Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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wußte, woher sie kam, und drückte leise und tröstend seinen Arm an sich. Und sie war sehr glücklich, daß sie ihn so. unmerklich trösten durste.; Fast alle Kastanien waren von den Bäumen vor Meyersohns Tür heruntergeschlagen. Sie hingen in langen Ketten, von den Kindern eifrig gewunden, in den Laubhütten zu diesen fröhlichen Festtagen des Herbstes. Ach, was für ein Duft von welkendem Laub in den Straßen und Höfen und Gärten! Man mußte hoch aufatmen, - und man mußte den sterbenden Jubel dieses Herbstes nehmen und halten mit zärtlich bangen Händen, wie eine letzte Gnadengabe.- Jn Frau Lina war alle bange Zärtlichkeit des Herbstes. Und alle die. Tage war in ihr ein Feiertag der Seele. Am schönsten aber waren diese Nachmittage, wenn sie mit Leo in der Laube saß, indessen ihr Mann sein Mittagsschläfchen hielt. Sie wollte ihm nur immer zuhören, wenn er von all den Dingen sprach, die er kannte oder gesehen, und die ihr alle so fremd waren. Und der Duft des welkenden Laubes, der Blumen, der Kastanien mischte sich mahnend herb und doch so süß in ihre Träume. Leos Blick schweifte manchesmal auf den Mose, der auf einem alten Stich so finster und streng die ehernen Gesetzestafeln hielt. Und es kam eine ekstatische Sehnsucht in seinen Blick, nach einem großen, ehernen Kampf. ... Aber cs war ganz still um sie. Und das Laub moderte. Er fühlte es sterben. Und auch der jungen Frau frühes Welken fühlte er wie eine wehe Klage. Dann konnte er ihre Hand nehmen und lautlos sagen: sei still. Du liebe Frau, ich sehe nicht den Purpurrand des Todes, ich sehe nicht Dein Welken. Ich will es nicht sehen! Hörst Du, gerad so bist Du schön: gerad so mit der bangen Klage, die lächelt, gerad so mit den Blicken, die fraglos jung sein möchten und müde werden beim ersten Schwung, beim ersten Sturm. Gerad so mit dem letzten Purpurglühen einer Seele, die, den Frühling ein einziges Mal in sich hinein zaubern möchte, und sterben würde in diesem späten Frühling, - ganz jäh. und gewaltsam, statt mählich zu welken. . . . Still, still, Du liebe Frau, Du weißt nichts davon, darfst auch nicht wissen! — Und er fragte einmal laut: „Deinen Mann, nicht wahr, hast Du doch lieb?" .,: Und sie erwiderte ganz leise, aber ganz sicher: „Er ist doch mein Mann!" Wie wunderbar selbstverständlich'das war: „Er ist doch mein Mann!" Und keine Frage, kein Warum. Oder fragten ihre zitternden Finger nach einem fremden Glück, wenn .sie ihn gleich darauf streichelten, scheu und innig zugleich? Und sie sagte wohl ein-und das andere Mal: - „Du bist garnicht mein Neffe. Du bist mein Bruder. Nein, Du müßtest mein Sohn sein, mein einziges Kind. Wie ich es mir immer wünsche und es doch nicht erlange. Ja, mein lieber, großer Sohn, der die Mutter an die Hand nimmt, so — so — Und einmal nahm sie seine Hand, und ihre glühte in seiner. Und plötzlich stammelte sie: „Oder Du müßtest — oder Und jäh schrak sie zusammen. Ihre Hand zuckte zurück. Hörbar starb das Laub in der Stille. Und in ihrem Blicke starb alle Glut und alle Freude. Ganz zusammengesunken saß sie da. Und er schaute weit über sie weg mit wehem Blick in den Frühling, der in ihr erstorben war, ohne je gelebt zu haben... Dann kam daS weinende Lächeln wieder Lu ihre Zugh und sie sagte mit Worten, die wie vor Druck zögerten: „Nicht wahr, mein guter Lieber Bruder bist Du. Und auch mein Kind, wenn Du willst." Er nickte schwer.- - Und der Duft der Laubhütte war wie Moderduft aus verschollenen Gräbern ... (Schluß folgt.) Oeujabr. Von Karl Emil Franzos. eute, o heute sei vergessen, Wie uns das Leben zugemcssen! Nicht als Einheit Voll lauterer Reinheit, Nicht nach klaren Zielvollen Jahren, Nur nach Stünden, Ach,.nach Sekunden Wird uns zu teil Siegen und Fallen, Unheil und Heil. Wie die Möwe über dem Gischt Ziellos flattert in irrem Bogen, Daß sie daraus die Atzung fischt. Wie sie, umstäubt von dem Schaum derWogen, Von dem Sturmwind erfaßt und gezogen, Sich dem Meere selber vermischt. Um sich dann wieder emporzuschwingen Oder im Branden zu vergehn: Also in wirrem Mühen und Ringen, Nach dem Nächsten in angstvollem Spähm Flatterst Du, Seele voll Mut und voll (Schwäche, Ueber den: grausamen Lebensmeer! Nimmer glättet sich seine Fläche, Und der Sterne tröstliches Heer Zittert verzerrt in den kämpfenden Wellen. Wirst Du siegen, wirst Du zerschellen? Arme Seele, Du weißt es nicht! Jählings wechseln Dunkel und Licht, Flügel gibt Dir die eine Stunde, Und die ändre reißt Dich zum Grunde.. . Also flatterst Du bang umher Ueber dem dunklen, grollenden Meer... Heute doch, heute sei vergessen, Wie uns das Leben zugemessen. Alles friedlose Hasten nach Stunden Ist wie ein böser Alp entschwunden. Heute zu neuem Wagen und Streben Ist uns ein volles Jahr gegeben! Und die uns gestern gedräut, die Flut. Wie sie nun spiegeleben ruh!! Leuchtend kommt die Sonne gezogen Ueber den sanften, blauenden Wogen, Und weil der düstere Nebel siel. Liegt uns greifbar nahe das Ziel — Vorwärts, um es endlich zu fassen! Vorwärts, um es nimmer zu lassen! Sieh, die Möwe, die gestern bang Gekämpft mit der wilden Woge Drang, Schwebt nun heut, gleich dem stolzen Aär, Ueber dem neuen, glücklichen Jahr! Neujahr, du Zauber licht und hehr! Weihnacht erfüllt die Träume der Kinder, Aber wir Großen brauchen's nicht minder, Ach, wir Großen brauchen's noch mehr! Menschheit, das arme, alte Kind, Heute die rosigsten Träume spinnt. Und mit dem holden, trügenden Tand Spielt die arbeitsmüdeste Hand, Selbst der dürrste Lebensbaum Ist geschmückt mit glitzerndem Traum, Seligem Höffen, seligem Wähnen. Perlen geworden stnd heut alle Tränen, Und umdustet von Rosen ganz Ist der schärfste Dornenkranz. . Laß't ihn uns fassen und drucken ins Haar! Was uns morgen auch immer begegnet, Sei uns willkommen, sei uns gesegnet,. Weihnacht der Großen Du, Neujahr! Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin,