Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228910--66174-3278296- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wie jetzt Leo mitleidig ihn wiedergrüßte, lies er ihm erfreut nach und rief wiederholt: „Ei, ich dank, schöner. Herr! Ei, ich dank, schöner Herr. Und wohin gehen Se doch? Wohin gehen Se? Als er neben ihnen herspringend, die Frage immer wiederholte, gab Leo ihm etwas und antwortete dabei: „Auf den Friedhof!" Da griff der verrückte Jonas sich an sein weißes zottiges Haar und flüsterte ganz traurig, selbst den Dank vergessend: „Weih! auf den Friedhof. Wozu auf den Friedhof? Tragen wir nich in uns 'rum den Friedhof?" Und blieb mit irrem Blick wie versteinert stehen. Wie unter einem Schlage berührten sich bei diesen Worten des Wahnsinnigen ihre Hcknde im Weitergehen. Keiner sagte ein Wort. Nur hastiger schritten sie aus, gleichsam wie etwas mit den Schritten zu übertönen, das rief und rief und fragte und fragte und niemals Antwort wußte noch erwartete . . . Sie sprachen erst wieder, als sie nach dem Gang durch die Stadt an all den Leuten vorbei waren, die Leo gleich den Häusern mit dem Blicke eines noch einmal eindringlich anfah, der weiß, daß er noch nach vielen Jahren Herkommen mag, und alles so wiederfindet, die und jene Kleinigkeit verändert, 'den und jenen anderen Menschen, aber letzten Endes noch derselbe Schlag, dasselbe Gesicht. Erst als sie ans Virkenwäldchen kamen, sagte Frau Lina in schweren Traum verloren, sehr leise, kaum hörbar: „Tragen wir nicht in uns 'rum den Friedhof. . Die welken Blätter raschelten unter ihren Schritten. Beide waren in diesen letzten Tagen und Stunden so hellhörig geworden für den Schmerz, daß sie vermeinten, über Leichen zu schreiten, da die Blätter doch Leben gewesen, und in dem Rascheln erinnerten von ihrem Leben ... Und es durchschauerte sie. Aber die weißen Birken standen in ihrem silbernen Scheine wie eine fröhliche Zuversicht. Nach dem kleinen Virkenwäldchen jedoch kam der lange Laubwald, der bis an das nächste kleine Dorf und an den Friedhof grenzt. Was für ein purpurnes Sterben in dem Walde umging! Wie das glühte an den hängenden Zweigen, und selbst in den niederen Farren von dunkelrot violett im seltsamen Fieberwahne letzter Schönheit! „Ein jubelndes Sterben!" sagte Leo tief aufatmend mit weitem Blick, „ach, so können Menschen nur sterben, wenn sie begnadet sind mit dein Traume ewiger Schönheit!" Da sprach Frau Lina aus ihrem schwerem Traume zu seinen ekstatischen Worten: „Auf diesem Wege, weiß ich noch wie heut, acht Jahr oder neun Jahr mag ich gewesen sein, hat nur meine Mutter selig. Deine gute Großmutter, zürn erstenmal erzählt, daß am Tage der Auferstehung alle Toten werden lebendig auf die Erde wiederkehren. Ja, am Tischebaw war es, und ich war sehr traurig, daß sie gar so heftig auf den Gräbern weinte. Damals wurde ich sehr froh und klatschte in die Hände, und fragte tröstend immer wieder: „Aber warum weinst Du denn so, Mama, wenn wir uns doch alle wiedersinden". Und ich hör' sie noch antworten: „Aber wann wird sein der Tag der Auferstehung? Muß ich nicht weinen und beten dafür?" Da wurde mein Kinderjubel stumm. Und er ist stumm geblieben bis jetzt. Ich frage auch nicht mehr, wann ein Tag der Auferstehung für all das Tote von uns und in uns sein mag. Ich weiß, daß es tot ist. Und man muß sehr weinen darum, wenn man noch Tränen hat. Es ist wohl aber besser, stumm zu sein und tränentos und lautlosen Frieden mit sich zu haben." Und ohne Willen murmelte Leo vernehmlich: „Totenfrieden. . ." Sie wiederholte traurig mit plötzlichem Wissen: „Totenfrieden . . , Ja, wie auf dem Friedhof." Wieder wurde es still zwischen ihnen. Aber mit ihnen kamen in diesen Stunden der Trennung nngerufen alle Tage geschritten, die sie gemeinsam verlebt, wie Lebendige, die einem Toten das Geleite geben, und auch doch sterben müssen und Schatten werden. Und einer kam als eine törichte Frage und der andere als ein halb verstandener Händedruck. Ein dritter stellte sich vor ihnen auf und hatte mit Augen der Jugend ein helles Locken in weltenferne Paradiese. Ein anderer wieder aber neigte sich über sie und streichelte beide ganz sacht, ganz behutsam, gleich wie sie einander die Hände streichelten, wenn sie nicht den Grund ihrer Gefühle wußten und erst recht keine Worte für sie. Und jeder einzelne von all den Tagen wollte mit irgendetwas Schönem, das vielleicht nur ein kleines Unbedeutsames war, aber doch etwas wunderbar Schönes für sie — sie halten und nicht lassen. Und jeder einzelne schien sie weinend zu fragen: warum soll ich auch sterben? Und es-war ihnen, als ob jeder Schritt, der sie näher zum Friedhof führte, einen von den lieben Tagen zertrat, lötete. So traurig war es in ihren Seelen. Als sie sich aus dem kleinen Häuschen den Friedhofsschlüssel von der alten geschwätzigen Totenfrau geholt und nun am Anfang des Ganges standen, dort wo die kleinen Kindergräber sind, wiederholte Frau Lina noch einmal, sehr leise, die Worte des Wahnsinnigen: „Tragen wir nicht in uns schon den Friedhof!" Und Leo erwiderte nun: „Ich glaube es fast auch, obgleich ich so jung bin, daß ich es nicht glauben will. Aber wir haben besonders viel Kindergräber, wie die dort auf diesem Friedhof der Seele; viel Gräber von lebendigem Leben in uns, das noch sehr sehr jung war, gerad im Keim noch oder kaum ausgeblüht, als man es tötete, es erstickte oder es sonstwie dahinstarb ..." Und im Weitergehen schaute er sich um und sah, wie die Vormittagssouue aus den Gräbern lind ihrem Laubwerk mit dem durchdringenden Erd- und Efeugeruch lag und ihnen einen lächelnden Frieden gab. Und er sprach weiter ans seinem Sinnen: „Aber es kann viel Sonne ans ihnen liegen und ihnen wenigstens ben Schiminer von Leben geben." Frau Lina nickte und sprach wie im Traum: „Ja, cS soll viel Sonne aus meinen Gräbern liegen. Und viel solch würziger Dust vom Leben." Sie weinte auch nicht, als sie jetzt an den eingehegten Gräbern ihrer Eltern stand. Nur bekam ihr Auge tränenden Glanz, als Leo statt jeden Gebetes mit leisen, zitternden Händen, wie das erstemal, als sie inbrünstig betete, über die Gräber streichelte. Halb murmelnd las er noch im Fortgehen die deutsche Inschrift auf der anderen Seite der Grabsteine: Hier ruht in Gott . . . Und es war fast bitter, als er hinzufügte: „Der und viele könnten über den eigenen Friedhof als Inschrift setzen: Hier ruht in Gott all das, was wir leben wollten!" Fromm ergebeil murmelte sie aber als Antwort: „Hier ruht in Gott . . ." Und der Efeu schlang sich im letzten Gauge an die verwitterten grünen Steine mit den meist hebräischen Inschriften und deckte alles. Als die Pforte knarrend sich hinter ihnen schloß, war es ihnen, als hätten sie dort auf dem Friedhof erst mit diesem letzten Gange ein Lebendiges, das nach Leben rief, ganz leise, ohne Wort, ohne Hoffnung rief und rief — begraben. Jll Gott! Und alle vergangenen gelebten Tage, die mit ihnen durch das jubelnde Sterben des herbstlichen Waldes heimgingen, schluchzten unhörbar, aber unaufhörlich. . . .