Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 2 Der Oemetndeüote. i4j“i,,t Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". SorrelponÄrn?rn und Kschrichtrn. Deutschland. 8. Berlin, 9. Januar. Die heutige, sehr gut besuchte Repräsentanten-Versammlung hat trotz reichlicher Ausdehnung kaum ein Drittel ihrer Tagesordnung zu erledigen vermocht; die Sitzung gestaltete sich im übrigen recht interessant und gab mehrfach zu erregten Debatten Veranlassung. Zunächst fand, wie es statutengemäß für die erste Sitzung im neuen Jahre erforderlich ist, die Neuwahl der Vorsitzenden und der Schriftführer statt. Die vorschriftsmäßig geheime Abstimmung ergab keine Veränderung in der Zusammensetzung des Bureaus. Es wurden fast einstimmig wieder gewählt: zum ersten Vorsitzenden Herr Louis Sachs, zum zweiten Herr Geh. Sanitätsrat Dr. )8lumenthal und zum dritten Vorsitzenden Herr Direktor Dr. Minden, zum ersten Schriftführer Herr Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn und zum stellvertretenden Schriftführer Herr Willibald Loewenthal. Sämtliche Kandidaten nahmen die Wahl dankend an. — Zum Punkte „Geschäftliches" legt der Vorsitzende Herr Louis Sachs unter anderen Mitteilungen ein längeres Schreiben vor, dessen Wiedergabe er in öffentlicher Sitzung ablehnt, weil heftige Angriffe gegen einzelne Repräsentanten darin enthalten sind und in abfälliger Weise besonders an der jetzigen Handhabung des Jugendgottesdienstes Kritik geübt wird. Der Vorsitzende empfiehlt Ueberweisung dieses Schreibens, das, wie mir mitgeteilt wurde, ein Mitglied des Jüdischen Jugendbundes zum Verfasser hat, an den dritten Ausschuß; womit die Versammlung sich einverstanden erklärt. — Alsdann folgen einige Zuwendungen, die debattelos zur Annahme gelangen. Der Rentier Hermann Levin-Coh n hat in seinem.Testamente folgende Legate für die jüdische Gemeinde ausgesetzt: 6000 Mark für das Hospital zur Errichtung einer Zimmerstiftung, 10 000 Mark mit der Auflage der Erhaltung verschiedener Gräber, 3000 Mark als Jahrzeitstiftung, 60000 Mark zur Errichtung einer Hermann und Jeanette Cohn-Stiftung zur Ausstattung von Bräuten und anderen Aushilfen. Auch der Rest dieses Nachlasses ist für die Gemeinde bestimmt, und zwar sollen drei Viertel hiervon für die Alterversorgungsanstalt zur Kreierung einer Freistelle verwendet werden und der übrige Teil zur einmaligen Unterstützung würdiger jüdischer Personen dienen. — Der Verfasser der Festschrift zum 50 jährigen Jubiläum der Lehrerbildungsanstalt. Herr Direktor Dr. Holzman, hat das für ihn ausgesetzte Honorar im Betrage von 500 Mark abgelehnt und die Bitte au den Gemeindevorstand gerichtet, diesen Betrag der Dr. Holzman-Stistung zu überweisen Die Versammlung beschließt demgemäß. Unter den geschäftlichen Mitteilungen hatte übrigens der Vorsitzende die Feier dieses Jubiläums erwähnt unter besonderer Hervorhebung der großen Verdienste, die sich Herr Direktor Holzman um die Entwicklung der Lehrerbildungsanstalt erworben hat. — Schließlich wurde die Zuwendung der Frau Rosalie Michaelis im Betrage von 5000 Mark angenommen zur Errichtung einer Paul und Siegmund Michaelis-Stiftung für bedürftige jüdische Arme. Zur Kenntnisnahme ist der Versammlung eine Petition des Herrn Adolf Kuntz überreicht, in der eine Rücksichtnahme auf die. rituellen Bestimmungen bezüglich der Kohanim beim Bau der neuen Eebethalle auf dem Friedhose Weißensee gefordert wird. Der Referent Herr Aron Hirsch teilt mit, daß die Friedhofskommission sich noch nicht zu diesem Anträge geäußert habe und empfiehlt deshalb, von der Petition nur Kenntnis zu nehmen. Herr Kommissar Netter berichtet, daß die Friedhofskommission inzwischen geantwortet und auch der Gemeindevorstand Stellung zu der vorliegenden Petition genommen habe. Im Juni vorigen Jahres habe vom Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums eine gleiche Eingabe schon Vorgelegen, und die Antwort des Eemeindevorstandes hätte schon damals verneinend gelautet, da weder Zweckmäßigkeitsgründe noch ein Bedürfnis vorliegen, e seit über 100 Jahre bestehenden Friedhofseinrichtungen zu