Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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18 einmütig abgelehnt. Sie wollen nichts anderes sein, als deutsche Staatsbürger jüdischer Religion. Max Nordau ist der letzte, der sie von dieser geheiligten Ueberzeugung abbringen wird! Die Voraussetzung, um in jüdischen Fragen mitsprechen zu dürfen, ist Kenntnis des Judentums. Max Nordau besitzt nicht einmal die Elemente dieser Kenntnis, hat also nicht das Recht, hier mitzusprechen. Dr. Paul Nieger. Orofrllor Dr. Wilhelm Lacher. Ein Widmungsblatt zum 60. Geburtstag. m 12. Januar 1910 feiert der berühmte Gelehrte Dr. Wilhelm Bacher, Professor und Vorsitzender des Lehrer-Kollegiums an der Landes-Rabbinerschule in Budapest, seinen 60. Geburtstag. Doch wir müssen uns gleich im Beginne berichtigen: nicht er wird sein Wiegenfest feiern, sondern sein Geburtstag wird gefeiert werden von Schülern und Freunden in der jüdischen gelehrten Welt überall da, wo Name und Werke des ausgezeichneten Forschers bekannt und bewundert sind. Wo aber wären sie es nicht, da sich Bachers Verbindungen auf weite Gelehrtenkreise erstrecken, durch seine zahlreichen Arbeiten, die in einer Reihe selb- I ständiger Werke und in fast allen jüdischen, ferner vielen sonstigen, namentlich orientalistischen Zeitschriften erschienen sind, wie durch seine gelehrten Schüler, die Lehrstühle an mehreren jüdischen Hochschulen und viele Rabbinatssitze im In- und Auslande inne haben. Und doch ist dieser auch in der christlichen gelehrten Welt als Autorität anerkannte und hochangesehene Forscher und Lehrer bescheiden und selbstlos wie ein echter Mann der Wissenschaft, der wohl kaum einen Tag seines arbeitsreichen Lebens persönlichen, nicht wissenschaftlichen uub beruflichen Interessen gewidmet hat. Wir aber wollen an dem Tage, an welchem Professor Bacher in vollster Rüstigkeit, frisch und. jugendlich, noch im Emporstieg zu höheren Zielen in Wissenschaft und Beruf begriffen, das sechste Jahrzehnt seines ertragreichen Lebens beschließt, einen Augenblick in der so wohltuenden Betrachtung dieser Gelehrtenlanfbahn und deren Bedeutung für die jüdische Wissenschaft verweilend, auf diese Weise unsere Verehrung für den hochverdienten Lehrer und Meister zum Ausdruck bringen. Wilhelm Bachers Geburtsort ist Lipto-Szent- Miklos, eine alte Stätte jüdischer Aufklärung in Ungarn. Sein Vater war Simon Bacher, ein fruchtbarer hebräischer Dichter, aus dem alten und berühmten Geschlechte des Rabbi Jair Chaim Bacharach. Endlich seine Lehrer in der Wissenschaft des Judentums waren Zacharias Frankel,.H. Grätz und David Rosin, dieses leuchtende Dreigestirn am Himmel der jüdischen Wissenschaft in Breslau. Geburtsort, Vater und Lehrer trugen allesamt dazu bei, in dem reichbegabten Jüngling, von dem bereits mit 15 Jahren hebräische Dichtungen in Sterns Kochbe Jizchak erschienen, und der, 19 Jahre alt, sich die ersten Sporen auf wissenschaftlichem Gebiete holte (in Frankels Monatsschrift), dessen hohes Talent schon im Knabenalter durch unermüdliche Ausdauer und einen geradezu bewunderungswürdigen Fleiß unterstützt wurde, die Liebe zum Judentum und zu dessen Wissenschaft zu erwecken und zu fördern. Derartig dreifach in derselben Richtung beeinflußt, wühlte Bacher, obwohl im Anfang auch noch auf anderen Gebieten, z. B. demjenigen der persischen Literaturgeschichte erfolgreich tätig, endgültig die Wissenschaft des Judentums zu seinem Arbeitsfelde, ein Gebiet, auf dem er reiche Saaten ausstreuen und gesegnete Früchte