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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-28 · Heft 4 (28.1.1910) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
Seite 41 (sequence 5)
Language
German
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neu zu gründenden Verein zu übertragen, dem Zentralverein für Schülerwanderungen, dessen stellvertretender Vorsitzender ich wurde. Der Verein kam zu raschem Aufblühen, wir konnten in diesem Jahre, dem zweiten des Bestehens, bereits 2600 Kinder auf die Wanderschaft entsenden. Einem anderen Zweig der Fürsorge für Kinder trat ich auf Veranlassung /.reines Freundes Franz von Mendelssohn nahe, indem ich den stellvertretenden Vorsitz im Verein zum Schutz der Kinder vor Mißhandlung und Ausnutzung übernahm. Auch dieser Verein, der in vielen Orten Zweigkomitees besitzt, ist in stetem Aufblühen. Zurzeit befinden sich mehr als 300 Kinder, die durch unser Eingreifen ihrer traurigen Lage entzogen worden sind, unter unserer Obhut: 100 davon in dem von Herrn Franz von Mendelssohn und mir erbauten Hause „Kinderschutz", in Zehlendorf, indem wir die Kinder bis zur Konfirmation erziehen. Auf hygienischem Gebiet habe ich mich durch Teilnahme an der Begründung des Deutschen Vereins für Volksbäder betätigt, in dessen Vorstand ich seither sitze; auf geistigkulturellem durch die Anregung zur Begründung des Vereins für Volksunterhaltungen, der 1891 seine Wirksamkeit begann, und dessen Vorsitzender ich nach Ausscheiden des Geheimrats Dr. Küster geworden bin. Dieser Verein, der in jedem Winter mehr als zwanzig Theateraufführungen, Vorträge und Konzerte veranstaltet, hat — abgesehen von den Volksbühnenvereinen — die ausgebreitetste Wirksamkeit unter allen bestehenden Institutionen ähnlicher Art. Auf kommerziellen Gebiet wirkte ich seit 1896 als Mitglied des Kollegiums der Aeltesten der Kaufmannschaft und dann von Begründung der Berliner Handelskammer an in dieser. Durch meine Neigung zum Sammeln alter Kunstwerke wurde ich mit Geheimrat Bode bekannt, mit dem mich jetzt 28jährige Freundschaft verbindet. Auf seinen Wunsch wurde ich Mitbegründer und stellvertretender Schriftführer des Kaiser- Friedrich-Museumvereins; ich bekleide ferner das Amt des Vorsitzenden des Vereins für die königliche Sammlung für Volkskunde und bin stellvertretender Sachverständiger bei der Gemäldegalerie des Kaiser-Friedrich-Museums sowie vorn Reichskanzler ernanntes Mitglied des Verwaltungsrats des Germanischen Museums in Nürnberg. Ein besonderes Interesse wende ich seit 1895 den Ausgrabungen im Orient zu. Nachdem ich als Vorstandsmitglied des Deutschen Orientkomitees zur Ueberzeugung gelangt war. daß die Konstruktion dieses Unternehmens auf falscher Grundlage erfolgt war, weil die Museen nicht in der Lage waren, dem Komitee die ganzen Aufwendungen für die Grabungen zu erstatten, versuchte ich eine Umwandlung durchzusetzen, vermittels derer eine Entlastung für die Museen l "wirkt werden sollte. Meine Absicht scheiterte aber andern Widerspruch des Vorsitzenden, und ich begründete daun in Gemeinschaft mit Prinz Heinrich zu Schönaich-Carolath und Viaatssekretär v. Hollmann, Fachgelehrten und für die Wissenschaft begeisterten Laien die Deutsche Orient-Gesellschaft, welche das bedeutendste Grabungsunternehmen der ganzen Welt geworden ist und Verdienstliches in Mesopotamien, Palästina u> d Aegypten geleistet hat, dankder machtvollen Protektion des Kaisers, der Beihilfe des Preußischen Staates und Privater. Im Jahre 1901 forderte mich mein Freund Dr. P. Nathan cnlf, mit ihm und einigen anderen gleichgesinnten Herren, mitten Deutschen