Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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36 wollen und dürfen wir unsere Kinder nicht der Gefahr aussetzen, Lehren und Begriffe, noch dazu in weihevollen Momenten, in sich aufzunehmen, die dem Judentum schnurstracks zuwider lausen. Wir wollen wahrlich die Kluft zwischen uns und unseren christlichen Mitbürgern nicht erweitern, wir beklagen es schmerzlichst, daß unsere Kinder schon in der Schule unter den antisemitischen Gesinnungen der Schüler und mitunter auch der Lehrer zu leiden haben, daß ihnen die Zugehörigkeit zum Judentum manche Zurücksetzungen, manche Verletzung ihres zartbesaiteten Gemütes zuzieht, wir wünschen sehnlichft, daß ein einträchtiges kameradschaftliches Verhältnis zwischen den jüdischen und den andersgläubigen Schülern besteht, wie es ja auch glücklicherweise vielfach der Fall ist, aber wir möchten dieses Gefühl der Gemeinsamkeit nicht durch Gefährdung der harmonischen Entwickelung unserer Kinder erkaufen, und wir wollen uns nicht das Recht nehmen lassen, selbst zu entscheiden, was in religiöser Hinsicht unseren Kindern gut und heilsam ist. Daß die jüdischen Schüler und Schülerinnen sich von den Sammlungen zu den Weihnachtsbescherungen, wo sie eingeführt sind, nicht ausschließen, ist selbstverständlich; zu Wohltätigkeitsakten, die von der Schule ausgehen, und für deren zweckmäßige Handhabung die Lehrer bürgen, sollen auch unsere Kinder freudig ihr Scherflein beisteuern, aber der Freude, die Wirkung ihrer Gabe zu bemerken, in die leuchtenden Augen der beschenkten Kinder zu blicken und an deren Freude sich zu erfreuen, mögen sie ohne Bedauern verlustig gehen. Es genüge ihnen das Bewußtsein, an einem guten Werke mitgewirkt und in die Hütten der Dürftigen einen Strahl der erquickenden Menschenliebe gesandt zu haben. Die öffentlichen Bescherungen, die den verschämten Armen die Freude an den empfangenen Geschenken wesentlich trüben, manche sogar zur Verzichtleistung auf die ihnen so notwendige Unterstützung veranlassen, kommen glücklicherweise mehr und -mehr aus der Mode und werden durch minder in die Augen fallende Arrangements, durch Zusendung ins Haus ersetzt. Keinesfalls brauchen wir unsere Söhne und Töchter zu bemitleiden, wenn sie die obligaten Danksagungen der bei einer Weihnachtsfeier der Schule mit Geschenken bedachten Armen nicht zu hören bekommen; sie mögen sich daran gewöhnen, Mildtätigkeit ohne Anspruch auf Dank zu üben. Den Eltern aber rufe ich wohlmeinend zu: Machet von dem Rechte, durch eine Eingabe an den Leiter der Schule euren Kindern die Beteiligung an einer Weihnachtsfeier zu erwirken, keinen Gebrauch, bleibt vielmehr standhast in der Verweigerung ihres Wunsches, wenn sie auch um eine solche Eingabe bitten. Das ist keine Intoleranz, das ist eine Pflicht, die euer jüdisches Selbstbewußtsein euch auferlegt. Auch die Feier des Reformationsfestes, die in einigen evangelischen Schulen begangen wird, hat für die jüdischen Schüler nicht die geringste Bedeutung, denn daß „der Reformationstag ein Tag der Verherrlichung der Freiheit ist, so daß die Teilnahme daran auch einem jüdischen Kinde Herzenserhebung bereitet," ist, soweit die Freiheit der Juden in Frage kommt, sehr zu bestreiten. Wie Luther über die den Juden zu gewährende Freiheit, wenigstens in seinen späteren Jahren, gedacht hat, und wie inan in protestantischen Ländern in der ungerechten Behandlung der Juden mit den katholischen gewetteifert hat, ist allzu bekannt, um uns zu veranlassen, durch die