Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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74. Jahrgang. Nr. 1 Der » Berlin, 7. Januar 1910 Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". 1korrelpondkn?m und Kschrichten. Deutschland. --- Berlin, 31. Dezember. Herr Emil Mosse, seit 25 Jahren Mitinhaber der Firma Rudolf Masse, scheidet mit dem heutigen Tage seiner, angegriffenen Gesundheit wegen aus der Firma aus, an deren Emporblühen er einen bedeutenden Anteil gehabt hat. Begabt mit einer seltenen Energie, mit einem hervorragenden Organisationstalent und mit der Fähigkeit. Menschen und Dinge richtig zu. beurteilen, hat er, in unermüdlichem Schaffensdrang, wesentlich mit dazu beigetragen, das große und so vielseitige Unternehmen auf seine gegenwärtige Höhe zu führen. Indem er an den festen Grundsätzen des Hauses unerschütterlich festhielt, sicherte er der Firma stetig neue Sympathien und sich selbst die allgemeine Hochschätzung und die unbedingte Zuneigung eines jeden, der mit ihm in Berührung trat. Immer bereit, helfend einzugreifen, und von einem starken sozialen Pflichtgefühl erfüllt, war er den Angestellten und Mitarbeitern der Firwa stets ein klug beratender Freund und unablässig auf die Hebung und Sicherung ihres materiellen Wohlergehens bedacht. *»* Berlin, 4. Januar. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 27. v. M. im „Burg Hotel" seine ordentliche Generalversammlung ab. Der zweite Vorsitzende, Herr Dr. Hirsch H ildesheimer, eröffnete mit einem warmempfundenen Nachruf auf Gustav Karpeles die Sitzung und ersuchte alsdann Herrn Professor Dr. Martin Philippson, den der Vorstand in einer im Herbst stattgefundenen Sitzung zu seinem Vorsitzenden gewählt hatte, die Leitung der Generalversammlung zu übernehmen. Dieser gab nun einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Vereins im abgelaufeneu Geschäftsjahre und sprach bei dieser Gelegenheit sein Bedauern darüber aus, daß infolge des plötzlichen Heimganges des ersten, langjährigen Vereinsvorsitzenden nicht alle in der vorjährigen Generalversammlung gefaßten Beschlüsse zur Ausführung gelangen tonnten. Auf Grund eines vorjährigen Beschlusses habe der Verein zur Erlangung einer guten Novelle für das Jahrbuch zwei Preise in Höhe von 500 und 300 Mark ausgeschrieben, allein unter den eingegangenen elf Arbeiten habe sich nur eine befunden, welcher der zweite Preis zugebilligt werden konnte. Eine Arbeit fei leider abhanden gekommen, und er bittet, dem Autor dafür einen Schadenersatz von 60 Mark zu bewilligen, womit die Versammlung sich einverstanden erklärt. Nach einer lebhaften Debatte entschied, die Versammlung, die im Vorjahre gefaßten aber nicht verwirklichten Beschlüsse nunmehr zur Ausführung zu bringen. Diese find: 1. Die Parallelen in der ursprünglichen Fassung wieder herauszugeben. 2. Die zur Herausgabe derselben vom Verein eingesetzte Kommission zu beauftragen, die Unterscheidungslehren zwischen Judentum und Christentum zusammenzustellen und über diese Arbeit der nächsten Generalversammlung zu berichten. Hierauf erstattete die Revisionskommission den Kassenbericht und beantragte für den Schatzmeister Herrn Julius Fränkel unter warmer Anerkennung seiner Mühewaltung die Entlastung, die einstimmig erfolgte. Die -Einnahmen betrugen 15 290.23 Mark, die Ausgaben 11326.06 Markmnd der Bestand 3964.17 Mark. Bei den sodann vollzogenen Wahlen wurde der Gesamtvorstand (mit den Herren Professor 'Philippson zum ersten, Dr. Hirsch Hildesheimer zum zweiten Vorsitzenden) per. Akklamation wieder- und Herr Dozent Dr.J. Elbogen neugewählt. Ebenfalls durch Zuruf erfolgte die Wieder, wähl der Herren Willibald Loewenthal und G. S piewkowski als Revisoren. Auf Antrag eines Mitgliedes der Kommission zur Heraus- - Habe des Jahrbuches wurde Herr Dr. I. Kaftan einstimmig in diese »Kommission gewählt. Zum Schluß fand die Bewilligung verschiedener Subventionen und die Feststellung des Haushaltes statt. — Aus den 'auswärtigen Vereinen: In Karlsruhe sprach Dr. Wittenberg- Hamburg über die Juden in Amerika; in Mannheim Provinzialsstabbiner