Hilfsverein zur Unterstützung unserer ausländischen Glaubensgenossen zu gründen. Meine Mitarbeit un Verwaltungsrat der Jewish. Colonization Association — mein neuestes Amt — wird im nächsten Monat beginnen. Noch einige andere Aemter: im Vorstand des Hilfsvereins für jüdische Studierende, im Kuratorium des Reichenheimschen Waisenhauses/ der Dina Nauen Cohn'schen Wohltätigkeitsanstalt, im Kuratorium der städtischen höheren Webeschule, des Kaiserin-Friedrich-Hauses für das ärztliche Fortbildungswesen." Den vorstehenden Ausführungen, die in ihrer schlichten Bescheidenheit für sich selbst sprechen mögen, habe ich nur eines hinzuzufügen: den Hinweis auf die großzügige Art, mit der James Simon, der allem äußeren Prunk feind, jeden Titel verschmäht, alle diese seine Aemter versieht. Diese Blätter hatten oft Gelegenheit und werden gewiß noch oft Veranlassung haben, von dem durch Herrn Simon geleiteten Hilfsverein der deutschen Juden zu sprechen und dessen segensreiche Wirksamkeit hervorzuheben. Jede Rühmung und Verherrlichung des ausgezeichneten Mannes soll hier auf seinen besonderen Wunsch vermieden werden, es gibt wenige, die es ihm an Spenden gleich tun, kaum einen, der so wie er ausschließlich der Sache lebt und seine Person in den Hintergrund stellt. Daß er meiner wiederholten Bitte nachgegeben — nach anfänglicher entschiedener Ablehnung — und mir die obigen Notizen nebst seinem Bilde zur Verfügung gestellt hat, werden meine Leser mir Dank wissen. Dem Vortrefflichen aber, der seine Kräfte und sein Vermögen so selbstlos in den Dienst der Allgemeinheit stellt, zur Beförderung der Humanität, zum Heil der Wissenschaft, zur Unterstützung und zur Kräftigung seiner Glaubensgenossen, sei ein langes und gesegnetes Leben beschieden. L. G. Ligrunrr unv Juden. Von I. Ziegler-Karlsbad. as man alles über uns Juden, unsere Geschichte, unseren sogenannten Volkscharakter zu schreiben sich erdreistet, selbst in ernsten Büchern und Zeitschriften, ist ganz unglaublich. Da erscheint in Göttingen bei Vandenhoeck und Ruprecht eine Vierteljahrsschrift unter dem stolzen Titel: „Religion und Geisteskultur, Zeitschrift für religiöse Vertiefung des modernen Geisteslebens". Zu den Mitarbeitern des Blattes gehören auch Philosophen jüdischem Abstammung und Religion, wie Jo öl-Basel und andere. In der letzterschienenen Nummer der Zeitschrift veröffentlicht Herr Brepohl einen Bericht über „Die Zigeuner nach Geschichte, Religion und Sitte" (S. 333 ff.)' In diesem Bericht leistet sich genannter Herr einen wissenschaftlichen Herzenserguß, den ich nicht umhin kann, hier fast in extenso zu veröffentlichen. „Man hat versucht, Parallelen zwischen den Juden und den Zigeunern nachzuweisen . .. Dies kann nur in bezug auf die Zerstreuung unter den Völkern und starres Festhalten an ererbter Sitte und überkommenen Gebrauch gelten. Bei näherer Betrachtung zeigt sich hier sofort ein gewaltiger Unterschied. Die Juden haben eine überlieferte, im Alten Testament niedergelegte Geschichte, die Zigeuner haben keine... Der Jude schmiegt und biegt sich, ja, er verkriecht, verbirgt und verleugnet sich, sobald es sein Vorteil erheischt oder die Not gebietet. Der Zigeuner aber bleibt im stolzen Selbstbewußtsein. Das findet auch äußerlich insofern einen unterscheidenden Ausdruck, als der Zigeuner stets von seiner „Nation", der Jude nur von „seinen Leuten" zu sprechen pflegt. Wenn der Jude bemüht ist, sich dauernden Wohnsitz, Haus und Herd zu gründen, und wenn er bürgerliche Rechte sucht in fremden Landen, so verschmäht der Zigeuner die Wohltat stehender

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