Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
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31 beteiligten Faktoren gleichmäßig Mitwirken können und müssen, daß daran nicht nur die Kultusbeamten und Lehrer, sondern ebenso auch das Laienelement beteiligt ist. Darum aber fordern wir auch: Gleiches Recht für alle! Das neue Organisationsgesetz muß von dem Geiste sozialer Gerechtigkeit erfüllt sein. Recht und Gerechtigkeit verlangen wir deutschen Juden von den regierenden Organen, darum dürfen unsere führenden Organe den jüdischen Gemcindebeamten den Anspruch auf soziale Gerechtigkeit uicht verwehren! Wir Kantoren drohen nicht mit Kampf — soll doch friedlich unser Wirken sein — wir erklären aber feierlich: „Wie wir trotz aller Hintansetzung bisher gern und freudig, aus vollem Herzen unsere Stimme zmu Lobe Gottes erhoben haben und ferner erheben werden, so wollen wir nicht ermüden und ermatten, um immer wieder kraftvoll unsere Stimme ertönen zu lassen und der deutschen Judenheit zuzurufen: „Uebt gegen uns soziale Gerechtigkeit! Laßt Euer Bestreben, pTX zu üben, gleich sein Eurem bisherigen Triebe zur np“?aC!" Dlk nruni Mekize Nirdamim. Von D. Simonien. etwa drei Vierteljahren wurde dem Publikum bekannt gemacht, daß eine Anzahl von Freunden der älteren hebräischen Literatur zusammengetreten sei, um den drei Jahre zuvor aufgelösten Verein „[Mekize Nirdamim" von neuem zu begründen. Da tüchtige Forscher schon ihre Mitarbeit zugesagt hatten, und man vermuten durfte, daß das große Publikum sich nicht gar zu gleichgültig verhalten würde, konnte sogleich zur Arbeit geschritten werden, und in ganz kurzer Zeit werden die ersten vier Lieferungen des neuentstandenen Vereines an die Mitglieder verschickt werden. Zu wünschen wäre noch eine größere Zahl von Abonnenten und Mäcenen. Die hebräische Literatur erfreut sich ja nicht gar zu sehr der Opferwilligkeit seitens unserer bemittelten Glaubensgenossen. Doch will ich die oft erhobene Klage nicht zu scharf wiederholen. Denn, wer im praktischen Leben steht, weiß ja, welche Opfer finanzieller Art, ganz abgesehen von den althergebrachten Ausgaben der Gemeinden, in den letzten Dezennien von den begüterten Juden gefordert und auch gebracht worden sind, um die Leiden unserer Brüder iiu Osten erträglicher zu machen. Allzuviel Zeit, Kraft und Geld ist uns durch die kurzsichtige Politik von Staatsleitern "n Osten genommen worden, so daß die Gleichgültigkeit wichtigen Angelegenheiten gegenüber wenn auch nicht zu verteidigen, so doch wenigstens teilweise zu verstehen ist. Aber trotz allem muß neben den Vereinigungen, welche sonst die Wissenschaft und die Kunde des Judentums fördern soll, nun von neuem der Verein Mekize Nirdamim, der sich die Aufgabe gestellt hat, unveröffentliche hebräische Werke zu ediren, seine berechtigte Forderung auf Unterstützung seitens des Publikums erheben. Viel von unserer alten Literatur wartet ja darauf, von neuem ans Licht zu treten, und es zeigt sich immer von neuem, daß kundige Arbeiter vorhanden sind, wenn sie nur j)rof. Dr. Vergl. den Artikel in die Hoffnung hegen können, daß ihre Arbeit nicht ausschließlich für ihren eigenen Schreibtisch geleistet wird. Und wir Juden müssen uns doch in der Tat schämen, wenn wir uns bewußt werden, was bezüglich der Hebung unserer Geistesschätze versäumt wird, weil keine Akademie für uns sorgt, und kein Verleger es vernünftigerweise wagen kann, viel Geld in die Ausgaben der dringend nötigen Werke hereinzustecken. Ich spreche nicht von den unbedeutenden Sachen, wenn auch diese, an sich geringeren Wertes, in größerem Zusammenhänge oft wertvoll sein können. Nehmen wir aber einen der allergrößten der nachbiblischen jüdischen Schriftsteller: den vielleicht unübertroffenen hebräischen Dichter Jehuda Halevh. Was hat es ihm genützt, daß Heinrich Heine für ihn geschwärmt hat, so daß selbst die gebildeten Juden von einem „Jehuda ben Halevh" in Menschenaltern zu sprechen gewußt haben? Unsere besten Literaturforscher wie Luzatto, Sachs, Geiger, Kaufmann und, um auch den jüngst verstorbenen, schwervermißten Geschichtsschreiber der jüdischen Literatur zu nennen, Gustav Karpeles, haben uns Dezennien hindurch auf verschiedenste Weise vor Augen geführt, was wir an Jehuda Halevh besitzen, und erst jetzt, nach und nach, werden die Schätze ans Tageslicht gebracht, so daß auch einmal eine vollkommene Verdolmetschung aus der heiligen Sprache möglich sein wird. Oder, um rein historisch zu sprechen: im ersten Jahre der erstmaligen Begründung der Mekize Nirdamim (1864) gab Luzzatto ein erstes Heft des Diwan Jehuda Halevhs heraus. Kurz danach entschlief der Meister, nach einiger Zeit auch der Verein. Jin zweiten Erscheinen desselben Vereins nahm Brody die verwaiste Ausgabe von neuem auf (1894 und folgende Jahre), aber erst jetzt, im dritten Stadium der Mekize Nirdamim, dürfen wir hoffen, daß es diesem Mitarbeiter gelingen wird, die Ausgabe zu Ende zu führen, — mehr als zwei Menschenalter, seitdem Luzzatto durch seine „Betulath bath Jehuda" das ganze hebräischlesende Publikum in Kenntnis gesetzt hatte, was hier noch zu finden sei. Ich könnte auch von einem anderen der allergrößten unserer Literatur sprechen, von Moses Maimonides. Nur dem glücklichen Umstande, daß die deutschen Universitäten die Drucklegung der Dissertationen fordern, und dem zweifelhaften Glück, daß die deutschen Gemeinden ihre Rabbiner mit dem Doktortitel geschmückt wissen wollen, hat jener es zu verdanken, daß (neben dem von Derenbourg für die M. N. herausgegebenen Bd. VI) wenigstens teilweise Brocken seines wunderbaren Mischna- Kommentars im Urtext und in verbesserter Übersetzung vorgelegt worden. Dabei spielt noch der reine Zufall eine Rolle, daß nämlich in Berlin brauchbare Handschriften vorhanden sind. Und dabei ist eine Menge von Arbeit von einer ganzen Anzahl von jungen Theologen in nutzloser Wiederholung gemacht, nutzlos, weil die allerwenigsten dieser Herren später Gelegenheit gehabt haben, die gewonnenen Kenntnisse zu verwenden. So sieht es also mit unseren Größten aus. Man wird mir wohl also Recht geben, daß wir einen Verein nötig haben, der in plan- U). Bacher. Nr. 2 von M. Eislern