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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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geordneten Gemeindeseelsorge nach Maßgabe der vorstehenden Ausführungen baldigst in die Wege zu leiten." *.* Berlin, 4. Januar. In der Alterversorgun gsqwstält der jüdischen Gemeinde in der Exerzierstraße lebt seit Jahren der frühere Gürtlermeister Moses Fürstenheim in behaglicher/ sorgenloser Ruhe und erfreut sich seltener Frische des Geistes und des Köxpers. Von Pietät und Dankbarkeit geleitet, hat er nun aus einem ihm zugefallenen Vermögen eine Zimmerstistung in der Alterversorgungsanstalt errichtet, für die er eine Gedenktafel mit folgendem Wortlaut bestimmt hat: „In dankbarer Erinnerung des ruhigen, schönen Lebensabends, den ich in diesem Hause genieße, und zum Andenken an meine liebe Frau, will ich heute an meinem 92. Geburtstage ein Zimmer stiften, in welchem der Bewohner desselben einen sorgenlosen Lebensabend findet, so wie er mir hier zuteil geworden ist.'' Die Enthüllung dieser Tafel fand am Geburtstage des Herrn Moses Fürstenheim in Gegenwart mehrerer Vorsteher und Ehrendamen der Anstalt statt. Der Hausvorsteher beglückwünschte den edlen Stifter und sprach ihm den Dank der Anstalt aus. *** Berlin, 3. Januar. Wie wir erfahren, - wird in der Mittwoch den 12. d. M. abends 8^ Uhr im großen Blüthnersaale, W. Lützowstraße 76 stattfindenden Versammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Wilhelm Ostwald aus Leipzig, einer der beiden Deutschen, die in diesem Jahre den Nobelpreis erhalten haben, einen Vortrag über das Thema „Kulturprobleme" halten. Infolge des zu erwartenden großen Andranges können die Mitglieder des Centralvereins bei dieser Gelegenheit höchstens zwei Gäste einführen, für welche Eintrittskarten vorher in dem Vereinsbureau Lindenstr. 13 II zur Verfügung stehen. 8. Berlin, 29. Dezember. Nachdem der Verein „Jüdisches Kurhospital Bad Salzbrunn" im Vorjahre eingetragen wurde, hat er vor kurzem ein Grundstück in Bad Salzbrunn erworben, das er für seinen Zweck, armen Kränken dort Freikuren zu gewähren. Umzugestalten beabsichtigt. Eine Baukommission, bestehend aus den Herren: Maurermeister Wei le-Berlin, Baumeister Ehrlich-Breslau, Julius Schottländer, Kommerzienrat A. Sternberg-Breslau, Badearzt Dr. Rothenberg-Salzbrunn, Kaufmann Paul Kosterlitz- Berlin, Amtsgerichtsrat Meyer-Charlottenburg, hat an Ort und Stelle vier Grundstücke und verschiedene Terrains geprüft und sich einstimmig für Ankauf des Augustahofs entschieden. Bei dieser Gelegenheit wurde sowohl von Herrn Schottländer als auch von > Familie Wygodzinsky eine Spende von je 5000 Mark dem Verein übermittelt. Vorerst werden laut Sitzungsbeschluß die Patienten in den vorderen Gebäuden untergebracht und, sobald der Verein dazu in der Lage ist, wird die Bebauung des großen Hinterterrains beginnen. Um hierzu imstande zu sein, sind neue Geldmittel dringend erforderlich, und werden Spenden an die Adresse des Herrn Paul Kosterlitz-Berlin, Schöneberger Str. 25 erbeten. Leider hat der Verein während seines fünfjährigen Bestehens schon große Verluste zu. beklagen, die erst kürzlich durch das Ableben des Herrn Sanitätsrat Dr. Ewer vermehrt wurden. *** Berlin, 4.Januar. Das diesjährige Konzert des Vereins zur Pflege hebräischer Musik (Dirigent; Kapellmeister Albert . Kellermann) findet am 26 d. M. im Blüthnersaal statt. Zur erstmaligen Aufführung gelangen u. a, Werke von Lewandowski, Naumburg, Weiß, Henle, Kellermann. Als Solisten wirken mit: Frl. Tennenbaum (Geige) Frl. Dalossy (Sopran) Herr Klein (Tenor) Herr Saal (Harfe). Der Kartenverkauf bei Bote u. Bock, Wertheim, Leipzigerstr. u. Kantstr. 3. hat begonnen. e. Berlin, 2. Januar. Der „Jsraelitis l e Kinderverein zu Berlin" konnte am-29. Dezember 1909 sein zwanzigjähriges Stiftungsfest feiern. Das wohlgelungene Fest, das in den Musikersälen, Kaiser Wilhelmstraße, stattfand und zahlreich besucht war, brächte einen reichlichen Ertrag, der dem „Berliner Verein für jüdische Ferienkolonien" überwiesen werden wird. --- Pleschen, 27. Dezember. Der hiesige „Israelitische Jungfrauenverein" blickte am Sonnabend den 25. Dezember aufein 50 jähriges Bestehen zurück und wird dieses Jubiläum in größerem Umfange, ' voraussichtlich unter großer Teilnahme der Angehörigen der Shnagogengemeinde, wie auch zahlreicher