Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Keiner der jüdischen Abgeordneten ergriff das Wort. Ich -.alte düses Schweigen der jüdischen Vertreter für höchst bedauerlich. Mag Herr Werner, wie aus den Worten seines -Gegners hervorgeht, auch von seinen Kollegen nicht ernst genommen werden, ein derartiges Wort im Deutschen Reichstage gesprochen, durfte nicht unerwidert bleiben. Wohl ijrttte man erwarten können, daß der neue Staatssekretär, Herr Dr. Lisco bei diesem Anlaß seinen Standpunkt präzisierte; hielt er es nicht für nötig, so mußte einer der jüdischen Abgeordneten das Wort ergreifen, um diese schwere Rechtsverletzung zurückzuweisen. Mit Lachen allein tut man einen derartigen Angriff nicht ab. Gabriel Rießer ist vor 70 Jahren eine Zierde des obersten Gerichtshofs eines deutschen Staates, Hamburgs, gewesen; Lev in Goldschmidt, der berühmte Jurist, war Reichsoberhandelsgerichtsrat; Prof. Vehrend, Reichsgerichtsrat; als Letzten in dieser Reihe ist man wohl auch berechtigt, Eduard Simson anzuführen, der, obgleich er als junger Mensch getauft war, seine Abstammung von Juden niemals verleugnete. Ist auch die Tatsache höchst bedauerlich, daß seit vielen Jahren kein Jude Mitglied des höchsten Gerichtshofes ist, so dürfen die Juden das Recht in der richterlichen Karriere, der sie wahrlich keine Schande machen, vorwärts zu kommen, sich nicht verkümmern lassen. Auch bei einem solchen Vorfall, wie ja leider bei so vielen unseres öffentlichen Lebens, sieht man sich zu dem schmerzlichen Ausruf genötigt: „Ist kein Rießer da?" Leider sind auch im neuen Jahr die Zustände in Rußland nicht besser als im vergangenen. In Warschau wurden in einer Synagoge während des Gottesdienstes alle Anwesenden durchsucht, 100 verhaftet, aber bald wieder sreigelassen; in Kiew wurde 800 Familien, denen kürzlich der Aufenthalt gestattet war, anbefohlen, bis zum 15. April die Stadt zu verlassen. Die Wahlen in England fiuö noch nicht zu Ende; soviel ist schon jetzt sicher, daß sie nicht mit einem Siege der Liberalen enden, lieber die „jüdischen Parlamentskandidaten" entnehmen wir der „Post" folgende Mitteilung: Die Zahl der israelitischen Kandidaten, die sich diesmal um einen Parlamentssitz bewerben, beträgt einen mehr als im Jahre 1906, Im ganzen 32. auf 670 beläuft sich die Gesamtzahl der Unterhausmitglieder. Die einzigen beiden Israeliten, die an der Wahl nicht iuieber teilnehmen, sind Walther Rothschild und H. H. Marks, der .ms Gesundheitsrücksichten zurücktictt. Capitain H. Al. Jessel hat diesmal mit einer mäßigen Mehrheit den Sieg davongetragen, ferner Wfinden sich unter diesen Kandidaten Sir Philip Magnus, die Autorität auf dem Gebiete des Erziehungswesens, der bei den letzten Wahlen die Londoner Universität repräsentierte; Sir Edward Sasson, Oer Chef des berühmten anglo-indischen Geschäftshauses, dessen Familie aus Bagdad stammt, ein guter Freund König Edwards, dessen Tätig- -eit besonders während der „Entente cordiale" hervortrat; Sir Harry Samuel, der früher im Limehouse kandidierte, ein eifriger Verteidiger - W Ausländer-Gesetzes, und unter den neuen Kandidaten der junge Wr. Lionel de Rothschild. Auf der liberalen Seite sind die beiden hervorragenden israelitischen Kandidaten Herbert Samuel, Kanzler bes Herzogs von Lancaster, und Mr. Rufus Jsaacs, Kings Council, ferner Edwin S. Montague, der Privatsekretär des Premierministers, Zir Maurice Levh und Stewart M. Samuel, der einen großen Einfluß im Londoner Eastend besitzt. Unter den Kandidaten befindet sich auch Alfred Mond, der Sohn des kürzlich