Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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trug, ist von einer der mohammedanischen Moscheen erworben worden. Obwohl sie noch mehrere Abschriften der heiligen Schrift aufbewahren, ist niemand unter ihnen, der ein Wort Hebräisch lesen kann. Nicht lange zuvor wurde ernstlich vorgeschlagen, ihre Pergamentrollen auf dem Marktplatze aufzustellen, in der Hoffnung, daß sie die Aufmerksamkeit etwa reisender Juden anziehen könnten, die fähig wären, bei ihnen die Kenntnis der Sprache ihrer Väter wieder einzuführen. Drei Jahre nach diesem Besuch richtete ich ein Schreiben an den Herausgeber der „Jewish Times“ in New Dork, in welchem ich die hier gegebenen Beobachtungen schilderte und die -Bildung einer jüdischen Gesandtschaft nach China vorschlug. Der Ausruf veranlaßt zwar einige Diskussionen unter den Juden, führte aber zu keinem weiteren Resultat, wenn ich verschiedene Briefe in hebräischer Sprache ausnehme, die ich mit dem Auftrag erhielt, sie an ein Volk — das die Sprache seiner Väter vergessen hat, zu bestellen." Die meisten China-Reisenden — ich nenne nur Pater Gozani, der 1704 die Juden in Kai-föng-fu besucht hatte, und ganz besonders Pater Ignatz Kogler, dessen Bericht in Murrs „Journal zur Kunst- . geschichte und allgemeinen Literatur", Teil VII, 1779, zum erstenmal erschien und in meiner Schrift „DieJuden in China" (Berlin 1900) reproduziert ist, stimmen darin überein, daß die von den Juden in China ausbewahrte heilige Schrift in unverfälschtem Hebräisch abgesaßt ist, und daß der Text mit -dem des Alten Testamentes im wesentlichen übereinstimmt. — Diesen als authentisch geltenden Nachrichten widerspricht nun folgende Mitteilung, die wir dem soeben erschienenen Buche „China, das Reich der Mitte einst und jetzt" von Dr. Jos. Lauterer, Leipzig 1910, entnehmen: Juden wohnen hauptsächlich in Kai Föng (in der Provinz Ho Nan). Sie wissen nichts von Christus, da sie schon vor unserer Zeit- I rechnung einwanderten. Ihre Synagoge trägt hebräische Inschriften, auch die zehn Gebote sind hebräisch auf zwei Tafeln ausgestellt. — Beim Eintritt in die Synagoge nimmt man die Schuhe ab. Alles .-Männliche wird beschnitten, die Heirat ist nur mit Juden gestattet. — Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich in der Synagoge eine Bibel in die Hand nahm und darin lesen wollte, aber , fand, daß es nur Chinesisch in hebräischen Buchstaben sei, gerade so, wie ick) vor Jahren in Warschau die hebräisch geschriebenen Firmaschilder anstarrte und darauf „Käseladen" und andere deutsche Bezeichnungen geschrieben fand, und wie die portugiesischen Juden in der Türkei und in Persien ihr spanisches Jargon hebräisch maskieren, so fand ich Aehnliches in Kai Föng. Statt daß die Genesis mit „Bereschith bara Elohim et Haschamajim weet Haaerez", ,Jm Anfang schuf Gott Himmel und Erde" beginnt; las ich also „Schi Tsu Adonai Tjen Ti Tsao Hu" das richtige nördliche Mandarin, hebräisch geschrieben und mit hebräischen Wörtern, durchsetzt, während das echte Hebräisch in den 2000 Jahren ausgestorben ist. Die Juden in Kai Föng unterscheiden sich nicht von den Chinesen. Sie verehren wie diese den weisen Kong Fu Tse, haben kein gekräuseltes Haar und keine Judennase, gerade wie ihre aus Rußland vertriebenen Nationsgenossen in New Gork ganz den deutschen Typus tragenso daß Bädecker schreibt, ihr Stadtviertel sei größtenteils von „Deutschen" und Italienern bewohnt. In wieweit diese Mitteilung der Wirklichkeit entspricht, vermögen , wir nicht zu beurteilen, aber ist sie auch nur mit Vorsicht aufzunehmen, so ist sie doch interessant. James Simon. eboren am 17. September 1851 in Berlin, besuchte ich von 1857 an die Königstädtische Realschule, später das Graue Kloster, das ich 1869 nach abgelegtem Abiturientenexamen verließ. Ich fühlte mich am meisten zum Studium der alten Sprachen und der Geschichte hingezogen, doch war die Neigung nicht so stark, daß es mich besondere Ueberwindung gekostet hätte, dem Wunsche meines Vaters zu entsprechen. der mich, den einzigen Sohn, gern zum Mitarbeiter in dem Geschäft, das er mit seinem jüngeren Bruder im Jahre 1852 gegründet hatte,haben wollte. Ich trat daher im November 1869 in die Handlung Gebrüder Simon als Lehrling ein und habe seither ihr den Hauptteil meiner Arbeitszeit ununterbrochen — abgesehen von einem halbjährlichen Aufenthalt in England (1870) — gewidmet. Gemeinnützigen Unternehmungen trat ich erst in den achtziger Jahren näher. Mein erstes Amt war das eines Mitgliedes des Aufsichtsrats im Kaufmännischen Hilfsverein, das ich noch heute bekleide. Der Fürsorge für die Jugend wandte ich mich zuerst bei Begründung des Vereins „Mädchenhort" durch Frau Rudolph Mosse zu. Die Mitarbeit in diesem Verein, der seither bekanntlich zu großer Blüte gelangt ist, erweckte in mir auch Interesse an der Tätigkeit des Vereins für Ferienkolonien. Ich verfocht im Vorstande des Vereins den Gedanken der Errichtung eigener Häuser für unsere Pfleglinge und entschloß mich 1895, ein solches mit Solbadeinrichtung versehenes Haus in Kolberg zu erbauen und dem Verein zu schenken. Es nimmt jährlich in vier Monaten 600 Kinder der Berliner Volksschulen auf und zeitigt gute Erfolge. Bei Gelegenheit meiner ersten Reise nach Kolberg lernte ich den unbefriedigenden baulichen Zustand des dortigen jüdischen Kurhospitals kennen und leitete eine Agitation ein, deren Frucht das stattliche neue Haus mit 100 Betten geworden ist. Seit dem Tode des Herrn Gustav Löwenberg führe ich den Vorsitz im Kuratorium des Hospitals. Im Verein für Ferienkolonien bewirkte ich auch die Aufnahme von Wanderfahrten gesunder, kräftiger Kinder seit dem Jahre 1901. Um diese Institution für Groß-Berlin zu zentralisieren, entschlossen sich im Jahre 1907 der Verein für Ferienkolonien und die Ortsgruppe Berlin des Deutschen Vereins für Volks- Hygiene diesen Zweig ihrer Arbeit fallen zu lassen und einem James Simon.