Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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22 in Berlin, einer in Kassel. Außerdem ist ein jüdischer Oberlehrer von dem Berliner Mädchenrealgymnasium an eine Berliner höhere Knabenschule übergegangen und ein Herr in Frankfurt (M.), der im vorjährigen „Kunze-Kalender für das höhere Schulwesen Preußens usw." als Dissident bezeichnet war, wieder als Jude aufgeführt. Ausgeschieden ist außer dem verstorbenen Breslauer Professor ein Oberlehrer an einer Realschule der Provinz Sachsen, der an eine höhere Mädchenschule nach Königsberg (Ostpr.) übergegangen ist. Es sind demnach jüdische Oberlehrer an städtischen höheren Knabenschulen einer in Westpreußen (Danzig), fünf in Brandenburg (vier in Charlottenbürg, einer in Krossen), 53 in Berlin, sechs in Schlesien (vier in Breslau, zwei in Kattowitz), einer in Sachsen (Magdeburg), fünf in Hessen-Nassau (vier in Frankfurt, einer in Kassel). Unter den 8133 Oberlehrern, die am 1. Mai 1908 an preußischen höheren Knabenschulen angestellt wa'.cn (die an den beiden jüdischen Lehranstalten in Frankfurt a. M. beschäftigten Oberlehrer sind dabei nicht mitgerechnet), waren 78 Juden (0,96 Prozent), darunter 44 Professoren, unter 8433 am 1. Mai 1909 81 Juden (0,96 Prozent), darunter 47 Professoren. Am Philanthropin in Frankfurt a. M. sind seit dem 1. Mai 1905 nur noch jüdische Oberlehrer angestellt. Ihre Zahl beträgt gegenwärtig neun (darunter acht Professoren). Von den zehn Oberlehrern der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft ist ein evangelischer durch den Tod ausgeschieden. Seine Stelle ist noch nicht besetzt. An dieser Anstalt sind sieben Juden angestellt, von denen fünf Professoren sind. Von den sechs ansiellungsfähigen Kandidaten, die der vorjährige Kalender aufführt, sind zwei Oberlehrer geworden (einer an einer höheren Mädchenschule in Frankfurt a. M. im Alter von 44 Jahren, einer in Kassel), einer an einem königlichen Gymnasium der Provinz Brandenburg, einer an einer städtischen Anstalt in Schlesien vollbeschäftigt, zwei an Privatanstalten in Frankfurt a. M. tätig. Von den 'sechs Probanden des vorigen Schuljahrs sind zwei als Oberlehrer angestellt (einer in Berlin, einer in Charlottenburg), zwei vollbeschäftigt als Hilfslehrer an städtischen Anstalten (Köln und Kassel) und einer an der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft, einer war durch die Ableistung des Dienstjahres an der Allsübung einer Tätigkeit in der Schule behindert. Bon den vier Seminarkandidaten des vorigen Jahrgangs, die llunmehr Probailden geworden sind, war am 1. Mai 1909 einer in Berlin vollbeschäftigt, die anderen stundenweise beschäftigt (Berlin, Rixdorf, Weilburg). Neu hinzugetreten sind zehn Seminarkaudidaten (von 865), zwei mit der Lehrbefähigung in Latein und Griechisch, einer in neueren Sprachen, fünf in Mathematik und Physik, zwei in Geschichte und Deutsch. Sechs sind in der Provillz Brandenburg (davon einer in Lankwitz vollbeschäftigt), drei in Schlesien, einer in Hessen-Nassau. Außerdeul sind an höheren Mädchenschulen in Königsberg (Ostpr.) einer, in Berlin drei, in Charlottenburg einer und in Frankfurt a. M. ein jüdischer Oberlehrer angestellt. In Berlin hat das Mädchenrealgymnasium, das im vorigen Jahr zwei jüdische Oberlehrer hatte, den einen, wie erwähnt, an eine höhere Knabenschule abgegeben, der andere ist Direktor einer stiftischen Realschule