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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-14 · Heft 2 (14.1.1910) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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21 kein Zuwenig, keine ermüdende Länge, keine kläffende Lücke. Das Ganze erscheint wie aus einem Gusse- und die einzelnen Teile fügen sich zum Ganzen wie die Glieder eines lebendigen Körpers. Jeder Gedanke steht vor seinem richtigen Platz, seine Einführung ist wohl vorbereitet, sein Ausklingen leitet zu verwandten oder kontrastierenden Gedankenreihen über. Und alles ist gekleidet in das Gewand einer edlen, kernigen, aber doch modulationsfähigen Sprache. Ja, wie kann Maybaum zürnen und drohen, wie kann er wieder rühren oder besänftigen! Wie erkennen wir aus seinen Worten den leidenschaftlichen Mann, der alles, was er spricht, von der Glut seiner Seele entzündet! - Und wie legt er doch wieder seiner Leidenschaftlichkeit Zügel an, wie vergißt er nie, daß es die Kanzel ist. Von der er redet, und daß die Kanzel die stärksten Akzente nicht verträgt. Sollen wir aber sagen, was in unfern Augen die wertvollste Eigenschaft dieser Predigten ist, so wollen wir eingestehen, daß wir ihnen einen Vorzug nachrühmen können, der in unserer Schätzung noch höher steht als die gediegene exegetische Grundlage oder der Glanz der sprachlichen Form, das ist die Aktualität des Inhalts. Maybaum lebt in der Zeit und mit der Zeit, er hat ein tiefes Verständnis für die Lage der Gegenwart, er ist selber ein dringender und Suchender und weiß darum, was seinen Zuhörern not tut. Es gibt kaum eine Frage unseres modernen religiösen Lebens, die in diesen Reden nicht zur Behandlung käme oder nicht wenigstens gestreift würde: der Verfasser vertuscht nichts und verschleiert nichts, sondern nennt die Dinge beim rechten Namen. Man stößt deshalb beim Lesen seines Buches erfreulicherweise nicht auf Angelegenheiten und Probleme, die weitab liegen vom Gesichtskreis unserer Lage; mau kommt nie in die Gefahr, gelangweilt zu werden, eine Gefahr, die andere Predigtsammlungen nicht immer mit gleichem Glück vermieden haben. Geradezu bewundernswürdig ist vielmehr die Kunst Maybaums, fortwährend Verbindungslinien von der Vergangenheit zur Gegenwart zu ziehen, auch das Fremdartige und scheinbar Unbedeutende der biblischen Vorlage nutzbar zu machen für die Erkenntnis seiner Zeit und selbst dem trockensten Stoff noch eine Seite abzugewinnen, die uns interessiert und belehrt. Nach all dem Gesagten wird es schwer sein, die eine oder andere Predigt als besonders gelungen hervorzuheben, man müßte denn, wenn man jeder Einzelleistung gerecht werden wollte, den ganzen Band ausschreiben. Wir greifen ein paar Beispiele beliebig heraus, um an ihnen die Vielseitigkeit und Geistesgewandtheit der Beredsamkeit Maybaums darzütun. Wie kunstvoll wird (S. 64 bis 68) die Doppelgestalt des Eiferers Pinehas-Elia verwertet, um die Forderung zu bekräftigen, daß wir duldsam sein sollen gegenüber der fremden Glaubensanschauung, aber unduldsam gegen jeden Eingriff in die Rechte der eigenen Ueberzeugung! Wie zwanglos ergibt sich aus der Betrachtung des Vorgehens der Töchter Zelafchads (S. 69 bis 75) eine Darlegung der Pflichten des jüdischen Weibes; wie mächtig wirkt der Appell an die Töchter Judas, die für das Erbe der Väter eintreten müssen, wenn die Söhne versagen! Wie treffend wird jenes berühmte deuteronomische Gesetz, das dem israelitischen König befiehlt, eine Abschrift der Thora zum täglichen Gebrauch bei der Hand zu haben, auf unsere Zeit