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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-14 · Heft 2 (14.1.1910) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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16 beleidigten Dame ostentativ den Arm und ließ die hochadelige Dame, die nach ihrer Stellung die erste im Defilö hätte sein müssen, einfach stehen. Ueber ein anderes Vorkommnis berichtet die „K. V. Ztg.": „Die Herzogin-Witwe von Arenberg feierte die Hochzeit ihrer Tochter mit dem Prinzen und nachmaligen Herzog von Croy- Dülmen. der nun auch schon das Zeitliche gesegnet hat. Zur Vorfeier der Hochzeit war großer Empfang im herrlichen Palais Arenberg in Brüssel, und die ganze vornehme Welt der Hauptstadt war dazu geladen. Der König und die königliche Familie hatten zugesagt, und der Etikette gemäß war die Liste der Geladenen dem König unterbreitet worden. Am Vormittag des Festabends fuhr Leopold II. bei der Herzoginmutter vor. Im Laufe der Unterhaltung bemerkte der König leichthin: „Ich habe auf der Liste Ihrer Gäste den Namen des Herrn Lambert de Rothschild nicht gefunden." (Lambert ist ein Schwiegersohn eines der Pariser Rothschilds und Chef des Brüsseler Rothschildhauses; als solcher stand er von jeher den Finanzunternehmungen Leopolds II. sehr nahe.) — „Den Namen habe ich allerdings schon gehört, Sire," erwiderte die Herzogin; „jedoch ist es im Hause Arenberg nicht Sitte, jüdische Bankiers zu Familienfesten einzuladen." Der König war wie betroffen. „Aber, Frau Herzogin," sagte er, „ich mache-ihn zum Baron!" (was tatsächlich kurze Zeit nachher geschah). „Sehr wohl, Sire, dann sagen Sie ihm, bitte, er möge sich in hundert Jahren hier vorstellen." Der König hielt es für das richtigste, sofort das Gesprächsthema zu wechseln und verabschiedete sich bald." fr Von auswärtigen Nachrichten seien nur zwei registriert. Die. eine älteren Datums ist hauptsächlich interessant, weil sie einem sozialdemokratischen Blatte, der „Arbeiter-Zeitung" in Essen entnommen ist. Sie führt den Titel „Bojarenbarbarei" und lautet so: ' Schon wieder plant die rumänische Regierung neue Schandtaten. Der Minister für Industrie und Handel schlägt ein Gesetz vor zur „Unterstützung der nationalen Industrie", das die Fabrikanten verpflichten will, nur rumänische Bürger als Arbeiter zu beschäftigen. Um. sich die Folgen eines, solchen Gesetzes klarzumachen, muß man wissen, daß es in der Moldau Städte gibt, wo die Fabrikarbeiter bis zu 60 ja sogar 70 Prozent Juden sind. Aus Grund des neuen Gesetzes könnte es nun passieren, daß eines schönen Tages alle jüdischen Proletarier auf das Straßenpslaster geworfen werden, weil nach Art. 7 unserer Verfügung die Juden keine Staatsbürger, sondern nur geduldete Ausländer sind! Niemand gewährt diesen Proletariern Schutz, weil sie keinem Staate unterstehen, der für sie eintreten würde. Man sieht, dieses Gesetz ist nicht nur reaktionär, sondern barbarisch. Ein anderer Gesetzesvorschlag richtet sich direkt gegen die Arbeiterorganisationen. Es soll einfach dekretiert werden: „Es wird den in Staatsbetrieben beschäftigten Arbeitern verboten, den Organisationen beizutreten." Daß das Gesetz verfassungswidrig ist, geniert natürlich die Bojaren nicht im geringsten. Die Arbeiter haben allerdings die Negierung darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn sie Wind säet, sie Sturm ernten wird. Das hindert aber die Regierung und das rumänische Klassenparlament nicht, ihre Politik der Unterdrückungsmaßregeln fortzusetzen.. Ein drittes Gesetz betrifft die Ausübung des ärztlichen Berufes: „Jedem nichtrumänischen Bürger wird die Ausübung des ärztlichen Berufes verboten." Im Hinblick auf den bereits angeführten Art. 7 der rumänischen Verfassung stellt auch dieses Gesetz einen Schlag gegen die Juden dar. Wird es durchgeführt, dann ist nur mehr ein einziger Beruf dem Juden auszuüben erlaubt, und zwar