Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 L. W. Halle a. S., 16. Januar. Am Sonntag den 9. d. M. fand in der hiesigen Synagoge die feierliche Einführung des zum Rabbiner der Gemeinde gewählten Herrn Dr. Kahlberg aus Breslau statt. Eine zahlreiche Zuhörerschaft füllte das festlich geschmückte Gotteshaus. Die Feier wurde eingeleitet durch eine Motette „Hoch tut euch auf, ihr Tore des Herrn", welche der Synagogenchor in stimmungsvoller Weise vortrug. Der Vorsteher der Gemeinde, Herr Jacob Hirsch, begrüßte darauf den neuen Gemeinderabbiner im Namen des Vorstandes. In markigen Worten brachte Herr Willi diu S.Lewin, Vorsitzender des Repräs entantenkollegiums, die Gefühle oer Gemeinde zum Ausdruck, und hieß Herrn Dr. Kahlberg herzlich willkommen. Als Vertreter des Magistrats der Stadt Halle begrüßte Herr Stadtrat Frenzel das geistige Oberhaupt der jüdischen Gemeinde. Während Herr Kantor Wolf einen der Feier angepaßten hebräischen Gesang mit Orgelbegleitung zum Vortrag brachte, bestieg Herr Rabbiner Dr. Kahlberg die Kanzel, um seine Antrittsrede zu halten. In eindrucksvollen Worten dankte er für das ihm entgegengebrachte Vertrauen. Er entwickelte das Programm einer vielverheißenden Tätigkeit und schloß mit Worten des Segens für die Gemeinde, die Stadt und das Vaterland seine inhaltsreiche Ansprache. Am Abend versammelten sich die Gemeindevertreter, die Beamten der Synagogengemeinde und die Vorstände der verschiedenen jüdischen Vereine in den mit Blumen geschmückten Räumen des Hotels „Goldener Löwe", wo zu Ehren des neuen Gemeinderabbiners ein solennes Festessen stattfand. *** Nürnberg, 9. Januar. Im großen Saale des Hotels „Zum goldenen Adler" war am Donnerstag abend eine stattliche Gesellschaft versammelt, um den Bericht der bekannten Philanthropen James Simon und Dr. Paul Nathan aus Berlin über die Tätigkeit des Hilfsvereins der Deutschen Juden anzuhören. Nach Begrüßung der beiden Redner durch Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal und den Vorsitzenden der israelitischen Gemeindeverwaltung, Herrn Justizrat Dr. Held, gab zuerst Herr James Simon einen ausführlichen Bericht über die Hilfsaktion zugunsten der unterdrückten und notleidenden Glaubensgenossen in den europäischen Ländern. Der Hilfsverein ist in den neun Jahren seines Bestehens von 1000 Mitgliedern im ersten Jahre auf 20 000 angewachsen und hat speziell auch in der jüdischen Gemeinde Nürnberg großes Vertrauen und große Förderung gefunden. Die Vorstandschaft werde sich auch ferner bemühen, mit persönlicher Einsetzung ihrer Kräfte das gewonnene Vertrauen der deutschen Juden zu bewähren und zu festigen. Sodann entwickelte Herr Dr. Paul Nathan die Grundsätze der Tätigkeit des Hilfsvereins, insbesondere bei seinem Erziehungswerk im Orient. Das wichtigste Mittel zur Besserung der Lage der notleidenden osteuropäischen Juden sei eine zweckmäßige Schulerziehung und Heranbildung zu praktischen Berufen. Namentlich kämen hierfür die Länder des Orients, insbesondere Palästina, in Betracht, das oon den unglücklichen russischen und anderen osteuropäischen Juden in letzter Zeit vielfach zum Auswanderungsziel genommen werde. Durch das bald ins Leben tretende Technikum in Haifa hoffe man, Techniker heranzubilden, die dereinst die Technik und das Verkehrswesen in dem bisher noch sehr vernachlässigten Lande zu Heben und der Bevölkerung großen Nutzen zu bringen berufen seien. Aus diese Weise könne Palästina allmählich ein gutes Zufluchtsland für die unterdrückten osteuropäischen Juden werden. Die Ausführungen der beiden Redner fanden den wohlverdienten Beifall der Versammlung, in deren Namen Herr K. R. Galling er und in einem Schlußwort noch Herr Rabbiner Dr. Freudenthal den beiden Herren den Dank für ihre hervorragende Tätigkeit zugunsten ihrer unterdrückten Glaubensgenossen aussprachen. ' --- Göppingen, 14. Januar. Am 9. d. M. feierte das israelitische Kirchenvorsteheramt in einer Festsitzung das 25jährige Amtsjubiläum seines Mitgliedes, des Herrn Julius Reinganum. Zu dieser Sitzung war als Vertreter der Königlich Israelitischen Oberkirchenbehörde auch Herr Regierungsrat Dr. Schönmann erschienen, der in einer Ansprache die Verdienste des Jubilars auf dem Gebiete der Humanität und Gemeinnützigkeit würdigte und demselben ein Gratulationsschreiben der Königlichen Oberkirchenbehörde überreichte. Rabbiner Dr. Tänzer, feierte die