Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 3 Der Gemetndrvore. Berlin, 21. Januar 1910 Vellage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". korrrlponLrn?m und Mschrichtrn. Deutschland. S. Berlin, 16. Januar. Die heutige Repräsentantenversammlung hatte den Rest der umfangreichen Tagesordnung aus der vorigen Sitzung zu erledigen. Zunächst stand die Vorlage betreffend Umwandlung der freien Kommission in eine ständige gemischte Deputation zur Auswahl von Ehrenbeamten zur Beratung. Die Vorlage ist für die Versammlung nicht neu, sie ist . auch vom Gemeindevorstand mehrfach beraten aber bisher stets abschlägig beschieden worden. Der Referent in der heutigen Sitzung, Herr Direktor Dr. Minden, begründete in sehr ausführlicher Weise die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit dieser Umwandlung und bat namens des Ausschusses um Annahme folgender Resolution: „Die Repräsentantenversammlung wolle beschließen, den Gemeindevorstand aufzufordern, eine ständige Kommission soll aus einer kleinen Anzahl von Vorstandsmitgliedern und Repräsentanten und einer großen Zahl von Gemeindemitgliedern bestehen, welche über alle Gegenden der Großgemeinde Berlin zerstreut sind, eine genügende Personal- und Lokalkenntnis besitzen und geeignet sind, neue Kräfte für die Gemeindeverwaltung heranzuziehen. Eine Mitwirkung der bestehenden Verwaltungskommission bei der Auswahl neuer Mitglieder soll nicht ausgeschlossen sein." Namens des Gemeindevorstandes bitten die Herren Netter und Syndikus Lilienthal dem Anträge nicht stattzugeben. Der.Gemeindevorstand hat sich nicht davon überzeugen können, daß es zweckmäßig ist, unter Ausschaltung der Verwaltungskommissionen eine besondere Kommission mit der Auswahl der Ehrenbeamten zu betrauen. Die einzelnen Kommissionen müßten am besten wissen, welche Erfordernisse gegebenenfalls an die zu wählenden Ehrenbeamten zu stellen sind, und deinzufolge müßten sie auch in erster Reihe berufen sein, Vorschläge für die Besetzung von Vakanzen zu machen. Zudem sei dieZahl aller in den verschiedenen Kommissionen tätigen Ehrenbeamten um ein vielfaches größer als im Höchstfälle die Mitgliederzahl der besonderen Kommission betragen würde, und somit die Möglichkeit, einen viel größeren Kreis von Kandidaten in Betracht zu ziehen, als es bei einer Uebertragung der Auswahl an eine ständige Kommission der Fall sein könnte. Auch darauf sei Rücksicht zu nehmen, daß das friedliche und gedeihliche Zusammenwirken der Mitglieder in den einzelnen Kommissionen leicht gefährdet werden könnte, wenn den Kommissionen Personen aufgezwungen würden, welche ihnen möglicherweise nickt genehm seien. Schließlich dürfte auch die Arbeitslast des Gemeindevorstandes nicht erhöht werden, der augenblicklich in 26 Verwaltungskommissionen, fünf ständigen Kommissionen und neun genuschen Deputationen tätig sein müsse. In energischer Weise trat Herr Louis Sachs für die Resolution ein. Die Repräsentantenversammlung wollte nicht mehr Puppen spielen, und durch die freie Kommission und die Handhabung des geschäftlichen Verfahrens bei der Auswahl ihr Wahlrecht vollständig preisgeben. Falls der Vorstand die vorgeschlagene Kommission ablehnen würde, so werde die Repräsentantenversammlung, was der Vorstand nicht hindern könne, unter sich eine Kommission wählen. Für die Resolution sprach noch Herr Rechtsanwalt 'Dr. Ignatz Cohn, der den jetzigen Vorschlag nur für eine Ausgestaltung der freien Kommission hält, während sich gegen dieselbe die Herren Emil Pincus und Manheimer aussprachen. Nach langer Debatte wurde auf Antrag Blumenthal der Schluß angenommen. Die Abstimmung war auf Antrag Loewenthal eine namentliche. Es stimmten elf mit ja, vier mit nein (die Herren Pincus, Manheimer, Loewenthal und Kommerzienrat Simon), zwei (Professor Kalischer, Kommerzienrat Loewenberg) enthielten sich der Abstimmung. — Nach Wiederbezw. Neuwahl der vom Ausschuß vorgeschlagenen Mitglieder des Kränkenhaus-Vorstandes und der W a i se n - K o m m i s s i o n wurde Herr Em i l C o h n irvdas Kuratorium der Ephraim-Stiftung abgeordnet.