der, „Kapitalist zu sein". Denn die ärztliche Praxis war bisher der einzige freie, den Juden gestattete Beruf. Was bleibt übrig, wenn der Jude weder physisch arbeiten, noch sonst irgendeine öffentliche Tätigkeit ergreifen kann? Das erste Gesetz ^ift eine unerhörte Grausamkeit, dessen Konsequenz nur die sein kann, das; die jüdischen Arbeiter dem Hungertode preisgegeben werden. Die Absicht der Regierung ist ja nur zu durchsichtig. Es gilt, die Arbeiterorganisationen zu vernichten, und da muß in erster Linie das jüdische Element bekämpft werden, das in der Moldau den ausschlaggebenden Faktor bildet. Wir fragen aber, was die Garantiemächte des Berliner Vertrages zu solchen Maßnahmen der „glorreichen" Regierung Rumäniens sagen? fr Die andere „Die Emigration nach Amerika" ist der „N. I. K." entnommen und hat folgenden Wortlaut:- „Infolge der fortschreitenden Besserung in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage in Amerika wächst jetzt stetig die Emigration nach diesem Lande. Im November v. Js. kamen hierher etwa sechzigtausend Einwanderer. Anfang Dezember waren an einem Tage sieben Schiffe mit 4700 Immigranten aus Europa nach Amerika gekommen. Auf Ellis-Jsland herrscht jetzt eine kaum dagewesene Ueberfüllung, und die Behörde plant deshalb eine Erweiterung und Vergrößerung der dortigen Jmmigrationsstation. Zu der Ueberfüllung auf Ellis-Jsland trägt nicht wenig das rigorose „Muskelexamen" bei. Die Einwanderer müssen häufig auf das „Examen" lange warten, und diejenigen, welche dasselbe „nicht bestanden" haben und deshalb zurückgeschickt werden, verweilen auf der Insel bis zu ihrer Rückwanderung. In welchem Maße die jüdischen Einwanderer von dieser drakonischen Maßregel betroffen werden, läßt sich durch genaue Angaben schwer feststellen, da die offizielle Statistik über die Zurückgewiesenen keine Einteilung nach Konfessionen enthält. Es steht jedoch fest, daß der Prozentsatz der betroffenen Juden ein unverhältnismäßig großer ist. Die „New Jorker Times" weist in einem ausführlichen Artikel nach, daß sich unter der Maske der medizinischen Untersuchung antisemitische Bestrebungen und Neigungen verbergen. Gegen die jüdischen Einwanderer verhielten sich die Kontroll- und Prüfungsbeamten viel strenger als den anderen gegenüber. Die Appellationen der betroffenen Juden an die höheren Instanzen sind bisher stets erfolglos geblieben. fr Unser Wunsch für das Jahr 1910 ist der, daß diese Spalten möglichst wenig Schlimmes, recht viel Gutes zu berichten haben mögen. Die Tage werden länger; der dichte Nebel wird allmählich voll der sieghaften Sonne zerstreut; sei dieser Naturvorgang auch sinnbildlich und glückverheißend für uns! Max Mordau über „Das Judentum im 18. und 28. Jahrhundert". 3n einem Aussatz „Der Kampf um Taiue" hat Dr. Samuel Saenger vor kurzem in der „Zukunft" Max Nordaus „organische Unfähigkeit zur Beurteilung wissenschaftlicher, literarischer und künstlerischer Vorgänge" festgestellt. Er hat daran erinnert, daß Bernard Shaw bereits Max Nordau „als Falschmünzer der Kritik dem Gelächter der Europäer preisgegeben" hat. Sein Buch „Entartung" nennt Saenger den frechsten Versuch, die Kulturbaumeister des 19. Jahrhunderts als pathologisch zu betrachtende Wertzerstörer abzutun; „es wird höchstens noch als abschreckendes Dokument für philisterhafte Ueberhebung, dreiste Moralheuchelei und absolute Kunstsremdheit" dienen dürfen. Vor allem aber trifft er Nordaus journalistische Gelehrsamkeit, indem er ihn einen Meister des Bluffs nennt. Diese Charakteristik paßt wortgetreu aus Nordaus Behandlung jüdischer Fragen. Sie bietet sensationelle Redensarten aus allen möglichen Schatzkammern, ein Raketenseuerwerk blendender Phrasen, aber keine Wahrheit. Den Eingeweihten brachte also Nordaus Vortrag über „Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert", den er im Anschluß an den

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