Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1910)
- Date
- 1910-01-21
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228911--66183-3278306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
27 Fortbestehen, ja eine gesunde Entwicklung der wichtigen Handelsbeziehungen bedeuten, während ein Sieg der Konservativen die Kriegsgefahr verstärken und den Verkehr hemmen würde. Ueber das letztere macht ein Berliner Mittagsblatt folgende beachtenswerte Ausführungen: Die Konservativen werden, wenn sie ans Nuder gelangen, mit dem System des Freihandels aufräumen und Schutzzölle einführen. Schutzzölle auf Artikel, die Deutschland jahraus, jahrein im Werte von rund einer Milliarde Mark nach England und seinen Kolonien exportiert. Für Deutschlands Exporthandel in Chemikalien, Kali, Zucker, Bier, gewissen Kleiderstoffen Wirkwaren, Besatz, Maschinen, Galanterie- und Spielwaren. Glas, Porzellan usw. ist England eines der wichtigsten, für manche dieser Artikel das wichtigste Absatzgebiet. Führt England Schutzzölle auf diese deutschen Ausfuhrwaren ein, so muß dies auf die davon betroffenen deutschen Industrien eine überaus ungünstige, in einigen Fällen sogar verderbliche Rückwirkung üben. Selbst wenn es diesen Industrien gelänge, anderweitig Ersatz für den englischen Markt zu finden — wie es beispielsweise bei der deutschen Porzellanindustrie der Fall war, als ihrer Ausfuhr nach Amerika Schwierigkeiten bereitet wurden — so würde doch darüber geraume Zeit vergehen, eine Zeit der Verluste und unbelohnter Mühe. Es ist daher begreiflich, daß die deutsche Exportindustrie, die Millionen Menschen, die von ihr leben, der Möglichkeit einer Sperrung des englischen Absatzgebietes mit großer Bangigkeit entgegensehen. Die zweite Angelegenheit, die im Vordergrund des politischen Interesses steht, ist die Kattowitzer Beamteninterpellation im Deutschen Reichstage. In Kattowitz sind bekanntlich einige Lehrer und Postbeamte, weil sie Polen gewählt haben, strafversetzt worden. Nun wird gewiß keiner dem Deutschen Reiche verwehren, das Deutschtum in der Provinz Posen mit allen gesetzlichen Mitteln zu stärken, aber die meisten Parteien sind darin einig, daß niemandem, auch nicht den Beamten das freie Wahlrecht beeinträchtigt werden sollte. Dieses freie Wahlrecht wird — und das ist die dritte wichtige Angelegenheit — auch in Preußen verlangt, wie es in der vorletzten Thronrede verheißen worden ist. Das „Berliner Tageblatt" hat eine Erklärung zahlreicher hochstehender Männer zusammengebracht, die alle nachdrücklich das geheime Wahlrecht, auch für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus, verlangen. Dagegen und zugunsten der Ausrechterhaltung der öffentlichen Abstimmung machen die Anhänger des alten Systems geltend, daß das geheime Wahlrecht zur Charakterlosigkeit erziehe. Die letzte Thronrede hat eine Vorlage darüber verheißen. Ueber diese Vorlage werden die ersten Mitteilungen in der Preffe laut. Danach sollen Begünstigungen an den Mittelstand, an die höhere Bildung, an wirtschaftliche und soziale Rangstellung bewirkt, das Prinzip der öffentlichen Wahl dagegen nicht ausgegeben werden. Es ist nicht tunlich, in diesem Blatt aus bloße Gerüchte hin ein Urteil zu fällen; wohl aber darf darauf hingewiesen werden, daß die wirkliche Meinung der Abstimmenden nur bei einer geheimen Wahl zum Ausdruck kommen kann. Die Mitglieder der herrschenden Partei, ferner Arbeitgeber ebensogut wie Sozialdemokraten nerden immer imstande sein, die öffentliche Wahl, wenn nicht ^radezu zu beeinflussen, so doch Einwirkungen zu üben, welche >nanche veranlassen, entweder gar nicht bei der Wahl zu erscheinen, oder bei ihrer Stimmabgabe sich höheren Rücksichten M fügen. * Ein Vorkommnis derletztenBerlinerStadtverordnetenversammlung ist sehr betrübend. Bei einer Verhandlung über die Vorlage, betreffend