Verdienste des Jubilars um die Kirchengemeinde, zu deren Mitbegründern derselbe gehört, und überreichte ihm eine vornehm ausgestattete Dankadresse. Herr Samuel Fleischer brachte die Glückwünsche der Kirchenvorsteher zum Ausdruck, worauf der Jubilar in tiefster Rührung allen seinen Dank aussprach. Gesterrejch-Angarn. V Budapest, 14. Januar. Soeben erschien der offizielle Almanach der Budapester Universität über das Studienjahr 1908/09. Wir entnehmen ihm die folgenden Daten. Es waren in diesem Jahre im ersten Semester 7048 und im zweiten 6491 Hörer inskribiert. Der Konfession nach waren 2916 (41,3°/0) römischkatholisch, 2440 (34,6%) jüdisch, 738 (10,4%) reformiert usw. Der Fakultät nach verteilten sich die jüdischen Hörer wie folgt: juristische Fakultät 1252 (33,6%), medizinische 868 (50,05%), philosophische 218 (17,7%), pharmazeutische 102 (38,2%). Der hier angegebene Prozentsatz bezieht sich auf die Gesamtzahl der Hörer. Interessant ist es aber auch, festzustellen, in welchem Verhältnisse die jüdische Jugend den einen oder anderen Lebensberuf gewählt hat. Von den jüdischen Hörern haben sich 51,3% der juristischen, 35,0% der medizinischen, 8,9% der philosophischen und 4,1'% der Apothekerlaufbahn zugewendet. Aus dieser Statistik geht deutlich hervor, daß die jüdischen Studierenden immer mehr diejenigen Laufbahnen wählen, auf welchen sie selbständig. ohne auf eine Staats- oder Kommunalanstellung rechnen zu müssen, vorwärtskommen können. Am deutlichsten zeigt sich das in dem Rückgänge der jüdischen Hörer in der philosophischen Fakultät. FranRretch. 2. Paris, 14. Januar Mit Recht weist das Konsistorium in seinen letzten Sitzungen auf die Wichtigkeit der Predigt für den Gottesdienst hin. Bis vor Jahresfrist war nämlich eine Predigt, ausgenommen an Feiertagen, ein seltenes Ereignis in den hiesigen Synagogen, deren Besuch infolgedessen auch nur ein spärlicher war und zusehends abnahm. Um diesem Uebel ein wenig abzuhelfen, hat das Konsistorium jetzt beschlossen, den Gottesdienst jeden Freitag abend und Sonnabend durch eine Predigt zu verschönern und dadurch das allgemeine Interesse für die Andacht wieder anzufeuern. — Im Judenviertel erregte jüngst ein in „Jüdisch" abgefaßter öffentlicher Anschlag das Interesse der Passanten. Es handelte sich um eine Aufforderung der jüdischen Bäcker, sich der Agitation ihrer christlichen Kollegen gegen die Nachtarbeit im Bäckergewerbe anzuschließen. In dem Ausruf waren als Gründe gegen die Nachtarbeit angeführt, daß die Arbeiter feiten mit ihrer Familie zusammen sein könnten, daß sie nicht imstande seien, an der Erziehung ihrer Kinder teilzunehmen, und daß sie infolge des indirekt durch die Nachtarbeit hervorgerufenen unregelmäßigen Lebens früh vom Tode ereilt würden. — Die diesjährige Zusammenkunft des Institutes für internationales Recht wird ihren Sitz in Paris haben und unter dem Präsidium des Dekans der hiesigen juristischen Fakultät, Herrn Professor Lion Caen stehen. Von hervorragenden Persönlichkeiten, die an den Beratungen teilnehmen werden, seien erwähnt: der holländische Staatsrat Herr P. M. C. Ass er und der Rektor der Brüsseler Universität, Herr Paul Errera. — Zum Mitglied des Komitees der Vereinigung französischer Künstler ist der Bildhauer, Herr Emanuel Hannaux, gewählt worden. In Bordeaux starb der bekannte Maler Professor Max Paul Salzedo. Seit zwanzig Jahren fanden die von ihm im Salon ausgestellten Arbeiten ungeteilten Beifall. Auch war der Verblichene lange Zeit Lehrer der städtischen Kunstschule in Bordeaux. Amerika. K. Cincinnati, 2. Januar. Hier starb plötzlich am 18. Dezember am Herzschlag Professor Dr. Siegmund Mannheimer. Der Verblichene hat ein Alter von beinahe 75 Jahren erreicht und ist in Hessen-Nassau geboren. Nach Vollendung seiner philologischen Studien in Paris siedelte er nach den Vereinigten Staaten über. Dort wirkte er als Lehrer in Baltimore, New York, St. Louis und Rochester, bis er 1884 als Professor der Exegetik, des Aramäischen und als Bibliothekar des Hebrew Union College nach Cincinnati berufen wurde. Diese Stellungen bekleidete er bis zu seinem Lebensende. Von seinen bedeutendsten Werken seien folgende erwähnt: Die Uebersetzung der Arbeit von Leroh Beaulieus „Antisemitismus", „Die Wahrheit über den Talmud" aus dem Französischen von T. Klein und „Iggert Llussar", eine englische Uebersetzung des Iggert ülussar von S. Alami.