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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-14 · Heft 2 (14.1.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 und das Gemeindestatut entsprechend der heutigen Resolution zn ändern, sofern der Vorstand die Berufung von Frauen in die Kommissionen aufgrund des gegenwärtigen Statuts nicht für zulässig erachtet. — Auf allgemeinen Wunsch wurde darauf nach dreistündiger Dauer die Sitzung vertagt, und die Punkte 9 bis 36 wurden auf die Tagesordnung der am nächsten Sonntag stattfindenden Versammlung gesetzt. Unter'diesen Vorlagen dürfte besonderes Interesse die Vorlage betreffend Einsetzung einer gemischten Deputation zur Beratung der Frage erwecken, ob die jüdische Gemeinde mit der Ne formgemeinde eine Verwaltungsgemeinschaft eingehen soll. HF. Werlin, 5. Januar. In der Aula der Knabenschule der jüdischen Gemeinde hielt am 29. v. M. die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums ihre Generalversammlung ab. Dem vom Vorsitzenden Professor Dr. Martin Philippson erstatteten Jahresbericht war zu entnehmen: Tie Gesellschaft sei im verflossenen Jahre von 1105 auf 1209 Mitglieder gestiegen. Die wissenschaftlichen Unternehmungen der Gesellschaft haben wiederum einen großen Fortschritt zu verzeichnen. Professor Dr. Philippson wies ganz besonders darauf hin, daß im vergangenen Jahre wieder zwei Bände von „Die systematische Theologie des Judentums" von K. Köhler und der zweite Band der „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" von M. Philippson erschienen seien. Den Mitgliedern der Gesellschaft stehen im neuen Geschäftsjahre der zweite Band der „Gesammelten Schriften" von D. Kaufmann gegen eine Versandgebühr von 0.50 Mark, ferner eine Reihe anderer Schriften zu bedeutend ermäßigten Preisen zur Verfügung. Zum Schluß verwies Professor Dr. Philippson auf die Bedeutung der Gesellschaft für die innere Erstarkung des Judentums und seine Beurteilung und Schätzung in der Außenwelt. Nach Erteilung der Entlastung an den Schastmeistcr erfolgte durch Zuruf die Wiederwahl der bisherigen Mitglieder des Ausschußes. An Stelle des verstorbenen Dr. Gustav Karpeles wurde Professor Tr. F. Liebermann neugewählt. Alsdann hielt Professor Dr. Leopold Cohn (Breslau) einen Vortrag über: „Die griechische Bibelübersetzung und das Christusbild in den Evangelien." Nach einigen einleitenden Bemerkungen sprach der Redner zunächst über die Entstehung der alexandrinischen Bibelübersetzung (Septuaginta), die nur aus dem praktischen Bedürfnis der griechisch redenden Juden, in der hellenistischen Zeit hervorgegangen sei, und hob die Bedeutung der griechischen Bibel hervor, die sie dadurch gewonnen habe. Dann ging der Vortragende zu seinem eigentlichen Gegenstände über, zur Schilderung des Einflusses der Septuaginta auf die Evangelien und die Gestaltung des Lebensbildes Jesu. Die Schriften des Neuen Testaments lehnen sich in Stil und Ausdrucksweise eng an die Septuaginta an. Bestimmte Ausdrücke und theologische Begriffe seien ans der Septuaginta in das Christentum gelangt und durch dieses in das allgemeine Bewußtsein übergegangen. Z. B. Kyrios (Herr) für „Gott", weil das Tetragrammaton von den Juden Adonaj (mein Herr) ausgesprochen wurde; daher „der Herr" für „Gott" in der Lutherschen Bibel und im heutigen Sprachgebrauch, ebenso die entsprechenden Bezeichnungen in anderen Sprachen. Derselbe Ausdruck wird im Serien Testament auch von Jesus gebraucht. Ebenso wurden andere Bezeichnungen Gottes im Neuen Testament auf Jesus übertragen, ii’ie der „Erlöser". „Retter", „Helfer". Der Redner ging dann aus . ie alttestamentlichen Zitate im Neuen Testament ein, die größteni'ilö nach dem Text der Septuaginta gegeben werden. Auch Jesus, d-r nur aramäisch sprach, wie aus den Evangelien klar hervorgeht, > -ert in seinen Reden die Bibel nach der Septuaginta Das ist ein jlunent gegen die Annahme, daß die Reden Jesu in authentischer m überliefert sind. Der Redner bespricht dann den Ausdruck enschensohn", zeigt seine Herkunft aus der Danielftelle 7, 18 und ii nach, daß Jesus den Ausdruck nicht von sich gebraucht haben * n und daß er sich nicht für den Messias gehalten habe, daß also - b seine Prophezeiungen von dem Leiden, Sterben und Auferstehen „Menschensohnes" nicht von ihm herrühren können; ihren Ausugspnnkt bildeten wahrscheinlich Bibelstellen, wie die Reden des ■ Mut über den leidenden Knecht Gottes und Hosea 6, 2. Zum i uß betonte der Redner gegenüber der widerspruchsvollen Haltung liberalen