Gäste von auswärts, begehen. Der wohltätige Verein, dessen Vorstand zurzeit aus Herrn Rabbiner Dr. Koenigsberger als Vorsitzenden und den Damen Fräulein Sara Schwarz, Dora Salinger, Amalie Schmul und Augufte Zobel besteht, hat sich in seinen idealen Tendenzen auch in den Tagen der preußischen Kriege der sechziger und siebziger Jahre, wie bei allgemeiner Not bestens bewährt und gern aus Anlaß des bevorstehenden Jubiläums auch zur Bekleidung christlicher Mädchen einen entsprechenden Betrag gespendet. Da aus örtlichen' Gründen die Jubiläumsfeier erst am 9. Januar d. I. stattfinden kann, hat Herr'Rabbiner Dr. Koe nigsberger in seiner Predigt am Sonnabend des für, die hiesige Synagogengemeinde wichtigen Tages gebührend gedacht. s. Kolberg, 2. Januar. Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt, der verdienstvolle Leiter des jüdischen Kurhospitals in Bad-Kol» berg an der Ostsee muß aus Altersrücksichten von diesem Posten zurücktreten. Er hat das Institut, das er mitbegründen half, seit seinem Bestehen über zwei Dezennien lang segensreich verwaltet und sich einen großen Kreis von Freunden und Verehrern geschaffen, die - sich durch ganz Deutschland verteilen. Möge dem noch rüstigen Mann ein ruhig^glücklicher Lebensabend beschieden sein. Herr Rabbiner Dr. Baron-Hoppstädten a. d. Nahe ist zum Nachfolger Goldschmitts gewählt worden und wird sein Amt mit Beginn der neuen Saison antreten. J. Hanrburg, 2. Januar. Mit dem Antisemitismus ist es hier erfreulicherweise recht schlecht bestellt. Während er früher, wenn auch als Rarität in einigen Exemplaren in der Bürgerschaft vertreten war, befindet er sich jetzt anscheinend in völliger Deroute, trotzdem das Organ des Herrn Liebermann von Sonnenberg, die „Deutsch-Sozialen Blätter", hier erscheinen und auch der „Deutsch-nationale Handlungsgehilfenverein" seine Generalftabsleitung hier sitzen hat. Aber alles Krebsen hilft nichts, Hamburgs Bürgertum empfindet den Antisemitismus als etwas anrüchig und verweist ihn entschieden ans der guten Gesellschaft. Auch wenn er unter einer der vielen Deckadressen, die dem antisemitischen Konglomerat ja in reicher Fülle zur Verfügung stehen, auftritt. Für die demnächst stattfindenden ' Bürg erschafts wählen hat er sich die Flagge der „Wirtschaftlichen Vereinigung" erwählt. Aber die Kandidaten derselben beeilen sich, für die Zeit der Wahlen meistens zu versichern, daß sie keine Antisemiten sind. Mehrere von ihnen haben auch schon früher in aller Form, wie die Herren Pape und Wolfhagen, die jetzt dem Linken Zentrum, einer ziemlich weit rechts stehenden, aber keineswegs antisemitischen Gruppe der Bürgerschaft angehören, jeden Antisemitismus abgeschworen. Eine außerordentlich schnelle Wandlung vom Antisemiten zum Philosemiten hat nun dieser Tage auch Professor Wilms durchgemacht, der für die nächsten Bürgerschaftswahlen als Kandidat von den vereinigten Antisemiten und Wirtschaftsverbändlern aufgestellt worden war. Er hat durch ein Mitglied des „Linken Zentrums" in aller Form dem Antisemitismus entsagt, worüber die „Deutschs Sozialen Blätter" so entrüstet sind, daß sie ihm in der Weihnächts» nummer folgende Liebenswürdigkeit an den Tannenbaum steckten: „Nicht nur, daß Professor Wilms kein Antisemit ist, er -.weistausdrücklich den Antisemitismus als falsch" zurück und erklärt, daß die Möglichkeit „dem Verdacht des Antisemitismus" ausgefetzt zu sein, ihn bewogen habe, sich von der Liste der „Wirtschaftlichen Vereinigung" streichen zu lassen. Wie gründlich manche Leute von ihrer Umgebung mißverstanden werden, zeigt sich in diesem Falle. Nicht nur, daß Wilms bei denen,- die ihn näher kannten, bisher als Anti-' semit galt, so hat er ferner bei seinen Verhandlungen mit berufener Seite sich in einer Weise geäußert, die ihn in den „Verdacht des Antisemitismus" bringen mußte, und es hat an Entrüstung seinerseits über, die „Anmaßung der Juden" und den „verderblichen Einfluß der jüdischen Presse" nicht gefehlt. Das war vor zehn Wochen. Dieser Vorgang hatte einen Schriftwechsel zur Folge, wobei Here Professor Wilms sich entpuppte als ein ebenso gründlich wie plötzlich bekehrter religiö ser Philo semit mit bewundernswerten mystischschwärmerischen Ansichten... Ob der Hamburger Bürgerschaft, die ja praktische Arbeit leisten muß, mit einem Mitglieds gedient ist, das

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