angewendet; wie geißelt der Prediger die Unwissenheit seiner Glaubensgenossen, die sich mit ihrer mangelnden Kenntnis der Bibel und ihrer Mißachtung der hebräischen Sprache auch bei den Andersgläubigen lächerlich machen (S. 120 bis 126)! Und wie schöne schlichte Worte lesen wir über die Ausgaben des Predigtamts selber in der Auslegung der Drohung: „Verflucht sei, wer einen Blinden auf dem Wege verleitet;" wie wird hier die Pflicht der Wahrhaftigkeit, der furchtlosen, unbestechlichen Wahrheitsliebe eindringlich dargelegt! (S. 146 bis 152.) Noch sei auf die sieben patriotischen Reden aufmerksam gemacht, die als Anhang diesem Baude beigegeben sind. Der Fachmann kann an ihnen lernen, wie politische Dinge in das Licht religiöser Betrachtung gehoben werden, der Laie, wie sich Judentum und Vaterlandstreue eng verschlingen. Diese Reden sind gleich weit entfernt von verhimmelndem Byzantinismus wie von oppositioneller Nörgelei; sie lassen kleinliche Wünsche beiseite und gehen auf das große Ganze; sie sind durchtränkt von der Liebe zur Heimat und von der Ehrfurcht vor der Würde und der sittlichen Bedeutung des Staates^ Zwei Reden, die bei besonderen Gelegenheiten gesprochen wurden, sowie zwei Gedächtnispredigten schließen den Band. Jene galten der zweihundertjährigen Jubelfeier des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde und der 'Trauerfeier für die Opfer der russischen Judenverfolgung, diese wurden an der Bahre der Dozenten Dr. Müller und Prof. Steinthal gehalten. Auch in ihnen bewährt sich die Kunst des Verfassers, „das einzelne zur allgemeinen Weihe zu rufen," das einmalige Ereignis in höhere Zusammenhänge einzuordnen und ihm dadurch religiösen Charakter zu verleihen; insbesondere sind die Gedächtnisreden ausgezeichnet durch feinsinnige Persönlichkeitsschilderung und weite Ausblicke. Wie wir wissen, bereitet Maybaum auch seine Festpredigten, die von bewundernden Zuhörern als reifste Produkte seiner Kanzelberedsamkeit gepriesen wurden, für den Druck vor?) Möge es dem trotz seiner Muße unermüdlich arbeitenden Manne vergönnt sein, die Veröffentlichung seines Lebenswerkes — denn als solches müssen seine Predigten angesehen werden — rüstig zu Ende zu bringen und sich zu den alten Freunden und Verehrern zahlreiche neue zu erwerben! Jüdische Oberlehrer sn den höheren Lehranstalten Kreutzens. (Bestand am 1. Mai 1909.) on den jüdischen Oberlehrern, die am 1. Mai 1908 an einer preußischen höheren Lehranstalt tätig waren, ist ein Professor an einer städtischen Anstalt in Breslau gestorben, ein Professor an einer königlichen Oberrealschule -der Provinz Posen in den Ruhestand getreten. Da an königlichen Anstalten im verflossenen Schuljahre kein jüdischer Oberlehrer angestellt worden ist, so beträgt die Zahl der königlichen Oberlehrer jüdischen Glaubens nur noch zehn (Ostpreußen einer, Westpreußen drei, Brandenburg drei, wovon zwei in Berlin, Posen zwei, Schlesien einer). Der in Schlesien am königlichen Friedrichsgymnasium zu Breslau angestellte jüdische Oberlehrer ist übrigens seit dem 1. April als kommissarischer Museumsdirektor nach Hildesheim beurlaubt. Die Zahl der jüdischen Oberlehrer an städtischen höheren Knabenschulen Preußens ist von 67 aus 71 gestiegen. Neuangestellt sind zwei Herren in Charlottenburg, von denen einer früher in Baden tätig war, einer y Der erste Band der Festpredigten ist inzwischen als V. Teil des Predigtwerks im Selbstverläge des Verfassers erschienen. Wir kommen nach Vollendung des zweiten Bandes eingehend darauf zurück.

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