einheimsen sollte. An des unsterblichen Meisters Z un z erstes klassisches Werk das Standardwerk, wie es mit Recht benannt wurde, der neueren Wissenschaft des Judentums, gliedert sich die wissenschaftliche Tätigkeit Bachers an. Zunz hatte zuerst die wahre Natur der Agada als Schriftauslegung und als „gottesdienstliche Vorträge" erkannt, indem er ihre Erzeugnisse als literarische Denkmäler nach allen Regeln und mit allen Mitteln der Kritik behandelte. Bacher geht nun einen bedeutsamen Schritt in der Erschließung des Verständnisses dieses Literaturgebietes weiter und gibt uns in seinem großen, sechsbändigen Werke über die Agada der babylonischen Amoräer, der Tannaiten und der palästinensischen Amorä er (1878 bis 1899) eine Darstellung aller im Midrasch und Talmud enthaltenen agadischen Aussprüche, Sentenzen und Schriftdeutungen, deren Urheber namentlich angeführt sind, wodurch erst eine leidliche Ordnung in das unentwirrbar scheinende Chaos von gegeneinander streitenden Meinungen und Aussprüchen in diese weitschichtigen Literaturerzeugnisse gebracht wird. Nur wer die Menge, und Zerrissenheit des behandelten Stoffes, die oft fehler- oder mangelhafte und widerspruchsvolle Ueberlieferung der Texte und die vielen sprachlichen Schwierigkeiten kennt, gegen die anzukämpfen war, vermag sich einen Begriff zu bilden über das Maß von Arbeit, das hier bewältigt ist. Weil aber die schwierige Aufgabe, die sich Bacher gestellt, in so eminenter Weise von ihm gelöst wurde, darf man vielleicht die Erwartung und den Wunsch aussprechen, daß sich der bewährte Meister entschließen möchte, den von ihm entworfenen großartigen Bau zu Ende zu führen und auch noch den rückständigen Teil des Werkes, nämlich die anonyme Agada zu bearbeiten. Eine Krönung des Ganzen wäre es alsdann, eine systematische Entwicklungsgeschichte der in der Traditionsliteratur enthaltenen Agada als einer geistigen Erscheinung innerhalb des Judentums zu geben. Wie nun Bachers Agadawerk die Geschichte der ältesten Schriftauslegung auf die ersprießlichste Art bereichert, so hat der größte Teil seiner weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit grundlegende Bedeutung für die Geschichte der jüdischen Bibelexegese im Mittelalter und in Verbindung damit der hebräischen Sprachwissenschaft, Grammatik, Lexikographie und Terminologie in demselben Zeitraum. Zwei besondere, auch für gebildete Laien bestimmte Schriften über diese Gegenstände (ans Winter und Wünsches „Jüdische Literatur" 1892) geben in lichtvoller Darstellung eine allgemeine Uebersicht über die jüdische Bibelexegese und die hebräische Sprachwissenschaft vom 10. bis zum 15., bezw. 16. Jahrhundert. Aber erst die in zahlreichen Schriften niedergelegten speziellen Untersuchungen Bachers über einzelne Vertreter und Richtungen dieser Wissenschaften, über den großen Begründer der hebräischen Sprachwissenschaft Abulwalid Merwan Jbn G an ach, dem er allein eine ganze Reihe von Schriften, darunter eine vollständige Biographie, gewidmet hat (1884 bis 1889) und dessen Hauptwerke, eine hebräische Grammatik und ein Wörterbuch der hebräischen Sprache (1886, 1893 bis 1896), wie übrigens auch die hebräische Grammatik des Josef Kimchi (1888) von ihm herausgegeben wurden, seine Arbeiten über Abraham Jbn Esra (1876 bis 1894) und Jehuda Chajjug (1882), den persisch-jüdischen Exegesen und Lexikographen Salo'mon ben Samuel (1900) und den Jerusalemer Tanchum (1903), über die Bibelexegese der jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters vor Maimuni