Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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17 IX. Zionistenkongreß im Hamburger Konventgarten hielt, keine Ueberraschung. Einleitend brachte Nordau für die Erklärung der Rechtlosigkeit der Juden im Mittelalter neben den bekannten religiösen Gründen (und den von ihm nicht erwähnten unermeßlich bedeutsameren volkswirtschaftlichen) einen neuen: die Juden waren rechtlos, weil es kein verbrieftes Judenrecht gab. Diese Behauptung,. daß alle, auch die minderwertigsten Stände ihre Gerechtsame hatten, und nur die Juden keine Rechtsform für ihre Existenz besaßen, spricht jeder Geschichtsschreibung Hohn. So gering die Rechte der Juden im Mittelalter gewesen, so gibt es doch keine einzige Rechtssammlung aus Ländern, in denen Juden leben, die nicht die Judenrechte, zumeist allerdings das Unrecht gegen Juden, paragraphiert hat. Das Wunder der Selbsterhältung der Juden inmitten einer feindlichen Welt suchte Nordau sodann vor allem aus dem Phantastischen Messiasglauben der Juden zu erklären, der ihnen die Kraft gab, das Unerträgliche zu ertragen. Diese Jenseitsvertröstung gilt allerdings als Motiv in der christlichen Märtyrergeschichte. Das einzigartige Martyrium der Juden seit den Tagen der Makkabäer ist aber als letzte Konsequenz der Bibelforderung: „Gott mehr als das Leben zu lieben" und aus der Talmudmahnung: „Das Leben für die Wahrheit einzusetzen", zu begreifen. Es bedeutet eine Entweihung der Leidensgeschichte Israels, sie aus der Verheißung einermateriellen Entlohnung erklären zu wollen. Nach solchen einleitenden Bemerkungen behauptete Nordau, daß die Geistesströmungen des Christentums das Judentum unberührt gelassen, und belegte diese Behauptung durch die Tatsache, daß die Juden weder durch die Reformation noch durch die Gegenreformation berührt worden sind. Er vergab nur, daß diese beiden Bewegungen innerchristliche Vorgänge gewesen, welche das Judentum kaum berühren konnten. Aufderselben Höhe standNordausBehauptung, daß eine Gegenseitigkeit zwischen den außerjüdischen und den jüdischen Philosophen des Mittelalters nicht stattgefunden hat. Aber ebenso wie die christliche Gnostik das Judentum jahrhundertelang beeinflußt hat, so stand das jüdische Denken Jahrhunderte hindurch unter dem Einfluß des Aristoteles und des Plotin, vor allem aber der Araber. Ueber diese Wechselwirkung hätte sich Nordau aus jedem elementaren Lehrbuche unterrichten können. Hat Nordau außerdem nie etwas von Leone Hebreos Dialoghi d’amore gehört, nie von den jüdischen Studierenden an deutschen und italienischen Universitäten, nie davon, daß sogar jüdische Professoren an den Universitäten des Mittelalters als regens Obe* praepositus gewirkt, daß ein Jakob Mantino Professor der päpstlichen Universität in Rom gewesen ist? Wer aber diese Tatsachen nicht kennt, darf sich nicht wie ein Alleswissender hinstellen und falsche Behauptungen in seinen Hörerkreis hineintragen. Als einzigen, der mit der christlichen Umwelt in Zusammenhang gekommen ist, nannte er den jüdischen Minnesänger Süßkind von Trimberg. aber er vergaß die Riesenliteratur in jüdisch-deutscher Sprache, die fast alle Stoffe der christlichen Dichtung bearbeitet, er vergaß die Freundschaft des Juden Immanuel mit Dante, die Dichtungen eines Mose Rieti, einer Debora Ascarelli, einer Sara Coppia Sullam, die überaus umfangreiche Literatur von Juden in spanischer bezw. portugiesischer Sprache. Ist es nicht anmaßend, bei einer so verhängnisvollen Unkenntnis über die Geschichte des Judentums urteilen zu wollen? Von einer Anteilnahme der Juden am