dessen Dekalog eingestandenermaßen noch immer die Grundlage der ethischen Ordnung aller christlichen Nationen ist, dessen antike Literatur der deutschen Wissenschaft angehört, das die hehrsten Gestalten der Kulturmenschheit, Moses, Jesus und Spinoza geboren hat, das au sämtlichen Kultnrbestrebungen der Gegenwart aufs lebhafteste teilnimmt, das die wenigsten Analphabeten zählt und ein Faktor ist im deutschen Wirtschaftsleben, kurzer Hand mit den Zigeunern vergleicht; abgesehen also davon, strotzen diese 29 Druckzeilen von derartigen Ungeheuerlichkeiten, daß es fast widerlich ist, diesem Schmutz nahezukommen. Es muß aber geschehen. Es soll an einem drastischen Beispiel gezeigt werden, weffen wir uns wieder in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts versehen können. Analysieren wir das edle Naß. „Der Jude schmiegt und biegt sich, ja er verkriecht, verbirgt und verleugnet sich, sobald es sein Vorteil erheischt oder die Not gebietet " — Ein zweitausendjähriges Martyrium trügt unsere Gesamtheit mit beispielloser Geduld um eines einzigen Wortes willen, und solcher Gesamtheit wagt man den Vorwurf entgegenzuschleuderu, sie verkrieche sich, wo es nur ihr Vorteil erheischt. Kennt | Herr Brepohl unsere Geschichte nicht? Wenn nicht, dann lerne er, bevor er schreibt; wenn ja, dann schreibt er bewußte Unwahrheit. Einige Zeilen vorher spricht er vom starren Festhalten der Juden an ererbter Sitte. Wie reimt sich dies starre Festhalten mit dem Sichverleugneu? Gewiß, es kommt vor, daß da und dort ein Jude so tut, als wäre er kein Jude, wie es ab und zu auch Vorkommen soll, daß ein Deutscher seines Vorteils halber sich verleugnet — der österreichische Feudaladel, dessen Ursprung gut deutsch ist, ist heute ultratschechisch; — daß aber Hunderte und Hunderte Juden Stellung und Amt stolz verschmähen, ehe sie ihrem Judentum untreu werden, daß Tausende und Abertausende Juden die Schwere des Daseinskampfes lieber doppelt auf sich nehmen, ehe sie pietätlos das Andenken ihrer Väter zertreten, heißt das auch sich verleugnen, sobald es der Vorteil erheischt? Doch weiter! „Das (nämlich dasSichverleugnen) findet auch äußerlich insofern einen unterscheidenden Ausdruck, als der Zigeuner stets von seiner „Nation", der Jude nur von „seinen Leuten" zu sprechen Pflegt." Der gute O. F. Berg, er würde vor Lachen dicke Tränen weinen, sähe er, wie in einer vornehmen Zeitschrift seine Posse: „Einer von unsere Leut", die das ulkige Wort geprägt hat, die wissenschaftliche Punze erhält! „Der Jude pflegt von „seinen Leuten" zu sprechen." Köstlich! Herr Brepohl muß sich jüngst den Schwank im „Berliner Theater" oder auf seiner heimatlichen Bühne angesehen haben, oder genügte ihm der Theaterbericht seiner Leibzeitung? Oder hat er seinen Wissensdurst über Judaica etwa gar bei Gebrüder Herrnfeld gelöscht? Oder hat er Quellenstudien getrieben? Dann heraus mit dem Quellennachweis. Ohne den zeihe ich ihn einer . . . Doch nein, ich verkrieche mich, ich sag' es nicht, wessen ich ihn zeihe, mag er es selbst verraten. Analysieren wir weiter! „Wenn der Jude bemüht ist, sich dauernden Wohnsitz, Haus und Herd zu gründen, und wenn er bürgerliche Rechte sucht in fremden Landen, so verschmäht der Zigeuner die Wohltat stehender Herberge." O, dieser süße Dolchstoß, diese verzuckerte Gistpille! Wie wird da so von oben herab dem Juden das Verdienst zugestanden, nach Seßhaftigkeit zu streben. Aber vergesset nicht, Juden, ihr strebet bürgerliche Rechte in fremden Landen an! Wie ist mir doch ein ehrlicher offener Judenfeind tausendmal lieber als diese Wölfe im Schafspelz! Dem deutschen Juden ist sein Vaterland ein fremdes Land! Ich weiß nicht, ob Herr Brepohl tatsächlich ein Urgermane ist, aber das weiß ich, daß in Preußen Slaven und Franzosen in großer Zahl kaum seit einigen Generationen leben, denen der ehrenwerte Herr sich nicht getrauen wird nachzusagen, sie suchen Bürgerrechte in fremden Landen. Aber natürlich gegen den Juden, mag er noch so lange im Lande leben, ist alles gestattet, er ist literarisch vogelfrei. Nur weiter! „Der Jude findet für die vom Vorurteil erzeugte und genährte, von Mißgunst, Neid und Eigennutz ausgebeutete, ihn oft begleitende unchristliche Verachtung Ersatz in Schätzen und Gold." Hörst du's Shylock, was die verächtliche Heuchelei dir zurust? Du hast s wilde Rache genommen für die Verachtung, mit der man dich überhäuft hat, und hast Schätze und Gold in deinen Truhen gehäuft. Du hast nicht geblutet für Deutschlands Ehre, dir ist Kunst und Wissenschaft fremder wie fremd, du milderst kein Elend, kein Leid, du bist nirgends zu finden, wo das Kultur» werk des Staates den Bürger ruft, du bist nur dort, wo man Gold und Schätze schürst. Ja, die mächtigen oberschtesischeu; Grnbenkönige, lauter Juden, die großen Latifundienbesitzer, lauter Juden, die Herren im Ruhrgebiet, lauter Juden! Der selbstlose Arier, für ihn hat Goethe (wahrscheinlich auch ein Jude gewesen) die Worte nicht geschrieben: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles." Oder sieht arisches Schätzesammeln anders aus als jüdisches? Opfert der Arier mehr aus dem Altar des Vaterlandes? Fürst Bülow mußte gehen, weil er den ostelbischen Junkern etwas mehr Steuer auferlegen wollte. Wofür suchen diese Herren Ersatz in Gold und Schätzen? Ja, Bauer, das ist etwas ganz anderes. Weiter, lieber Leser! „Bei feiner politischen Unselbständigkeit und Bedrückung findet er auch Trost und Hoffnung in der Erwartung einer Zeit, die ihn aus Schmach und Elend erheben, in da 8 gelobte? Land zurückführen itiiö seine Herrschaft dereinst aufrichten werde." Wie unsterblich ist doch der edle Eisenmenger! Fast könnt' ich's beschwören, es war Herrn Brepohl in der Feder, statt „Herrschaft" „Weltherrschaft" zu schreiben, er hat sich nur ein ganz klein wenig geniert. Aber warum genieren Sie sich, Herr Brepohl? Eine Ungereimtheit mehr oder weniger, darauf kann es Ihnen doch wahrlich nicht ankommen? Natürlich haben wir alle das Bestreben, so rasch als möglich ins gelobte Land