in Hamburg geworden. Dafür sind an zwei anderen höheren Mädchenschulen in Berlin jüdische Oberlehrer angestellt worden. Es waren also am 1. Mai 1909 von den ail öffentlichen höheren Lehranstalten in Berlin festangestellten Oberlehrern 58 jüdischen Glaubens. M. G. sfrirdhok der Serien. Novelle von Joachim Friedenthal. U. lso gingen sie das letzte Mal gemeinsam zum Friedhof. -VV Die breite holperige Hauptstraße gingen sie hinab. Ihre Physiognomie in der seltsamen Mischung von Dorf oder Ackerstadt und dein Streben nach breitem hohen großstädtischen Ansehen war ihm jetzt schon fast vertraut geworden. Da dieses kleine Häuschen, das ganz schüchtern, ganz mit dem gekrümmten Rücken eines Hausierers dastand. Moritz Lewin stand mit roten Wollärmeln hinter einem wehenden grünen Anzug in der Tür und machte eine heftige dreimal betonte Verbeugung. Daneben die breite, aber allzu funkelnagelneue Stattlichkeit von Fleischer Kunowskis Haus. Und dort an der Ecke, das wußte er schon im voraus, würde oben aus dem einstöckigen Hause, in dem das Eisenwarengeschäst von Hermann Israel war, die rotblonde Recha herausschauen. Und ihr Blick, der schon die ganze Straße entlang auf den Gruß lauerte, wird wieder das unruhige, schier flackernde Flimmern haben, das manche von diesen Mädchen in fast verwunderlicher Offenheit haben. Er verstand es so gut unv ganz in der Tiefe. Jedesmal, wenn er sie oder die andern reisen Mädchen, am Tage oder abends sah, wie sie vor den Haustüren standen oder zu dreien und vieren die Straße hinauf, die Straße hinab in den Abend hineinspazierten, hatte er ein tiefes Mitleid mit ihnen: all der Abende wegen, die ihnen immer und immer noch keine Erfüllung wurden für ihr Sehnen, all der Tage wegen, die ihrer Jugend mit immer größerer Verbitterung harrten und all der Oede wegen, in der ihr Sehnen versandete. Still, still, man darf nicht rühren an diesen unheimlichen Totenfrieden. Wehe, wenn sie erwachen! Wenn sie erwachen, taumeln sie und sterben... Und er sah Frau Lina an, wie sie gerade und aufrecht und mit einem fast behäbigen Stolz, der ihm nicht recht paßte, neben ihm herschritt. Und er sah auch, daß es eine eigentümlich kleinliche Freude war, die über den sehr ehrerbietigen Gruß des Bürgermeisters sie überflog. „Du mußt ihn recht tief grüßen," hatte sie eimnal gesagt. Und er hatte ein wenig verärgert geantwortet: Ich grüße alle gleich. Aber ich ineine: nicht die Angesehenen, gerade die Mindergeachteten müsse man besonders liebenswürdig grüßen, weil sie das tiefer und dankbarer empfinden als jene, die es gewohnt sind, weil sie auch mit ihrem minderen Ansehen verwendbarer sind als jene, gleich denen, an deren offene Wunde man nicht rühren soll. — Sie hatte darauf seine Hand genommen und entschuldigend gesagt: Du bist so gilt. Aber ich Hab' das gar nicht bös gemeint. — Und er nahm auch jetzt, als sie am Markt vorüber gingen, seinen Hut vor dem verrückten Jonas ab, den niemand grüßte. Der hockte meist am Brunnen und grüßte jeden vorübergehenden Juden, niemals einen Christen, nach der Art eines Clown: indem er seinen verbogenen alten Zylinder so in die Höhe warf, daß er sich ein paar Mal drehte und wieder richtig auf den Kopf fallen mußte. Und er lachte unbändig, wenn es gelang. Aber er weinte kreischend wie ein kleines Kind, wenn es einmal mißlang. Die jüdische Gemeinde schämte sich seiner, tat aber nicht viel für ihn, zumal er sonst ganz harmlos war.