verstorbenen Dr. Ludwig Mond, der die großartigen Stiftungen hinterließ. Alfred Mond ist einer der Besitzer der „Westminster Gazette", der angesehensten liberalen Zeitung Englands. Wir erhalten von Herrn Dr. Marcus Landau folgende Zuschrift: Gerechtigkeit ist das Fundament der Staaten. Vor wenigen Wochen ist eine jüdische Kleinhändlerin auf Anzeige eines Hycel (Abdecker) vom Krakauer Gericht, man konnte vielleicht juristisch sagen „in idealer Konkurrenz mit dem Schinder" zu einer Woche Arrest verurteilt worden, weil sie ein Blatt aus einem Kalender, den ihr ein Christ als Makulatur verkauft hatte, zum Einpacken verkaufter Ware verwendet hatte, ohne zu bemerken, daß ein Kruzifix oder Heiligenbild ans dem Blatte dargestellt war. Das antisalomonische Urteil erregte Aufsehen, das sich aber noch steigerte, als der polnische Senat des Obersten Gerichtshofes das Urteil bestätigte. Es scheint, daß Appellationen aus Galizien, wegen Unkenntnis des Polnischen bei den andern Richtern, stets edlen Polen aus der Polakei zur Entscheidung zugewiesen werden, so bleibt alles hübsch en lamille. Hätte ein Jude ein solches Urteil gegen einen Christen gefällt, so hätten die Antisemiten gewiß die Ausschließung aller Juden vom Richteramie verlangt, und selbst die Juden hätten ihn abgeschüttelt und laut getadelt. Die edlen Polen aus der Polakei verhalten sich aber mäuschenstill. Qui tacet consentire videtur. Unmittelbar nach Bekanntwerden dieses Urteils ist der Vorschlag aufgetaucht, das schöne alte Tor des äußeren Burgplatzes zu demolieren. Was hat das mit den polnischen Richtern zu tun? fragt da gewiß der Leser, der die Wiener Bauten nicht kennt. Nun, am Architrav dieses Tors findet sich die Inschrift: Justitia regnorum fundamentum, und das könnte vielleicht ein polnischer Richter übelnehmen. Und dann, wozu braucht man noch die Gerechtigkeit, wenn man die Polen für sich hat? Welche Stützen der Königreiche und Herrscher sie sind, das haben sie 1830, 1846 und 1863 gezeigt und zeigen es noch jetzt in Posen und Schlesien. Den jüdischen Hökerinnen und Kleinhändlerinnen muß man aber fleißiges Studium der Hagiographie empfehlen. Jetzt kann man z. B noch zum Einpacken eines Kilo Zucker ein B'ld der Jungfrau von Orleans verwenden, wenn sie heilig gesprochen wird, kostet es eine Woche Arrest. * Endlich sei folgender Ausführung des Herrn Albert Katz hier Raum gegeben: Neues über die Juden in China. Authentische Berichte über die Juden in China lagen bis jetzt vor von Pegralk, dem apostolischen Provikar der Provinz Ho-nan (1869) und von dem amerikanischen Missionar Dr. Martin, der 1866 selbst in Kai-föng-fu war. Letzterer schätzt die Zahl der in dieser Stadt lebenden Juden auf 300 bis 400 und schreibt von ihnen: „Sie waren nicht imstande, ihren Stammbaum zu zeichnen, haben keine Familienregister und zeigen sich in keiner Weise als einheitliche Gesellschaft. Bis vor kurzem hatten sie einen gemeinsamen Mittelpunkt in ihrer Synagoge, obwohl ihr liturgischer Dienst längst aufgehört hatte. Nun aber scheint ihre Gemeinschaft dem Schicksal ihrer Synagoge, von der ich nur noch einen Stein mit Inschriften fand, nachzusolgen. Alle Bande der Einigung sind zerrissen, und sie sind in Gefahr, schnell von dem Mohammedanismus oder dem Heidentum verschlungen zu werden. Einer von ihnen ist kürzlich Buddha- Priester geworden und hat den Titel Pen-tau angenommen, der besagt: Einer, der in Erkenntnis der Wahrheit wurzelt. Die große Tafel, die einst den Eingang ihrer Synagoge schmückte und in vergoldeten Buchstaben den Namen Israel