Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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— Aus den auswärtigen Vereinen: In Rixdorf sprach Dr. Domke über die Pflichten des jüdischen Staatsbürgers im modernen Staate; in Lautenburg i. Pomm. Dr. med. Hirschberg über Juden in der Medizin; in Steinheim Dr. Poritzky über Iudeneide, Dr. L. A. Nosenthal über Naturdichtung in der Bibel; in Lage i. L. und in Hamm Dr. Mannheimer-Oldenburg über Kultur und Judentum; in Köln a. Rh. Herr Fabius Schach über Jüdische Kultur in Ost und West; in Frankfurt a. M. Rabbiner Dr. Kaatz-Zabrze über Nietzsche und das Judentum. — Ein neuer Verein hat sich in Jntroschin gebildet. Der Vorstand besteht aus den Herren Max Wagner, E. Marcuse und Emil Grodnik. Berlin, 18. Januar. Wie aus den zahlreichen beim Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes nicht nur von Gemeinden und Privatleuten des Inlandes einlaufenden Bestellungen auf das Stenographische Protokoll der Konferenz vom 5. Dezember v. I. hervorgeht, ist das Interesse an der Lösung der Wanderbettelfrage ein sehr lebhaftes. Das zeigt sich auch an den Zuschriften, die bei der provisorischen Zentralkommission einlaufen und als Ergänzung der auf der Konferenz gegebenen Anregungen zum Teil höchst beachtenswerte Beiträge für die künftigen Arbeiten liefern. Auch die Großloge U. O. B. B. trägt dazu bei, daß das Verständnis für die Aufgaben der geplanten Gesamtorganisation in immer weitere Kreise getragen werde. Um so erwünschter ist es, daß die während des Monats Januar in allen Teilen Deutschlands tagenden Konferenzen zu dem Ziele führen, daß in allen Teilen des Vaterlandes Provinzial-Fremdenkassen entstehen, deren Funktionieren eine Vorbedingung für die Durchführung der von der Zentralkommission ausgehenden Reformarbeit bildet. D. G. Tarnowitz, 10. Januar. Auf ein 50 jähriges Bestehen kann die hiesige „Gbe>vra Ladiseba" zurückblicken. Am 2. d. M. veranstaltete sie zu Ehren des Tages ein glänzend besuchtes Fest, zu dem fast alle oberschlesischen Brudervereine Delegierte entsandt hatten. Die Feier begann mit einem Festgottesdienfle, darauf folgte eine imposante Festsitzung. Aus der Festrede des Vorsitzenden, Herrn Felix Rischowsky, heben wir einen bedeutsamen Beschluß der Chewra hervor: es werden 5000 .Mark als Grundstock für ein in Oberschlesien zu errichtendes jüdisches Krankenhaus gestiftet. Des weiteren entnehmen wir aus den Ausführungen des Festredners: Die Chewra hat seit zwölf Jahren freie Beerdigung für alle Mitglieder und ihre im Haushalte lebenden Angehörigen eingeführt, um somit im Tode, der alle gleich macht, auch äußerlich einen beschämenden Unterschied zwischen arm und reich aufzuheben. Nach der Festrede, die einen nachhaltigen Eindruck hinterließ, folgten die Gratulationen der auswärtigen Vereine. Herr Justizrat Cohn sprach im Namen der Beuthener Chewra, Herr Rabbiner Dr. G old sch mi dt - Königshütte hob so manchen vorbildlichen Zug hervor, den er aus den Prinzipien der Chewra zu Tarnowitz entnommen; in demselben Sinne sprachen Herr Rechtsanwalt Dr. Friedlaender-Lublinitz und Herr Beuthner-Gleiwitz. Auch Herr Rabbiner Dr. Kopfstein-Beuthen ließ es sich nicht nehmen, als „Freund" einige Worte an die Versammlung zu richten. Herr Dr. Stahl überbrachte die Wünsche der zionistischen Ortsgruppe. Namens des Jubelvereins dankte der zweite Vorsitzende, Herr Benno Cohn, für die Glückwünsche. An die Festsitzung schloß sich ein Festessen. an dem 200 Personen teilnahmen. Ein Festball und Ausführungen beschlossen die schöne Feier, die allen Teilnehmern in dauernd angenehmer Erinnerung bleiben wird. ET. W. Posen, 13. Januar. Unter überaus großer Beteiligung fanden am 6. d. M. die Repräsentantenwahlen für die hiesige Synagogengemeinde statt. Von 1167 Wahlberechtigten übten 1037 ihr Wahlrecht aus. Das ist ein Prozentsatz, wie er bisher einzig dasteht, und der nur erreicht wurde durch die außerordentlich lebhafte Agitation sowohl seitens des Positiven Blocks als auch seitens des Vereins liberaler Juden. Die Kandidatenliste des letzteren Vereins blieb schließlich die siegreiche, denn bis auf einen Kandidaten wurden alle von ihr vorgeschlagenen Herren gewählt. Die Repräsentantenversammlung, welche mit den Stellvertretern 25 Mitglieder zählt, weist eine Minderzahl von Konservativen auf. Als Repräsentanten wurden gewählt die Herren: Geheimrat Michael Herz. Justizrat Manheimer, Mannasse