— DieEinsetzung einer gemischten I Deputation zur Beratung der Frage, ob die jüdische Gemeinde mit der Reformgemeinde eine Verwaltungsgemeinschast eingehen soll, nahm die Versammlung nur kurze Zeit in Anspruch. Der Referent Herr Dr. Ignatz Cohn berichtet, daß die Reformgemeinde ihr Vermögen an die Großgemeinde übertragen wolle, wofür die Großgemeinde dann sämtliche Verwaltungsangelegenheiten der Reformgemeinde erledigen solle; weitere Einwirkungen sollten dem Gemeindevorstande nicht zustehen. Der Gemeindevorstand, der in dieser Angelegenheit noch zu keinem Beschluß gelangt ist, hat den Wunsch nach Einsetzung einer gemischten Deputation ausgesprochen, auch die Repräsentanten stimmen diesem Vorschläge zu. In diese Deputation werden die Herren Professor Kali scher, Iustizrat Veit Simon, Kommerzienrat Gerson Simon, Professor Blaschke, Loewenthal und Lewinski entsandt. Mit der Uebernahme der von Fräulein Emilie Bernhard zu Krankenpflegezwecken errichteten Stiftung (12 000 Mark) in die Verwaltung der Armenkommission erklärt sich die Versammlung einverstanden. Die erforderten. Beiträge zu den Kosten des Religionsunterrichts an der höheren Mädchenschule des Herrn Dr. Lorenz in Friedenau und .für den Religionsunterricht in Karlshorst wie auch für die Kurse zur Vorbereitung der Chordirigenten und Kantoren für die Jnterimsgottesdienste wurden debattelos bewilligt. — Auch die nachträgliche Bewilligung einer Ausgabe für Bewirtung der. Teilnehmer am Delegiertentage zur Bekämpfung des jüdischen Wanderbettels wurde beschlossen. Unter großer Heiterkeit berichtete Herr Dr. Ginsberg, daß die Versammlung hier vor einer vollendeten Tatsache stehe: die Sitzung hat bereits stattgefunden, das Frühstück ist verzehrt, die Gemeinde hat es auch schon bezahlt, also bleibt nichts weiter übrig, als die nachträgliche Bewilligung. — Einige kleinere Ausgaben werden debattelos genehmigt, zwei Beamten, die übersehen worden waren, die Teuerungszulagen nachträglich bewilligt, die Schaffung der Stelle eines zweiten akademisch gebildeten Architekten für das Baubureau zur Entlastung des Gemeindebaumeisters Herrn Hoeniger beschlossen und schließlich die Festsetzung einer Gehaltsskala für die juristischen Hilfsarbeiter der Gemeindeverwaltung angenommen. Das Gehalt soll mit 5000 Mark beginnen und mit 21 Jahren in Zwischenräumen von je drei Jahren bei 9600 Mark Höchstgehalt endigen. Damit schloß die öffentliche Sitzung. e. Berlin, 16. Januar Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 11. d. M. Herr Professor Dr. I. Goldstein aus Darmstadt über die Poesie der Bibel. Der Redner wies darauf hin, daß alle großen, bedeutenden Menschen sich mit der Bibel beschäftigten, und daß sie in ihr das ausgedrückt gefunden, was sie selbst im Innersten fühlten, aber nicht auszusprechen vermochten. Künstler, Dichter und Denker nahmen und nehmen Motive aus der Bibel- Und in der Tat ist sie das Buch der Bücher, da sie alles enthält. Tiefe Probleme werden in ihr behandelt (Hiob), von heißer leidenschaftlicher Liebe .weiß sie. herrlich zu singen (hohes Lied), Volksgeschichte wird in ihr geschrieben und zugleich uns das Schicksal einzelner Menschen vorgeführt. In ihrer Entwicklung ist sie ästhetisch aufsteigend. Das älteste in ihr ist ein Kriegsgesang, das Deborahlied, und eins ihrer anmutigsten Schöpfungen, ist das Buch Ruth, ein Idyll, wie es zarter und feiner nirgend in der Weltliteratur sich findet. Der Ausdruck ist naiv, und wirkt gerade dadurch sowie durch seine Knappheit so außerordentlich. Was die Form schließlich anbetrifft, so gibt es zweizeiligen Strophenbau; auch finden wir Alliteration und Klangmalerei.. Zum Schluffe der..Ausführungen, die der Redner durch zahlreiche längere und kürzere Beispiele illustrierte, sprach er sein lebhaftes Bedauern aus, daß die modernen Juden sich-so wenig mit ihrer Bibel beschäftigten, die erhaben ist durch die.Größe und Fülle der Gedanken und die Gewalt der Sprache. „Wehe," sagte Professor Goldstein, „wenn ein Jude nicht, in der Bibel seinen „eigenen in tiefem Herzensgründe pochenden Geist findet." Reicher Beifa ll lohnte den Redner für seine interessanten Ausführungen.