ändern. Bisher hätte sich noch niemals ein Uebelstand herausgestellt, noch seien Beschwerden eingegangen. Zudem sei aber der Bau der neuen Leichenhalle bereits so vorgeschritten, daß Aenderungen jetzt gar nicht mehr möglich seien. Er bittet um Ablehnung der Petition. Herr Aron Hirsch stellt dem Gemeindevorstand und der Repräsentanten-. Versammlung anheim, den Petenten darauf hinzuweisen, daß Bestimmungen darüber bestehen, daß die Lobaairn bei der Bestattung von Eltern, Geschwistern und Kindern die Leichenhalle betreten dürfen. Professor Blaschke bemerkt hierzu, daß die Rabbiner noch niemals Bedenken gegen die jetzt bestehende Einrichtung der Leichenhalle geäußert hätten. Herr Geheimrat Blumenthal schloß sich den Ausführungen des Herrn Hirsch an. Inzwischen ist ein Antrag Lewinski eingegangen, den Gemeindevorstand zu ersuchen, ein Gutachten der Rabbiner darüber einzuholen, ob beim Bau der neuen Leichenhalle auf die Kohanim. Rücksicht genommen werden soll. Nachdem Herr Kommissar Netter nochmals daraus hingewiesen, daß die Frage nicht akut sei und die Sache als erledigt betrachtet werden müsse, da eine Aenderung jetzt nicht mehr vorgenommen werden könne, schloß sich die Versammlung mit großer Mehrheit dem Anträge Sachs an, von der Petition Kenntnis zu nehmen und aus eine Antwort des Gemeindevorstandes, zu verzichten. Der Antrag Lewinski wurde trotzdem vom Antragsteller aufrecht gehalten. Während Herr Dr. Cohn und der Antragsteller für Annahme eintreten, befürworten die Herren Direktor Minden, Professor Blaschke und Manheimer die Ablehnung, die auch gegen fünf Stimmen beschlossen wurde. — Zu Punkt 7 lag der Versammlung der Antrag Lewinski auf Einführung geordneter Gemeindeseelsorge vor, dessen Wortlaut wir bereits in unserer vorigen Nummer mitgeteilt haben. Der Antragsteller beschränkte sich auf eine kurze Befürwortung seines Antrages, Er hält es für besser, die Seelsorge durch die Gemeinde ausüben zu lassen, die mehr Autorität habe als private Vereinigungen. Diese Maßnahme werde einen Boden darstellen, auf dem die Parteien gemeinsam arbeiten können, und die Gemeinde vorbildlich für andere Gemeinden wirken werde. Herr Kommissar Netter erklärt, daß der Gemeindevorstand zu dem Anträge nur insofern Stellung nehmen könne, als es sich um eine Gemeindeseelsorge bandle, die die Gemeinde, falls sie diese für notwendig halten werde, allein ohne Hinzuziehen privater Vereinigungen ausüben würde. Herr Benas Levy steht dem Anträge freundlich gegenüber, da die Seelsorge in Berlin sehr im Argen liege. Auch die Idee des Antragstellers, die einen oder anderen zur Seelsorge mit heranzuziehen, sei nicht von der Hand zu weisen, denn die Rabbiner könnten die Seelsorge nicht ausüben, weil die Gemeinde und die Stadt zu groß geworden seien. Diese Seelsorge würde ein zweckniäßiger Adnex für die Axmenkommission sein. Er bittet, den Antrag dem Ausschuß III zu überweisen. Obwohl den Rabbinern wenig freie Zeit zur Verfügung stehe, hätten sie doch noch Zeit für Agitationen, die sonst nicht zu ihren Obliegenheiten gehören. In der neuen Synagoge sei kürzlich sogar von der Kanzel herab den Gemeindemitgliedern der Anschluß an die Freie jüdische Vereinigung empfohlen worden. Er (Redner) müsse dagegen Protest erheben, er würde auch einem liberalen Rabbiner nicht gestatten, für den „Liberalen Verein" Propaganda zu machen, denn Parteisachen gehören nicht auf die Kanzel. Der Gemeindevorstand werde die Mittel haben, um den betreffenden Rabbiner hierauf aufmerksam zu machen. Herr Professor Bl.aschke teilt mit, daß nach seinen Informationen der Gemeindevorstand selbst mit einer Vorlage betreffs der Seelsorge an die Versammlung herantreten solle. Nach den heutigen Aeußerungen des Gemeindevorstandes könnte der Antrag Lewinski in der vorliegenden Form nicht zur Annahme gelangen. Er bittet um Ueberweisung desselben an den dritten Ausschuß. Uebrigens müsse sich die Seelsorge nicht nur auf die Armen beziehen, sondern auf alle diejenigen, die ihrer bedürfen, also unabhängig von materiellen und körperlichen Verhältnissen. Herr Emil Pincus hält die Seelsorge