Dr. Bamberger-Hanau über Rabbi Meyer aus Rothenburg; in Oldenburg Dr. Sonderling-Hamburg über jüdische Kunst in Wort und Bild; in Gießen Professor Dr. Gold st ein über die religiöse Bedeutung der Bibel für die Gegenwart; in Paderborn Dr. Löb-Hannover: «Was will der Zionismus"; in Schönlanke Kantor Leibowitz-Posen über die Entwicklung des Synagoge,^ gesanges; in Hohensalza Rabbiner Dr. Pick-Strasburg in Westpr. über Jettchen Gebert; in Lautenburg derselbe über Schiller und das Judentum, Rabbiner Dr. Loewy-Graudenz über Judentum und und Arbeit; in Kottbus Rabbiner Dr. Pos ner über Wesen und Bedeutung des Schächtens; in Lissa Rabbiner Dr. Pick-St asburg in Westpr. über Uriel Acosta in der Geschichte und im Drama; Rabbiner Dr. Bäck über die providentielle Führung Israels; in Brake! Dr. Port tzky-Berlin über Gustav Karpeles, Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal-Berlin über das Gleichnis in der jüdischen Volksliteratur; in Marburg Rabbiner Dr. Mannheimer-Oldenburg über Kultur und Judentum. Dr. L. A. RofentHal-Berlin über Naturdichtung in der Bibel; in Marienwerder Rabbiner Dr. Loewy-Graudenz: „Die Geschichte Israels an der Hand der alten Denkmäler"; in Kottbus Herr Victor Klemperer-Berlin über Ludwig Fulda; in Elberfeld vr. meä. Apfel-Barmen über Gustav Karpeles. 8. Berlin, 4. Januar. Ein Antrag Lewinski, der voraussichtlich auf der Tagesordnung der nächsten Repräsentantenversammlung stehen wird, geht darauf hinaus, in der hiesigen Gemeinde eine geordnete Seelsorge zur Einführung zu bringen. Der Antrag hat folgenden Wortlaut: „Die Repräsentantenversammlung wolle beschließen: Äei den im allgemeinen mustergültigen Einrichtungen unserer Wohlfahrtsanstalten scheint mir ein leicht abzuhelfender Mangel vorhanden zu sein.. Es ist dies das Fehlen jeder geordneten Gemeindeseelsorge, insbesondere bei vereinsamten Kranken. Verlassenen, Hinterbliebenen und sonstigen Hilfsbedürftigen aller Art. In den Krankenhäusern der Stadt liegen oft vereinsamte, kranke Glaubensgenossen, um welche sich niemand kümmert. Bei Ableben des Ernährers, in Unglücksfällen und Notlagen aller Art wird materielle Hilfe, oft in generösester Weise gewährt.. Sehr oft aber würden tröstlicher Zuspruch und Raterteilung diese Hilfe doppelt wertvoll gestalten, vereinsamte Kranke und Hilflose hoffnungsfreudlger machen, manchen, der mit dem Judentum nur noch lose zusammenhängt, infolge des ihm entgegengebrachten Interesses in seiner" Zugehörigkeit zu unserer Religion befestigen, andere wieder, welche, durch Not und Schicksalsschläge apathisch geworden, der dauernden Armenpflege anheimfallen, wieder einem Erwerbe zu führen. Es ist von den im Ehrendienst unserer Gemeinde stehenden Mitgliedern nicht zu verlangen, daß sie neben der oft schwierigen Feststellung der Notlage Hilfesuchender auch noch Seelsorge ausüben sollen, meistens wird ihnen auch die Möglichkeit hierzu fehlen. Unsere Gemeinderabbiner, welche in erster Reihe hierzu berufen wären, sind durch ihre anderweitige Tätigkeit, wie Unterricht, Casualien aller Art usw. derart in Anspruch genommen, daß von ihnen die Ausübung einer regelmäßigen seelsorgerischen Tätigkeit nicht verlangt werden kann. Zu dieser Tätigkeit würde meines Erachtens der Besuch der städtischen und königlichen Krankenhäuser sowie aller Bedürftigen und Hinterbliebenen gehören, welche neben materieller Hilfe des tröstlichen Zuspruchs bedürfen. Die Organisation dieser Seelsorge, durch welche manche jetzt. ohne bleibenden Nutzen gewährte Unterstützung segensreich wirken könnte, dürfte mit Schwierigkeiten nicht verbunden sein. Ich würde hierfür die Einteilung der Gemeinde in drei bis vier Bezirke empfehlen, welche je einem von der Armenkommission ressortierenden Beamten zugeteilt werden. Als geeignet für diese Tätigkeit halte ich die Prediger resp. Angestellten der Synagogenvereine, welche jetzt bereits indirekt im Gemeindedienst stehen und viel freie Zeit haben. Denselben wäre eine verhältnismäßig'geringe Entschädigung zu gewähren, sofern sie nicht auf eine solche infolge des guten Zweckes verzichten. Ich. beantrage, die Einführung einer