Beteiligung unserer -Kinder an Reförmationsfesten Partei für den Protestantismus zu nehmen. Nein, ebenso wie die Eltern katholischer Schüler ihre Kinder von einem solchen Feste fernhalten, sollten auch die jüdischen Eltern es tun. Wozu mit der Kinderseele experimentieren? Das Band der Gemeinsamkeit und Freundschaft, das die jüdischen mit ihren evangelischen Mitschülern verknüpft, wird durch ihr Fernbleiben vom Reformationsfeste wahrlich nicht gelockert, dagegen kann es von den katholischen Mitschülern leicht übel vermerkt werden, wenn ihre jüdischen Schulkameraden an einer Feier teilnehmen, die nur die Protestanten angeht und in gewissem Sinne gegen die Katholiken gerichtet ist. Also auch hier kann die bescheidene Zurückhaltung der Juden nur von Nutzen fein; und wenn die jüdischen Schüler den völlig freien Tag, an welchem das Resormationsfest begangen wird, zur Erholung verwenden, so wird ihnen das körperlich und seelisch mindestens ebenso dienlich sein, als wenn sie in immerhin einseitiger Weise Betrachtungen über den Segen der Reformation mit anhören. - Von patriotischen und rein schulmäßigen Feiern wollen wir unsere Kinder nicht ausgeschlossen wissen, da unterwerfen wir sie gern dem Schulzwange, der die Beteiligung obligatorisch macht, und haben nur den Wunsch, daß solche Veranstaltungen möglichst so ausgestattet werden, daß sie nicht einen ausgesprochen konfessionellen Charakter tragen und vor allem nichts bieten, was das jüdische Gemüt verletzen könnte. Dir Woche. Berlin, 25. Januar, enn diese Nummer in die Hände der Leser kommt, wird in Deutschland und überall, wo Deutsche zusammen sind, des Kaisers Geburtstag festlich begangen. Unter den Jubelnden und Frohen wollen die deutschen Juden nicht zurückstehen. Sie feiern in dem Kaiser den „Wahrer des Rechts und Schirmer der Ordnung". Wie sie an jedem Sabbat in ihren Synagogen das Gebet für des Kaisers Wohl ertönen lassen, so erneuern sie an seinem Geburtstag nicht pflichtmäßig, sondern aus innerstem Herzensdrang das Gelöbnis der Treue. Denn sie fühlen sich wohl unter seinem Zepter und sie betrachten sein Reich als das, in dem ihr Leben behütet, ihre Sicherheit geschlitzt wird. Sie hegen die feste Zuversicht, daß seine Gerechtigkeit sie fürder begleiten wird, daß seine Weisheit die Rechtsungleichheiten und Beeinträchtigungen, die ihnen die volle Freude an Betätigung ihrer Kraft verkümmern, mildern und anfheben wird. Sie verlangen keine Gnade und kein Geschenk, sie fordern nur, daß man sie ungestört lasse in Bewahrung ihres Glaubens und aufnehme als völlig berechtigte Söhne des Vaterlandes, das sie geliebt haben, dem sie bereit sind, alle Opfer zu bringen und das sie lieben werden bis zum letzten Atemzuge. In der Sitzung des Deutschen Reichstages vom 20. Januar wurde der Justizetat behandelt. An den Titel „Staatssekretär" knüpfte sich wie gewöhnlich eine allgemeine Aussprache. Bei dieser Gelegenheit brauchte der Abgeordnete Werner, Mitglied der Reformpartei, folgende Worte: „Ich bitte, daß der Staatssekretär an der alten Praxis sesthält, daß Juden nicht Reichsgerichtsräte werden dürfen." Der Parlamentsbericht verzeichnet gu dieser Rede: „Beifall rechts, Lachen links." Der erste Redner der Linken, der bald darauf zu Worte kam, Abgeordneter Ablaß, begann feine Rede mit den Worten: „Auf die Schlußbemerkung des Herrn Werner, daß Juden nicht Reichsgerichtsräte werden sollen, gehe ich nicht ein. Angesichts der Bedeutung dieser Rede werden Sie das begreiflich finden." Damit war dieser Zwischenfall erledigt.