politischen Leben ihrer Heimatländer kann allerdings erst seit der Proklämierung der Menschenrechte durch die französische Revolution die Rede sein. Die Voraussetzung der Aufnahme in den Verband eines Volkes ist selbstverständlich die Aufgabe der eigenen Nationalität. Aber diese Fremdnationalität war ja, wie Nordau selbst einleitend dargestellt, den Juden wider Recht und Wahrheit aufoktroyiert worden, um sie als Fremdlinge behandeln zu dürfen. Diese angebliche jüdische Nationalität war eine Fiktion der christlichen Umwelt, obwohl die Juden in den betreffenden Ländern oft über ein Jahrtausend ansässig waren — in Deutschland gab es z. B. bereits unter Kaiser Konstantin organisierte jüdische Gemeinden. Der Volksbegriff im Gemeindegebete bedeutete dem Juden nach dem Fall von Vethar nichts anderes als das von Mose verheißene Priesterreich unter dem göttlichen Könige. Also war es für die Juden kein Opfer, auf diese längst ausgegebene und ihnen nur ausgezwungene Nationalität zu verzichten. Den Verzicht auf den Glauben an den persönlichen Messias stellte Nordau als eine frivole Fälschung des Judentums durch die Reformrabbiner hin. Aber die Verheißung eines persönlichen Messias war schon vom Talmud und von den frommen Erklärern des Mittelalters auf den biblischen König Hiskia gedeutet worden. Die Rabbiner, welche an die Stelle der Hoffnung auf einen Messias aus dem Hause Davids die ideale Hoffnung auf eine messianische Zukunft gesetzt, konnten sich auf die Propheten von Mose bis Maleachi wie auf die Tradition berufen. War Mose, der am Sinai Israel gekündet: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk werden", etwa ein Reformrabbiner? Daß die Juden ihre ursprünglich nationalen Feste entnationalisierten und dadurch spiritualisierten, ist ebensowenig, wie Nordau weiter behauptete, auf die fortschrittlich gesinnten Rabbiner der Emanzipationszeit zurückzuführen. Dieser Vorgang läßt sich schon, wovon Nordau allerdings keine Ahnung hat, auf die Zeiten der Bibel — man denke an die spätere vertiefte Bedeutung des Neujahrsfestes als der Vorbereitung auf den Versöhnungstag — und auf die Zeiten des Talmud zurückführen — man denke an die Ausgestaltung des Wochenfestes zum Feste der Offenbarung des Zehngebotes. Ist es aber nicht entsetzlich, wenn ein Redner mit derartigem Halbwissen eine gläubige Menge irreführt? ~ Daß freisinnige Rabbiner die angebliche Mission des Judentums nach christlichem Muster erfunden haben sollen, während sogar die christliche Kirchengeschichte die umgekehrte Abhängigkeit stets anerkannt hat, war eine weitere Neuentdeckung des jüdischen Gelehrten Nordau, dazu berechnet, diese bösen Rabbiner als Nachahmer des Christentums zu ironisieren. Waren denn Jesaja, der im 42. Kapitel seiner Reden Gott sagen läßt: „Ich, der Herr, habe dich (Israel) berufen zum Heit, zum Lichte der Nationen", waren denn Secharja und Habakuk, die mit besonderem Nachdruck Israels Mission gepredigt haben, wie Nordau sich geschmacklos ausdrückt, auch solche erbärmlichen Missionsrabbiner? Sind die Voraussetzungen einer Beweisführung falsch, dann sind auch die Schlüsse aus ihnen Trugschlüsse. Der langen 9iebe kurzer Sinn war aber eine Empfehlung des politischen Zionismus. Nordau hatte es sicher im Augenblick ganz vergessendaß selbst, sein berühmter Parteigenosse Professor Marburg in einem in der zionistischen „Jüdischen Rundschau" Nr. 51 veröffentlichten Briese (vergleiche auch „Allgemeine Zeitung des Judentums" Nr. 53) den politischen Zionismus für ein Phantom erklärt. Die deutschen Juden haben aber längst die Aufforderung, Zionisten zu werden, säst