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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-21 · Heft 3 (21.1.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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H. Jahrgang. Nr. 3 Berlin, 21. Januar 1910 Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. vegründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags * Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen is-preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor« orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8HV., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Rerlür. ^e(^e und Pflichten des liberalen Judentums. Von Rabbiner Ißliriurr. Dr.A. Tänzer-Göppingen. — Die Woche. — Zum Organisations-Gesetzentwurf. Von H. Fabisch-Göttingen. — Die neuen Mekize Nirdamim. Von D. Simonsen. — Wolf Bardach Edler v. Chlumberg, k. k. österreichischer Husaren-Major. Von Moritz Frühling-Wien. — Feuilleton: „Weil er ein Jude ist. . .!" Skizze von I. Herzberg- Dromberg. — B ü ch er ei n lüus. — Sp re ch sa al.— An die Herren Mitarbeiter! Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Tarnowitz, Posen, Stettin, Leipzig, Halle a. S., Nürnberg, Göppingen, Budapest, Paris, Cincinnati. — Von Nah und Fern. Kechtk und Wichten des liberslkn Judentums. Vortrag gehalten im „Verein für die Interessen des liberalen - Judentums" in Augsburg. Von Rabbiner Dr. A. Tänzer-Göppingen. II. enn wir von der Zukunft sprechen, haben wir naturgemäß unsere Kinder, die Träger der Zukünft im Auge. Legen wir uns da einmal folgende Frage vor: Sollen öder müssen wir das uns von unseren Voreltern Ueberlieferte in gleicher Weise und im gleichen Charakter unseren Kindern weitergeben, oder aber haben wir das Recht, eben diesem Stoffe das Gepräge unserer Zeit und unseres Denkens zu geben? Ja, ich will, da tzs sich Um unser Liebstes und Heiligstes, um unsere Jugend, handelt, dieser Frage konkrete Fassung geben. Wir oder doch die Aelteren unter uns haben die biblische Schöpsungsdarstellung als wortwörtlich dargeboten erhalten. Nicht nur Gott als Schöpfer, sondern auch das Wie und Wann seines Schöpfungswerkes wurde uns dargestellt. Das Religionsbuch ward zur Naturlehre. Müssen wir nun diesen Stoff ebenso weitergeben, oder aber haben wir das Recht das Kind zu belehren : Gott ist der Schöpfer alles Vorhandenen, aber das Wie und Wann der Bibel, der Blick, den sie. uns in die Werkstätte selbst erschließen will, stellt nichts anderes dar als nur die Vorstellung früherer Zeiten? Ein anderes Beispiel. Von so und sovielen Wundern durch aufgehobene Naturgesetze wurde uns gelehrt. Haben wir das Recht, da selbständig einzugreifen und unsere Kinder, entsprechend ihrem naturwissenschaftlichen Unterrichte, zu belehren, daß Gottes Naturgesetze durchaus unabänderliche seien, und die sogenannten Wunder nur Auffassungen von Naturvorgängen seien in einer Zeit, die gegen die unsere in der Kenntnis der Naturgesetze noch weit zurückstand? Ich könnte'hier einfach sagen, .wir haben das Recht nicht nur, sondern auch die Pflicht. Doch von der Pflicht später. Jetzt nur vom Rechte. \ : : Wir haben hierzu das Recht. Und wir erhalten es wieder durch den Begriff der Entwicklung. Denn dieser lehrt uns nicht nur, an unserer eigenen geistigen und sittlichen Weiterbildung unablässig zu arbeiten, sondern befiehlt uns auch, die von uns erreichte Entwicklungshöhe zu einer Vorstufe für noch weitere Emporentwicklung unserer Nachkommen zu machen. Was wir einmal als wahr erkannt und deshalb in unsere Ideenwelt ausgenommen, was wir als falsch erkannt und aus dieser ausgeschieden haben, das dürfen wir, unbekümmert um unsere ^Voreltern, als unseren Fortschritt weitergeben. Für vernünftige Eltern kann es ja keinen größeren Ruhm geben, als wenn sie von ihren Kindern übertroffen werden. Je mehr, um so besser. Unsere eigene Entwicktungshöhe kann einen größeren Erfolg sich nicht wünschen, als wenn sie als geeignete Vorstufe für die noch höhere Entwicklung kommender Generationen sich bewährt, und darum haben wir das Recht, das volle unantastbare Recht, die Zukunft in unserem Sinne zu gestalten, ihr heute das Gepräge unserer Vorarbeit zu verleihen. — Soviel von den Rechten des liberalen Judentums. — Nunmehr aber zu seinen Pflichten.- Beginnen wir auch hier mit den Pflichten gegenüber der Vergangenheit, und auch hier soll der Begriff Entwicklung unser Führer sein. Entwicklung bildet auf allen Gebieten die Brücke auch zur Vergangenheit. Sie lehrt uns unseren eigenen Werdegang, unseren Ausstieg von Kleinem und Kleinerem zu Großem und immer Größerem erkennen, sie lehrt uns dankbar auf das Denken, Arbeiten und Schaffen früherer Zeiten zurückblicken und hierin unsere eigene Vorstufe betrachten und würdigen, sie erfüllt uns deshalb mit tiefstem sittlichen Ernste, wenn wir an die Vergangenheit herantreten. Auch da, wo .wir gezwungen sind, ihr in einzelnen Punkten ein Grab zu bereiten. Und darum möchte . idj es als erste Pflicht auch des liberalen Judentums gegenüber der. Vergangenheit bezeichnen, daß dieser tiefe sittliche Ernst, diese Liebe und unerschütterliche Treue zum Judentume, alle seine Anhänger, seine Kämpfer um den liberalen Aufbau erfülle, daß alle liberal denkenden Juden und Jüdinnen von dem Bewußtsein durchdrungen seien, aus Liebe zum Judentume, aus Ueberzeugung für seine ewigen Wahrheiten, aus Sorge für seine Erhaltung, aus Pflicht für seine Weiterentwicklung bekennen wir uns zu seiner liberalen Umgestaltung. Nicht die Liebe zum Liberalismus, . sondern die zum Judentume bildet die Basis, auf..der wir stehen. Jedoch als eine weitere Pflicht gegenüber, dev Vergangenheit, und zwar gleichfalls als eine solche.der, Entwicklung möchte ich bezeichnen die Wiedererweckung rmd Verallgemeinerung jener hervorragenden noch durch keinerlei Fortschritt seither überholten Wahrheiten,

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