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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-21 · Heft 3 (21.1.1910) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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Aus Petersburg weiß die N. I. K. die bedenkliche Nachricht zu melden: In den Handelsschulen konnten Juden bisher unbeschränkte Aufnahme finden. Die Kommerzschulen hatten deshalb für die jüdische Jugend besondere Bedeutung, da in ihnen nicht nur bic Handelsfächer, sondern auch allgemeine Bildungsgegenstände gelehrt werden. Nun hat das „schwarze" Kultusministerium (wie es nach dem Minister Schwarz zutreffend genannt wird) den Juden diese letzte Bildungsmöglichkeit genommen, indem es auch für die Kommerzschulen Prozentnormen bei der Ausnahme von Juden bestimmt hat. Dadurch haben zahlreiche Handelsschulen den größten Teil ihrer Schüler und damit ihre Existenzmöglichkeit verloren. Die Vorsteher mehrerer Handelsschulen sind nun hierher gekommen und ersuchen die Regierung, die neueingeführten Beschränkungen wieder aufzuhebern da dieselben die gänzliche Schließung vieler Handelsschulen zur Folge haben müßten, was ja auch für die nichtjüdische Bevölkerung von großem Nachteil wäre. Endlich enthält sie ans Rjasan folgende Nachricht, die jeden Kommentar überflüssig macht: Vor dem hiesigen Gericht wurde ein Prozeß wegen des im Jahre 1905 hier stattgehabten Judenpogrom verhandelt, Fünfzehn Angeklagte wurden zu zwei bis acht Monaten Gefängnis verurteilt — die übrigen Beschuldigten wurden freigesprochen. * Wir erhalten folgende zwei Zuschriften, die eine vom Hilfsverein der Deutschen Juden. Sie lautet: Der Zentralfonds für das Hilfswerk in Rußland in London gibt jetzt seine Schlußabrechnung. Bekanntlich war dieser Fonds am 14. November — nachdem telegraphische Vorverhandlungen zwischen Lord Rothschild-London, Jacob H. Schiff-New Dork und Tr. Paul Nathan vom Hilfsverein in Berlin die Uebereinstinimung der Organisationen dieser drei Länder ergeben hatten — in einer Konferenz in London geschaffen worden, damit in dem entsetzlichen Unglück, das durch die furchtbaren Pogrome in Rußland über unsere russischen Glaubensgenossen hereingebrochen war, schnelle und ausreichende Hilfe gewährt, das Hilfswerk auf einheitlicher Grundlage durchgeführt werden könne und sich nicht wirkungslos zersplittere. Dem Fonds schloffen sich alsdann auch die Wiener Allianz und die Pariser Allianz an, welch letztere bereits auf der Londoner Konferenz durch Herrn Leven.fr. vertreten war, so daß schließlich amtliche jüdische Korporationen in dieser Zentrale vereinigt waren. Die Gelder des Zeniralsonds setzten sich aus folgenden Summen zusammen: Vereinigte Staaten (New Pork) . . . 4 800 000 Mark England und Kolonien (Russo Jewish Committee)' 2 202 820 „ Deutschland . ... . . . . . . ... . 1 180000 „ davon Hilssverein der Deutschen Juden . . .... . . 780000 Mark mehr als die doppelte 'Summe wurde außerdem vom Hilfsverein direkt für Rußland ausgegeben. Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden . . . 400000 „ Frankreich (Alliance) . . . . . . ... . . 639 720 „ Oesterreich (Wiener Allianz) . . . . ... , 442020 „ Brüssel (Jewish Relief Committee). . 60 000 „ Schweiz (Hilfskomitee Basel) . 26 660 „ Aus anderen Ländern . . . . . . . . . . 76 560 „ Die Verteilung der notwendigen Entschädigungen an die Opfer der Pogrome nach Rußland konnte dank der geschaffenen Organisation in kürzester Frist, insbesondere auf Grund der persönlichen Informationen, die die Herren Feinberg (Jca-Petersburg), Dr. Paul Nathan (Hilfsverein Berlin) und Carl Stettaner. (Russo Jewish Committee London) trotz der gefahrvollen Zeit an Ort und Stelle einholten, erfolgen. Insgesamt wurden aus dem Zentrnlfonds 8 333 700 Mark für das Hilsswerk in Rußland ausgegeben. Die übrigbleibenden Beträge verblieben unter der Verwaltung von Lord Rothschild in London, weil die traurige Lage