Werner, Wolff Brandt, Sally Hamburger, Rechtsanwalt Dr. Kämpfer, Joseph Kantorowicz und Stadtrat Schleyer. Zu Stellvertretern wurden gewählt die Herren: Berthold Hamburger, Siegfried Lesser, David Gellert, Geheimer Justizrat Salomon und Michael Herzog. — In der ersten Sitzung nach Neujahr wurde Hierselbst in der Stadtverordnetenversammlung Herr Justizrat Plaezek zum Stadtverordnetenvorfteher wiedergewählt. — Herr Amtsgerichtsrat Isaak Holzmann hat den Roten Adlerorden 4. Klasse erhalten. — Die hiesige Synagogengemeinde ist durch den plötzlichen Tod zweier Mitglieder in .tiefe Trauer versetzt worden. Der Krankenhausinspektor Isidor Schwarz und Kaufmann Nathan Z uckermann, beide im besten Mannesalter, sind infolge Herzschlages jählings verschieden. Die große Beteiligung an ihrem Leichenbegängnis bekundete die Achtung und Liebe, deren sich die so jäh Dahingeschiedenen bei Lebzeiten zu erfreuen hatten. J. Posen, 16. Januar. Eine imposante, von mehr als 1000 Glaubensgenossen besuchte Versammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", in welcher Herr Rechtsanwalt Holländer eine Propagandarede hielt, faßte auf Antrag des Herrn Justizrat Placzeck, der auf die Mißstünde bei der Ausweisung nichtreichsangehöriger Juden und der grundsätzlichen Ablehnung aller Naturalisationsgesuche seitens solcher Glaubensgenossen hinwies, die folgende Resolution: „Die heutige von mehr als 1000 Personen besuchte Versammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" im Posener Apollo-Theater-Saale erblickt in der Ausweisung von Ausländern um ihres jüdischen Glaubens willen und in der fast ausnahmslosen Versagung der Naturalisation von Ausländern jüdischen Glaubens eine unbillige Zurücksetzung der jüdischen Ausländer und eine Verletzung der deutschen Juden. Sie ersucht den Vorstand, mit aller Entschiedenheit gegen diese Zurücksetzungen Stellung zu nehmen". Diese Entschließung ist um so bemerkenswerter, als es sonst in den Zentralvereinsversammlnngen nicht so häufig zu derartigen Beschlüssen kommt, sie vielmehr meistens nur Propagandazwecken dienen. Hoffentlich findet dieser Posener Vorgang auch anderweitig Nachahmung. ----- Stettin, 10. Januar. In unserer Gemeinde besteht seit Jahren, noch ehe von einem Jugendbund die Rede war, eine Vereinigung der weiblichen jüdischen Jugend, die um so wertvoller und eindringlicher ihren Einfluß zur Geltung bringt, als sie im Anschluß an den israelitischen Frauenverein, als eine Abteilung desselben, von seiten des Vorstandes und einer von ihm eingesetzten Kommission geleitet wird. Die erfolgreiche Wirksamkeit zeigt sich darin, daß der Vorstand die weibliche Jugend, und vornehmlich die berufstätigen und hierorts fremden Mädchen, um sich schart, daß er es sich angelegen sein läßt, ihre Berufs- und persönlichen Interessen warmherzig mit zu vertreten. Fortbildungskurse unter den denkbar billigsten Bedingungen und eine reichhaltige Bücherei sind eingerichtet. Gesellige Abende mit anregenden Vorträgen finden von Zeit zu Zeit im Vereinszimmer statt, das in der seit zwei Jahren bestehenden Wohlfahrtseinrichtung, dem Jahresheim für junge Mädchen, Pölitzerstr. 104, sich befindet. Eine eifrig geführte Stellenvermittlung sowie andere Vergünstigungen knüpfen ein enges Band zwischen Jugend und Vereinsmitgliedern des israelitischen Frauenvereins. Mehrere Sommer hindurch bot ein gut verwaltetes Erholungsheim in Misdroh oder Swinemüde den Erholungsbedürftigen Genesung und Kräftigung. Die Jahresheimeinrichtung, die ausgezeichnet und mustergültig von den eifrigen Kommissionsmitgliedern geführt und überwacht wird, dient zugleich einer Koch- und Haushaltungsschule. Theoretischer und praktischer Unterricht bietet eine gute Ausbildung zum Haussrauenberuf, aber auch für den Berus als Stütze oder Haushaltungsvorstand. Nähere Auskunft erteilt der Vorstand. — Leipzig, 16. Januar. Durch die Bemühungen des Vorstandsmitgliedes Frau Bertha Levy hat sich hier eine Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes konstituiert. Sie besieht aus 70 Mitgliedern und zeigt schon reges Interesse für die gute Sache. Den Vorstand bilden: Frau Dr. Porges, 1. Vorsitzende; Frau Mathilde Goldschmidt, 2. Vorsitzende; Frau Bertha Levy, Schatzmeisterin; Frau Anna Nelke, Frau Anna Schwarz, Frau Anna Nenmann, Frau Hansi Kahn. Es ist dies die dritte Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes, dem 130 Vereine angeschlossen sind.