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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-21 · Heft 3 (21.1.1910) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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die den Geist vieler alter Neligionsgesetze des Judentums bilden und für den die Judenschaft nach und nach fast alles Verständnis zu verlieren droht. Dieser unvergleichliche, von ewiger Gotteswahrheit durchwehte Geist des Gesetzes wurde schon vor Jahrtausenden im Judentume geschätzt, mit außerordentlicher Liebe und Sorgfalt gehegt, aber diese Liebe ist ihm imd) und nach recht übel bekommen. Aus purer Liebe zu ihm wurde ihm ein tiefes Grab bereitet und darauf eine ungeheure Literatur, eben „Gottes mündlich geoffenbarter Kommentar", als schützendes Denkmal gesetzt; um ihn vor jeder fremden Berührung, vor jedem frischen Luftzug zu hüten, ward er und wird er heute noch unausgesetzt in Hüllen über Hüllen und Schutzvorschriften über Schutzvorschriften gepackt, die schließlich ein Zerrbild aus dem ursprünglich Erhabenen machten und dazu führten, daß endlich aus den denkenden Juden heraus der Geist des jüdischen Gesetzes um Hilfe und Schutz vor seinen Helfern und Beschützern rief. Keine Gemeinschaft, keinerlei Lehre hat eine solche Fülle von ureigenen Kulturbeiträgen aufzuweisen als die jüdische schon in alter, alter Zeit. Der Monotheismus, die Nächstenliebe, der allwöchentliche Ruhetag, die Gleichberechtigung der Ehefrau, die Rechtsgleichstellung des Fremden, die öffentliche Fürsorge für Arme, Witwen und Waisen, die Wertschätzung von Arbeit und Arbeitern, der Tierschutz usw. sind ureigene Beiträge des Judentumes zur Entwicklung der heutigen Kultur. Da, in seiner Mitarbeit an der Menschheitskultur, da lebt und webt das eigentliche Judentum. Wer aber weiß so recht davon? Wer schätzt dies? Die Juden selbst oder gar die Nichtjuden? Für alle Welt gilt ja leider „Gottes mündlich geoffenbarter Kommentar" in seiner ewigen Endlosigkeit als das eigentliche Judentum. Das Zerrbild gilt als Wesen, die Form als Geist, die Hülle als Kern. Nein. Hier Wandel zu schaffen durch Freilegung dieser einzig dastehenden geistigen Größe des Judentumes ist seine Pflicht gegenüber der Vergangenheit. Und nun zu den Pflichten gegenüber der Gegenwart, und zwar gleichfalls an der Hand der Entwicklung. Jede gesunde Entwicklung verlangt allem anderen voran Wahrhaftigkeit, volle uneingeschränkte Wahrhaftigkeit. Ohne Wahrhaftigkeit keinerlei Entwicklung, keinerlei Kraft und auch keinerlei Recht zum Leben. Leider ist aber diese Wahrhaftigkeit nicht immer zu finden: weder in den Worten des Gebetes, deren Sinn die wenigsten kaum verstehen, noch in der gewaltigen Kluft zwischen Lehre und Leben im Judentume, zwischen der Rituallehre des Judentums von einst und dem Leben der Juden von heute, noch in der unglückseligen Unklarheit und Verworrenheit, die auf der einen Seite zu Heuchlertum und Aberglauben, und auf der anderen zum Jndifferentismus und zum Abfall führt. Die Herbeiführung religiöser Wahrhaftigkeit, dieser Uebereinftimmung von Lehre und Leben, bildet aber die Pflicht des liberalen Judentums in der Gegenwart. Welche Pflichten endlich liegen dem liberalen Judentume der Zukunft gegenüber ob? Unsere Zukunft sind vor allem unsere Kinder. Wir wollen, daß sie tüchtige, ehrenwerte Menschen werden, und zwar als Juden. Als