die Berechtigung der Mitglieder einer Armenkommission zur Niederlegung ihrer Aemter, wurde ein freisinniger, übrigens christlicher Redner durch einen Sozialdemokraten unterbrochen. Die Freunde, des Redners verbaten sich die Störung, einer von ihnen, der jüdische Stadtverordnete Solmitz wurde dabei von einem Sozialdemokraten mit den Worten 'zurückgewiesen: „Wandern Sie nach Palästina". Herr Solmitz erfüllte eine Pflicht, indem er diesen Vorfall zur Kenntnis. des Vorsitzenden gab, der die Bemerkung des Redners mit dem Witz abtun wollte „Sie werden doch dem Wunsche nicht Folge leisten?" und durch solchen Ausspruch große anhaltende Heiterkeit erregte. Nach zwei weiteren Reden ergriff der Vorsteher das Wort zu folgender Bemerkung: „Bei der herrschenden Unruhe wahrend der Rede des Herrn Kollegen Gericke habe ich den Vorfall, der sich dabei abspielte, doch nicht so genau wahrnehmen können. Wie ich jetzt höre, hat der Herr Kollege Basner sich an einen jüdischen Kollegen gewandt und ihm ins Gesicht gerufen: „Wandern Sie doch nach Palästina aus!" Für dieses grobe Vergehen rufe ich den Herrn Kollegen Basner zur Ordnung!" Ich halte den Vorfall für betrübend in doppelter Beziehung, 1. weil der Vorsteher die fatale Angelegenheit zunächst mit einem Witzwort abzutun suchte, 2. weil ein Sozialdemokrat einen solchen Ausruf tat, den man höchstens einein Antisemiten zutrauen könnte. Die jüdischen Stadtverordneten haben immer bewiesen, daß sie nicht Sonderintereffen treiben, sondern allein das Wohl der Stadt im Auge haben; sie verdienen wahrlich nicht von einer Partei, die sich freiheitlicher Grundsätze rühmt und das allgemeine Wohl befördern zu wollen, vorgibt, beschimpft und ihrer Anrechte an Deutschland beraubt zu werden. Ueber traurige Vorgänge im Auslande entnehmen wir der „N. I. K." folgende drei Berichte. Aus Lemberg empfängt die genannte Zeitung die nachstehende Korrespondenz: Daß Bildung und Aufklärung keinen sicheren Damm vor dem Antisemitismus bieten, beweist wieder einmal folgende, in der Geschichte des Judenhasses wohl beispiellos dastehende Affäre. Die hiesige Advokatenkammer hat gegen jüdische Rechtsanwälte ein Disziplinverfahren eingeleitet, weil sie sich in einer öffentlichen Versammlung gegen den hiesigen Gemeinderat wegen Nichtsubventionierung einerjüdischen gemeinnützigen Institution ausgesprochen haben. Es handelte sich um die Advokaten Dr. Buber, Dr. Fried, Dr. Grünberg, Dr- Ringel. Dr. Nußbrecher, Dr. Landes, Dr. Feld und Dr. Zipper, welche die durch den Gemeinderat erfolgte Ablehnung des Unterstützungsgesuchs des jüdischen Rigorosantenvereins mißbilligten. Es dürfte schwer fallen, eine Analogie zu diesem Fall zu finden, daß eine sozialberufliche Körperschaft ihre jüdischen Mitglieder maßregelt, weil sie' es sich erlauben, jüdische Interessen zu vertreten. Und dabei ist die Körperschaft eines Standes, der das Recht und die Gerechtigkeit repräsentiert und der höchsten Intelligenz des Landes angehört! Der die sührenden Politischen Kreise beherrschende Antisemitismus läßt befürchten, daß die mit soviel Aplomb angekündigte Enquete über die ökonomische Lage der Juden in Galizier: und die daran anzuschließende Hilfsaktion im Sande verlaufe. Die Enquete war bereits für den August v. I. bestimmt. Nun ist von ihr noch immer nichts zu hören, obgleich der Landtag in diesem Monat wieder Zusammentritt. Eine Hilfsaktion für die Juden dieses Landes würde in nächster Zukunft leichter zu ermöglichen sein, weil jetzt eine „Jndustriebank für das Königreich Galizien und Lodomerien samt dem Großherzogtum Krakau" durch den Landesausschuß für Galizien und eine niederösterreichische Gesellschaft errichtet wird. Diese Bank, deren Hauptaufgabe in der Gewährung industrieller Kredite bestehen soll, könnte und müßte auch den jüdischen Gewerbetreibenden wirtschaftliche Förderung bieten.