christlichen Theologie, den jüdischen Standpunkt Jesu - den jüdischen Charakter der Predigt Jesu, die in religiöser wie ethischer Beziehung nichts Neues für das damalige Judentum gebracht habe. Der Ruf: „von Paulus zurück zu Jesus" bedeute im Grunde nichts anderes als: „von Paulus zurück zum Judentum". — Die zahlreiche Zuhörerschaft spendete dem Redner lebhaften Beifall. Der Vortrag wird demnächst im Druck erscheinen. — Der Generalversammlung war eine Sitzung des Ausschusses vorangegangen, die sich hauptsächlich mit den Arbeitspläueu der wisscnschaftliclen Kommissionen für die nächste Zeit befaßte. Ter Ausschuß hat beschlossen, eine Neuauflage der gesammelten Schriften von H. Steinthal zu veranstalten, beicn erste Auflage großen Auklaug gefunden hat. Der Ausschnß bewilligte sodann eine Reihe von Subventionen. — Die jüdische Gemeinde Berlin hat der Gesellschaft für die Etatsperiode 1910/1913 einen Zuschuß von 2500 Mark, statt wie bisher 1500 Mark, bewilligt. Ter Jahresbericht der Gesellschaft sowie ausführliche Prospekte über die von ihr herausgegebeuen Schriften sind von dem stellvertretenden Schriftführer Tr. N. Nt. Nathan. Berlin di. 24, Artillcri straße 35a, kostenlos zu beziehen. *** Berlin, 9. Januar. Der Gesamtvorstaud des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland hat in letzter Zeit zwei Sitzungen, eine in Breslau gelegentlich des Verbandstages der deutschen Juden und eine am 30. Dezember in Berlin, abgehalten. Auf der Tagesordnung standen folgende drei Punkte: 1. Ergänzungswahl des Vorstandes, 2. Beratung über Ort und Termin des nächsten Verbandstages. 3. Vorschläge zur Reorganisation und Förderung des Verbandes und seiner Einrichtungen. Die eingehenden Beratungen führten zu dem einstimmigen Beschluß, Herrn Professor Dr. Martin Philippson zum Ehrenvorsitzenden, Herrn Dozenten Dr. I. Elbogen zum I. Vorsitzenden und Herrn Alois Marcus in Firma Veit, Selberg & Co., Berlin, Französischest!:. 49, zum Schatzmeister des Verbandes zu wählen. Alle drei Herren haben sich bereit erklärt, die ihnen an gebotenen Aemter anzunehmen und im Geiste des verewigten Dr. Gustav Karpeles für die Ziele des von ihm begründeten Verbandes zu wirken. Zugleich wurde beschlossen, den Verband zu reorganisieren, den Wanderrednerfonds zn kräftigen und im Laufe dieses Jahres, möglichst im Anschluß an die nächste Versammlung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes einen Verbandstag abznhalten und sämtliche Vereine zur Teilnahme an den Verhandlungen einzuladen. Berlin, 10. Januar. Die Bekehrungssucht christlicher Prediger, die jüdische Seelen „retten" wollen, wird immer aufdringlicher. Neuerdings versendet ein Prediger Naphtali Nudnitzky, vermutlich ein ehemaliger Jude, an ausgewählte Adressen jüdischer Damen der besseren Kreise Einladungen zu „biblischen Vorträgen für Damen" nach einem Lokal der inneren Stadt. Obwohl wir zu unseren Glaubensgenossinnen das unbedingte Zutrauen hegen, daß keine einzige von ihnen dieser aufdringlichen Seelenretterei verfallen könnte, erscheint es doch notwendig auf dieses Treiben besonders.. eifriger Judenmissionare wieder einmal warnend hinzuweisen. Leider gibt es keinen Rechtsschutz zur Abwehr derartiger ausdringlich-dreister Zuschriften übereifriger Proselytenmacher. Wir raten daher allen denen, die solche Zuschriften erhalten, sobald sie äußerlich erkenntlich find, einfach nicht anzunehmen, sondern an den Absender zurückgehen zu lassen. Da anscheinend der Uebereifer gewisser Judenmissionare trotz der geradezu kläglichen Resultate nicht gedämpft ist, ihre Proselytenarbeit vielmehr immer neue Wege einschlägt, so entsteht allerdings die Frage, ob es nicht angebracht wäre, diesem Treiben eine entschlossene jüdische Abwehrorganisation entgegenzustellen. Wir Juden dürfen den Anspruch erheben, daß man uns in Glaubenssachen unbehelligt lasse. Mögen die Herren Judenmissionare erst einmal ihre christlichen Brüder zum echten Christentum bekehren, wir Juden bedürfen ihrer Belehrungen ganz bestimmt nicl t. y. Königsberg i. P., 5. Januar. Ueber die Wohltätigkeitsinstitutionen der jüdischen Gemeinde hat auch in diesem Jahre der verdienstvolle Obersekretär der Gemeinde, Herr Klein, einen interessanten Ueberblick zusammengestellt. Wir ersehen daraus, daß auch im verflossenen Jahre die östliche Großgemeinde in der Pregelstadt auf dem Gebiete der Wohltätigkeit wiederum ganz Hervorragendes geleistet hat. Die 15 humanitären Institutionen, von denen

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