Juden nicht nur im Geburtsbuche, sondern auch im Buche des Lebens, daß sie mit ihrem ganzen Lebenslaufe ihr Judentum betätigen, diesem Ehre machen sollen. Wir wollen, daß der Mensch und Jude harmonisch in ihnen übereinstimme, die menschlich edle Tugend jüdisch-religiöse Pflicht für sie werde, daß sie nicht nur dem Namen, sondern auch ihrer Ueberzeugung, ihrem ganzen Denken und Empfinden nach Juden und eben darum rechtschaffene Menschen bleiben sollen. Dieses Denken aber, diese Geisteswelt unserer Kinder hat ihre Quellen nicht allein im Judentume, ja naturgemäß weit, weit mehr in allen Zweigen der modernen Wissenschaft. Da tritt an uns die heilige Pflicht heran, sorgsam und peinlichst zu verhüten, daß keinerlei Konflikt zwischen jüdischer Religionslehre und den Lehren moderner Wissenschaft eintrete, daß Geist und Gemüt unserer Kinder rein und frei bleibe von jeder Unwahrhaftigkeit, jeder Heuchelei. Nur das wirklich als wahr Erkannte dürfen wir als Wahrheit dem Kinde bieten. Die Heuchler der Schulbank werden niemals rechtschaffene Menschen und noch viel weniger überzeugte Juden werden. Und wahrlich, unser Judentum hat ja Stoff genug, für seine Wahrheiten, für seine Geschichte, für seine geistige und sittliche Höhe zu begeistern, auch wenn wir es dabei bewenden lassen, daß Gott der Schöpfer aller Dinge ist ohne als Wahrheit zu lehren, in wieviel Tagen er sein Schöpferwerk vollbracht, oder, daß die ungeheuren Mauern Jerichos einem Erdbeben zum Opfer gefallen seien, nicht aber dem Posaunenschall. Wahrhaftigkeit von der Jugend, Uebereinstimmung mit ihrer sonstigen wissenschaftlichen Ausbildung, Vermeidung jeden seelischen Konfliktes mit Schule und Elternhaus, Begeisterung erwecken für das eigentliche Wesen des Judentumes, das sind unsere Zukunftspflichten den Kindern gegenüber. Aber auch gegen das Gesamtjudentum haben wir solche, ja erhöhte, wie ja das liberale Judentum eine höhere Entwicklungsstufe darstellt. Welche Zukunftspflichten? In der Erhaltung und Weiterbildung der Religion der Väter. Die Religion der Väter muß endlich unsere Religion werden, unser, daß sie in uns selbst, in unserem ganzen Denken und Empfinden ihre stärksten Wurzeln habe, unser, daß sie auch in ihren äußeren Formen . übereinstimme mit unserer Zeit, unserer Wissenschaft, unserem Leben, unser, daß wir alle, Männer und Frauen, jung und alt, es als heilige Pflicht betrachten, uns fest und innig zusammenzuschließen um das gemeinsame Prinzip, um die gemeinsame große und heilige Ausgabe der liberalen Neugestaltung des Judentums. „Was du ererbt von deinen Vätern hast. Erwirb es, um es zu besitzen." Gib ihm dein Gepräge, dann erst wird es dein. E Dir Mache. Berlin, 18. Januar, ie allgemeinen Angelegenheiten erregen das größte Interesse. Am meisten besprochen werden folgende: erstens, die bevorstehenden englischen Wahlen. Es wäre eine große politische Kurzsichtigkeit, solche Wahlen in einem fremden Lande als eine rein innerpolitische Angelegenheit zu betrachten. Vielmehr hat der Ausfall der Wahlen in England für die Deutschen und die deutschen Juden ein doppeltes Interesse. Muß zunächst jeder freigesinnte Mann überall der liberalen Partei den Sieg wünschen, so würde ein Triumph des Liberalismus in England eine Annäherung an Deutschland, ein Verstummen des ewigen Kriegsgeschreis und ein

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