Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
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35 Sein stattlicher Körper, der voll Beweglichkeit war, obwohl er über das Mittelmaß hinausging, zeigte eine edle, stolze Haltung, und der fast klassische Schnitt seines mit keinem Zuge an seine jüdische Abkunft gernahnenden Gesichts errangen ihm das Wohlgefallen all derjenigen, die ihm nähertraten. Die dem Vizefeldwebel Werner unterstellten Mannschaften hingen an ihm mit Liebe und waren jederzeit bereit, ihm vollen Gehorsam zu schenken. Hatte eres doch verstanden, in kurzer Zeit das Vertrauen seiner Leute durch humane und gerechte Behandlung zu gewinnen. Hierdurch war es ihm aber auch möglich geworden, in dem nun beendeten Manöverkampfe die Erfolge zu erringen, die ihm ein so hohes Lob eingebracht haben. Alle diese Tatsachen waren dem Hauptmann v. Barkow wohl bekannt. Darum fiel es ihm gar so schwer, sich des ihm gewordenen Auftrages zu entledigen. Als er später vor seiner Kompagnie stand, wiederholte er den Leuten die anerkennenden Worte des Kommandierenden. Dann ließ er den Vizefeldwebel Werner vor die Front treten .Aber nicht gleich fand er die Worte, in welche er das zu spendende Lob kleiden sollte. Stotternd sprach er nur wenige Sätze, und man nahm es wahr, mit welchem Widerstreben sie zum Ausdruck gebracht wurden. Wie leuchteten dennoch die Augen Werners, als er die Worte seilles Hauptmanns vernahm, die für ihn um so erfreulicher und bedeutungsvoller waren, als sie gerade von seinem direkten Vorgesetzten, der ihm nicht besonders wohl wollte, vor versammelter Mannschaft gesprochen wurden. Aber auch auf den Gesichtern all derjenigen um ihn, welche diese Worte vernahmen, lag helle Freude, darob, daß „ihrem Vize" eine solch hohe Auszeichnung widerfahre. Und als das Kommando zum Abmarsch gegeben war, ilnd der Hauptmann sich entfernt hatte, da umringten die Kameraden den Vizefeldwebel Werner und boten ihm ihre aufrichtigen und herzlichen Wünsche dar. „Wir können stolz darauf sein, lieber Kamerad, Sie bald ganz zu den Unsrigen zählen zu dürfen," sprach voll Begeisterung der Oberleutnant v. Haller, und der Leutnant v. Born schloß sich diesen Worten an. Wo Werner sich sehen ließ, wurde er von den Offizieren der verschiedensten Truppenteile und Chargen auf das herzlichste begrüßt und beglückwünscht. — Wie traumverloren ging nun Werner des Weges, der ihn in sein bescheidenes Manöverquartier führte. Lag nun nicht der Weg frei, der zur Verwirklichung seiner heißesten Wünsche führte? Konnte er jetzt noch daran zweifeln, daß das zur Wahrät werden würde, was ihm seit dem Tage, an welchem er;,um erstenmal den bunten „Rock des Königs" angezogen, im Geiste vorgeschwebt? Schon sah er sich geschmückt mit Epauletten und Schärpe, und ein stolzes Hochgefühl erfüllte seine jugendliche Brust. Er hätte sein schier unfaßbares Glück in alle Welt Hinausrusen uwgen! — Auf seiner Stube angelangt, entledigte sich Werner seiner Montierung. Dann beeilte er sich, seinen Eltern von den Ereignissen des Tages Kunde zu geben. „Ich weiß, wie sehr Ihr Euch über meinen Erfolg freuen werdet," schrieb er, „hoffentlich werde ich Euch recht bald noch Erfreulicheres mitteilen können." — Wenige Tage daraus saß am Spätnachmittage der Fabrikbesitzer Hermann Werner in seinem traulichen Wohnzimmer! am Schreibtische. In seiner Nähe am Fenster saß seine Frau, mit einer Näharbeit beschäftigt. Herr Werner war eine markige Gestalt, und nur sein völlig ergrautes Haar wies darauf hin. daß er schon längst die Hohe des Lebens überschritten hatte. Herr Werner hatte sich wieder in die Lektüre des Briefes vertieft, den er vor wenigen Tagen von seinem Sohne Max erhalten hatte. Wie oft schon hatte er das Schreiben seines Einzigen zur Hand genommen, um sich an dem Glück zu weiden, das diesem zuteil wurde, und immer wieder las er verklärten Blickes seiner hochbeglückt lauschenden Frau die markantesten Stellen vor. Wie Pochte jedesmal das Herz des Vaters, wenn seine Augen über die vertrauten Schristzüge dahinschweiften! Wiederum hatte er längst den teuren Brief zu Ende gelesen, aber immer noch blickten seine feuchtschimmernden Augen wie traumverloren über das Schreiben hinweg ins Leere. Denn er dachte an längstvergangene Tage zurück, die ihm ähnliche Erfolge gebracht hatten, wie sie jetzt sein Sohn errungen hatte. Vor seinem sinnenden Geiste stiegen Bilder, mannigfachster Art und vielbewegt, empor, die ihm Personen und Ereignisse vor die Seele zauberten, die er längst verschollen und vergessen wähnte. In jenen Tagen, als heilige Begeisterung und heißer Kampfesmut alle deutschen Herzen beseelte, war auch Hermann Werner dem königlichen Kriegsruse gefolgt, um gegen den Erbfeind ins Feld zu ziehen. Wenige Wochen nachdem er seiner Dienstpflicht als Einjährig-Freiwilliger genügt hatte, mußte er sich plötzlich von seinen alten Eltern, deren einzige Stütze er gewesen war, losreißen, um wiederum den Rock des Königs anzuziehen. War auch der Abschied von den Geliebten seines Herzens gar schwer gewesen, so war er doch freudig und mutig von dannen gezogen. Galt es doch, für König und Vaterland zu streiten, und gern wollte er sein ganzes Sein einsetzen, um sein Teil zur Erkämpfung eines Sieges mit beizutragen. Schlimme Tage waren ihm in der Folge beschieden gewesen, Tage voll unsäglicher Mühen und Beschwerden. (Schluß folgt.) säSgi'2 Mcherrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Aus den Quellen neu bearbeitet von Dr. H. Graetz. 5. Band. 4. Ausl., bearbeitet von S. Eppenstein. Leipzig, Oskar Leiner. Deutsches Knabenbuch. Ein Jahrbuch für Knaben. Band 23. Stuttgart, K. Thienemanns Verlag. Deutsches Mädchenbuch. Ein Jahrbuch für junge Mädchen. Band 17. Stuttgart, K. Thienemanns Verlag. „Festpredigten", gehalten im Jahre 1907 (5667) von Dr. Lieber Dobschütz. Aus dem Nachlaß veröffentlicht von seiner Witwe. Im Selbstverlag der Herausgeberin, Skotschau, Oesterr.-Schlesien. „Derböse Blick und Verwandtes." Ein Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens aller Zeiten und Völker von Dr. S. Seligmann. 2 Bände. Verlag von Herman Barsdorf, Berlin W. 30, 1910. „Vorarbeiten zur Germania judaiea II": Artikel von M. Braun, H. Thkozinski, Freimann. „The Synoptic Gospels.“ Ediled with an introduction and a Commentary by C. G. Monlefiore. Together wilh a series of Additional Notes by J. Abrahams YoJ. I and II. Macmillan and Co., London 1909.