Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
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34 7NL „Weil er rin Jude ilt ...!" Skizze von I. Herzberg-Bromberg. I. Parade war glänzend verlaufen. Unter klingendem Spiel und mit wehenden Fahnen waren die schmucken Krieger, die trotz der überstandenen Manöverstrapazen eine stramme Haltung bewahrten, an Se. Exzellenz, dem kommandierenden General, vorbeimarschiert, und nun versammelte dieser noch einmal das gesamte Ossizierkorps um sich, um seine Anerkennung über die Leistungen der Mannschaften und bereu Führer zum Ausdruck zu bringen. „Meine Herren Offiziere!" hob der Kommandierende an, „es gereicht mir zur Freude, Ihnen meine vollste Zufriedenheit mit den Leistungen der Leute auszusprechen. Es lag in allen ihren Bewegungen ein seltener Schneid. Die Operationen wurden durchgängig mit Sicherheit durchgeführt. Es ist dies eine Folge Ihrer gewissenhaften Arbeit, meine Herren: Sie haben alle Ihre Schuldigkeit getan." Bei diesen Worten blickte der Sprechende mit freundlichem Gesicht auf seine Zuhörer. Dann fuhr er fort: „Eine besondere Freude bereitete mir die Haltung der 12. Kompagnie des Xten Regiments, deren Leuten eine äußerst schwierige Aufgabe zugewiesen war, die dank der umsichtigen und sachgemäßen Leitung der Führer glänzend gelöst wurde. Besonders hervorzuheben ist die Geschicklichkeit, mit welcher der Schützenzug operierte. Dadurch, daß dieser den an Zahl weit überlegenen Feind überraschte und ihn aus seiner Stellung verdrängte, ist hauptsächlich der günstige Ausgang des Kampfes herbeigeführt worden. Herr Hauptmann v. Barkow, ich gratuliere Ihnen zu diesem Erfolge!" Mit diesen Worten wendete sich Se. Exzellenz an den vor stolzer Freude errötenden Kompagniechef. „Ich bitte Sie, dem trefflichen Führer Ihres Schützenzuges in meinem Namen eine besondere Anerkennung auszusprechen. Ihnen allen aber, meine Herren, danke ich für Ihre Bemühungen. Adieu, meine Herren!" Mit kurzem Gruß ritt der General von dannen, ihm folgten die Offiziere, die über die eben vernommenen Worte eine um so größere Freude empfanden, als ein Lob aus dem Munde des hohen Gestrengen zu den Seltenheiten zählte, daher um so höher zu bewerten war. Der Hauptmann v. Barkow aber, der die ihn so sehr auszeichnenden Belobigungen hochklopfenden Herzens vernommen hatte, nahm jetzt die Glückwünsche seiner Kameraden entgegen. Als er sich aber allen: auf dem Heimwege nach dem Standorte seiner Kompagnie befand, die er vor ihrem Abmarsche noch einmal begrüßen, und der er die anerkennenden Worte des Generals, wiederholen wollte, da begann der Freudenrausch, der ihn umfing, allmählich sich zu verflüchtigen. Ja, eine gewisse Unruhe beschlich ihn, und sein Herz ward beklommen, als er an den besonderen Auftrag seines hohen Vorgesetzten dachte. Wie gar schwer mußte es ihm werden, diesen Auftrag auszuführen! Denn der Führer seines Schützenzuges war der Vizeseldwebel Max Werner gewesen. Und Max Werner war ein Jude! Hauptmann v. Barkow hatte von jeher gegen seine Leute jüdischen Glaubens eine große Abneigung bekundet, wodurch diese stets schwer zu leiden hatten. Wenn seine jüdischen Untergebenen noch so sehr ihre Pflicht taten und sich durch Pünktlichkeit und Sauberkeit, durch Mut und Entschlossenheit sowie durch ernste Strebsamkeit allezeit auszeichneten, nie entlockten diese militärischen Tugenden dem Munde des Hauptmanns irgendein Wort des Lobes, der Anerkennung. Der jüdische Soldat galt in seinen Augen als ein minderwertiges Glied seiner Kompagnie, der dieses nur zur Unzier gereichen mußte. Und nun sollte und mußte er an einen Juden vor versammelter Mannschaft Worte richten, wie er sie zu einem solchen noch nie gesprochen, sollte einem Untergebenen, dem er stets nur seinen Widerwillen bekundet, im Aufträge Sr. Exzellenz eine Belobigung aussprechen. Hauptmann v. Barkow war ratlos. Wie sollte er diesen Auftrag ausführen, wenn er sich nicht in einen direkten Widerspruch mit seiner den jüdischen Leuten seiner Kompagnie gegenüber gezeigten Haltung setzen wollte? Würde seine Autorität nicht eine Einbuße erfahren? Und gerade der Vizefeldwebel Werner war dem Hauptmann v. Barkow stets ein Dorn im Auge gewesen. Schon als Einjährig-Freiwilliger hatte Werner eine so musterhafte Führung gezeigt, daß der Hauptmann wohl oder übel sich gezwungen sah, ihm bereits nach halbjähriger Dienstzeit die Gefreitenknöpfe zuzubilligen und ihm kurz vor beendeter Dienstzeit die Unteroffiziertressen zu verleihen. Und als Werner zur Ableistung seiner Hebungen, die zur Erlangung der Leutnantscharge erforderlich waren, einberufen worden war, hatte man ihn jedesmal der 12. Kompagnie zugewiesen, und auch da hatte v. Barkow bei aller Rigorosität, die er Werner gegenüber walten ließ, niemals einen Grund zu irgendeinem Tadel finden können, geschweige denn Anlaß zu einer etwaigen Bestrafung gefunden. Werner strebte mit aller Energie dem Ziele zu, Reserveoffizier zu werden, trotzdem der Erreichung dieses Zieles für ihn schier unüberwindliche Hindernisse im Wege standen. Hatte man doch schon längst den jüdischen Aspiranten, obgleich diese allen Anforderungen, die man an sie zu stellen berechtigt war, vollauf genügt hatten, den Eintritt in das Offizierkorps verwehrt. Werner aber glaubte durch die außergewöhnliche Stellung, die er seit seiner Beförderung zum Vizefeldwebel den Offizieren seines Bataillons, ja, des ganzen Regiments gegenüber erlangt hatte, seinen Eintritt in das Osfizierkorps geradezu erzwingen zu können. Denn kaum zuvor hatte ein jüdischer Soldat in so intimen Beziehungen zu den ihm übergeordneten Offizieren gestanden, wie Max Werner. Durch seine Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit, namentlich aber durch seine überaus seltene Tüchtigkeit und Gewandtheit in militärischen Dingen hatte er sich die Herzen aller gewonnen. Durch gesellschaftliche Routine, sowie durch mancherlei Fertigkeiten hatte er sich geradezu unentbehrlich gemacht, und die Offiziere übersahen seine Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben und verkehrten gern mit ihm, als sei er einer ihres Standes. Werners äußere Erscheinung war aber auch ganz dazu angetan, im Fluge die Sympathie all derjenigen sich zu erringen, in deren Kreis er trat.