Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 4 Berlin, 28. Januar 1910 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zriiung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post.(in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson. - Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger. Verlags - Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und' Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin S'VV., Jerusalemer Straße <&}&, zu richten. Verlag von Rndolf rNosse, Berlin. Schulfeiern. Entgegnung von Vogel stein-Stettin. — Die Woche. — James'Simon. — Zigeuner und Juden. Von I. Ziegler-Karlsbads — Einige jüdische Wvhltätigkeitseinrichtungen. in Stockholm. Von Toni Klein. — Glossen zu den „Eindrücken in Galizien". Von Pros. Dr. S. Kali sch er. — Hvlekreisch. Von Dr. A. Marcuse- Sülzburg. — Feuilleton: „Weil er ein Jude ist . . .!" Skizze von I. Herzberg-Bromberg. — Literarische Rundschau. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Memel, Posen, Breslau, Dresden, Kolberg, Hamburg, Frankfurt a. M., Brüssel, Wien, Kowno. — Von Nah und Fern. Schulfeiern. Entgegnung von Vögelst ein-Stettin. ir wollen unserem Glauben treu bleiben, aber wir wollen die Kluft nicht vergrößern, die zwischen uns und unseren andersgläubigen Mitbürgern besteht, und nicht dulden, daß unnötige Scheidewände aufgesührt werden, daß unser Recht und das Recht unserer Kinder verkümmert wird." So schließt der Leitartikel der ersten Nummer dieser Zeitung im neuen Jahre, und mit diesem Schlüsse ist gewiß jeder, aus welchem religiösen Standpunkte er stehen mag, völlig einverstanden, ob aber auch mit dem übrigen Inhalt des Aussatzes, ob mit den Gedanken und Forderungen, die in bezug auf die Beteiligung der jüdischen Schüler an den religiösen Schulfesten ausgesprochen werden — das will mir zweifelhaft erscheinen oder vielmehr nicht zweifelhaft, da bin ich gewiß, daß bis weit in die liberalsten Kreise hinein sich lebhafter Widerspruch erhebt. Die Beteiligung an allen Schulfeierlichkeiten, auch an solchen, die einen ausgesprochen religiös-konfessionellen Charakter tragen, wie die zu Beginn und am Schlüsse der Schulwoche, oder aus Anlaß des Resormations- und Weihnachtsfestes veranstalteten, soll für die jüdischen Schüler obligatorisch sein, so will es der Verfasser, und er beklagt es, daß' jetzt von dem zu seiner Schulzeit üblichen Zwange abgesehen und den Kindern jüdischer Eltern die Teilnahme entweder freigestellt oder gar nur auf Grund einer Eingabe der Eltern gestattet wird. Er erblickt darin eine „traurige Neuerung, durch die das Gefühl der Zusammengehörigkeit zerstört und eine Spaltung begünstigt wird, die von der Schule eher vermieden als gefördert werden sollte". Viele werden mit mir der Ansicht sein, daß das jetzt in den Schulen. eingeführte Verfahren als ein Fortschritt gegenüber den früher in manchen höheren Lehranstalten üblich gewesenen — allgemein war es niemals — anzusehen ist,' und daß wir Juden uns mit Fug und Recht über Gewissenszwang beklagen würden, ja, die nötigen Schritte zur Beseitigung eines solchen. Zwanges, tun müßten, wenn man. unseren Kindern die Pflicht auserlegen würde, sich an Feierlichkeiten zu beteiligen, und womöglich aktiv durch das Müsingen von Chorälen, che rein christlicher — sei es nun evangelischer oder katholischer — Natur sind, die zur Verherrlichung von christlich bedeutsamen Ereignissen stattfinden und den Zweck haben, christliche Anschauungen in den Gemütern der Schüler zu befestigen.; Die Frage, die der Herr Verfasser aufwirst: „Glaubt man -denn wirklich, daß es einem kindlichen Gemüte schade, wenn es bei einer solchen Feier etwas vom Christkinde hört oder vom Weihnachtsengel?", beantworte, ich ohne weiteres mit einem kategorischen „Ja". In des Kindes Seele wird durch eine derartig weihevoll ausgestattete Feier, durch die unter Orgel- oder Harmoniumklang gesungenen Festlieder, durch die auf den Segen des christlichen Glaubens hinweisenden Reden leicht eine gewisse Hinneigung zum Christentum, eine leise Sehnsucht, dieser großen Glaubensgemeinschaft zuzugehören, erzeugt, seine eigene Religion erscheint .ihm dann wohl dürftig, das bescheidene Chanukalicht, wenn es überhaupt eines solchen im Elternhause ansichtig wird, wird von der Pracht des im Hellen Kerzenglanze erstrahlenden Weihnachtsbaumes verdunkelt, zum mindesten wird in vielen Fällen ein Zwiespalt und eine Verwirrung die fast notwendige Folge sein, die erst durch den Religionslehrer oder durch die Belehrung seitens der Eltern wieder beseitigt werden kann. Ob aber der . Eindruck, den die religiöse Schulfeier hervorgebracht hat, sich völlig verwischen läßt, ist sehr die Frage. Die Möglichkeit einer schädlichen Einwirkung der Weihnachtsfeier auf den Schüler ist auch in dem Leitartikel zugegeben, ihr wird jedoch mit dem Einwurf begegnet:. „Dann sind Vater und Mutter dazu da, um ihre Anschauungen jener fremden entgegenzusetzen." Mit Verlaub, Vater und Mutter sind dazu da, um soviel als möglich zu verhüten, daß falsche, antijüdische Anschauungen in ihren Kindern sich sestsetzen; erfüllen sie diese ihre Pflicht, dann haben sie nicht nötig, auf Heilmittel zur Kurierung des eingetretenen Schadens zu sinnen. Die Prophylaxis ist bei der Erziehung wichtiger und wirksamer als die Therapeütik! Mantäusche sich doch nicht über den Charakter einer WeihnaAtsfeier; es ist ein Selbstbetrug, wenn die Juden sich einreden, die Mitfeier der Weihnachten geschehe nicht aus religiösen Gründen, es sei vielmehr nur das altgermanische Julfest, das zur Zeit der Wintersonnenwende begangen wird. Auf den Msprung''.'deß''' deütEön /WnhnUchtsfestes kommt es nicht an, sondern 'lediglich' auf die Gedanken und Vorstellungen, die jetzt damit' verbünden sind. Sie feiern „die Geburt des Herrn", sie singen: „Stille Nacht, heilige Nacht" und preisen das Heil, das' Gott durchsfeisten eingeborenen Sohn der fündigen und dem Verderben anheimgefallenen Menschheit beschieden hat. Ber aller Tökeranz^ die wir üben,