der Juden in Rußland es notwendig machte, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Erst im Beginn dieses Jahres hat das Russe Jewish Committee in Uebereinstimmung mit allen beteiligten Korporationen die in London deponierten Summen teilweise zurückgezahlt, damit die Einzelorganisationen diese Mittel ihrer Bestimmung entsprechend verwenden. . Um aber die unter so schwierigen Verhältnissen geschaffene und unter so schwierigen Verhältnissen so glänzend erprobte Zentralstelle aufrecht zu erhalten, und um bei großen Unglücksfällen unseren Glaubensgenossen ungesäumt Hilfe bringen zu können, ist ein Fonds von 100 000 Mark weiter unter der Verwaltung des Herrn Lord Rothschild verblieben, an dem die oben genannten Organisationen entsprechend beteiligt sind. Dadurch ist das Fortbestehen der Zentrale gesichert. Da der noch verbleibende Fonds nur für Kalamitäten großen Umfanges bereitgehalten wird, so können in Zukunft Unterstützungen anderer Art von London aus nicht mehr gegeben werden. Solche müssen entweder von den lokalen Institutionen oder von den Hilfsorganisationen der einzelnen Länder getragen werden. Für die umsichtige Verwaltung der großen Summen, die die Judenheit der ganzen Welt zur Linderung des namenlosen Elends in Rußland beigesteuert hat, für das harmonische Zusammenarbeiten mit allen jüdischen Organisationen, für die rasche, planmäßige und sachlich vortreffliche Abwicklung des ganzen großen Hilfswerks gemeinsam mit dem auf der Konferenz in London eingesetzten Zentralberichtsbureau des Hilfsvereins der Deutschen Juden, bleibt die gesamte Judenheit dem Russe Jewish Committee und seinen Leitern, vor allen den Herren Lord Rothschild, Lord Swaythling, Carl Stettauer und den verewigten Herren Reverend Singer und N. S. Joseph zu dauerndem Danke verpflichtet. „ e Den anderen Bericht empfangen wir von der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation": „Anfiedlung jüdischer Emigranten in der Türkei., (Unterhandlungen der ^Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" mit der türkischen Regierung.) Die Vertreler des neuen Regimes in der Türkei betrachten als eine ihrer nächsten und dringendsten Aufgaben, die Besiedlung und Urbarmachung der enormen, heute brachliegenden Ländereien des türkischen Reiches. Gelegentlich des offiziellen Besuches des Großrübbiners der Türkei, Nahoum Effendi, äußerte der türkische Kammerpräsident Ahmed Riza Bey laut Berichten, die in der Presse erschienen waren, daß die türkische Regierung geneigt wäre, die Einwanderung und Ansiedlung jüdischer Emigranten in verschiedenen Ländern der Türkei durch allerlei administrative Erleichterungen zu fördern, um die heute leerstehenden Gebiete mit einer arbeitsamen und loyalen Bevölkerung zu füllen. Aehnliches führte der Minister des Evkaf (wohltätige Stiftungen) Hamada Pascha im Senat aus. Durch Vermittlung des türkischen Botschafters General Nizami Pascha in Berlin unterbreitete nun die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Or, ganisation" der türkischen Negierung eine Denkschrift betreffend die Ansiedlung jüdischer Emigranten in der Türkei. Die Denkschrift war von mehreren Mitgliedern des Zentralrates der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" u. a. von dem Vorsitzenden Dr. Isidor Ginsberg-Berlin, Kommerzienrat Gerson Simon- Berlin, Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Senator-Berlin, Kommerzienrat Louis Feist-Frankfurt a. M-, Kommerzienrat Benjamin Hirsch-Halberstadt, Kommerzienrat George Marx-Königsberg unterzeichnet. Die auf Grund der Beschlüsse zweier allgemeiner jüdischer Konferenzen ins Leben gerufene „Allgemeine Jüdische Kolonisations- Organisation" ist bekanntlich eine rein humanitäre Vereinigung,, deren Satzungen alle politischen und Parteitendenzen ausschließen, und an dessen Spitze namhafte Israeliten verschiedener Länder stehen.

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