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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Meyersohü hatte sie damals bei der Hochzeitstafel mit dem Ellenbogen angestoßen, daß sie ängstlich zusammenschauerte, und hatte schmunzelnd gesagt: Ist doch eigentlich ein Prachtmensch dein Bruder, der Jakob! Und für dieses einzige- Wort war sie lieb zu ihm gewesen, aber auch so wie ihr Gesicht lieb war; mit dem heimlichen Schluchzen... Nun war Leo gar schon über die hohen Feiertage geblieben. Gewiß, er hatte nichts zu versäumen: diese langen akademischen Ferien. Aber eigentlich war er doch nur hergekommen, um das Grab der Großeltern zu besuchen. -Dem Vater hatte er das noch in seiner kurzen Krankheit versprochen. Und er hatte dabei das Gefühl, als ob der Sohn für den Vater irgend etwas Unausgesprochenes gut zu machen hätte. Auch war über des Vaters verrechnetes zergrübeltes Kauf- . mannsgesicht solch ein reines Lächeln geglitten, als er sagte: Grüß Lina, Lina ist so lieb. Die Mutter hatte natürlich nichts dagegen, als er nach der üblichen Badereise den kleinen Ort aufsuchen wollte. Sie sagte nur: Ach so, die da unten! Und es war eine ganz ferne verschwommene Vorstellung in diesen Worten. Warum er immer noch blieb, wußte er selbst nicht recht. Vielleicht war es diese kleine Stadt, in der er etwas, wie windzerfaserte Heimatswurzeln suchte, etwas von dem langsamen Atem dieser ruhigen Menschen, in deren Seelen so selten ein Erlebnis fiel, keine Revolution des Lebens, die sie wandelte; die beteten und arbeiteten und arbeiteten und beteten. Doch das war wohl auch anderswo so. Nur fühlte man in diesen stillen Straßen, in denen man fast schlafend gehen konnte, den dumpfen Hauch dieses Lebens stärker. Es war, als ob er auf diese kleinen Häuser drückte, als ob er all die Menschen einlullte und ganz allmählich auch ihr junges Sehnen einlullte. Aber es war auch so viel Peinlichkeit und so viel Mutterwärme in dieser kleinen Stadt. Nein, nein, man mußte sich losreißen, um nicht einzuschlafen m dieser Wärme! Oder war es Tante Lina, um deren Willen er blieb? Seltsam: wenn er „Tante" sagte. Die acht oder zehn Jahre, die Frau Lina älter war als er ... Ja, eigentlich blieb er ihr zuliebe. Als er vor den Feiertagen sagte, er wolle nun noch ein letztesmal auf den Friedhof gehen, war ihr Blick so merkwürdig traurig geworden, so, als wagte er nicht recht traurig zu erscheinen und wagte nicht recht zu bitten. Ganz langsam hatte sie tastend seine Hand genommen und eine kleine Weile geschwiegen. Und es war solch leises trostloses, nimmer endenwollendes Weinen in dieser Stille, wie welkende Frauen aus Gräbern weinen ... Ihm war es fast, als ob er es hörte, und wußte es doch nicht eigentlich zu sagen. Und dann waren ein paar Worte aus diesem lautlosen Weinen gefallen wie zögernde Tropfen: „Bleib' doch noch, Leo. Wir haben Dich doch so gern hier." Und als er noch schwieg, wurde ihre Stimme lebendiger: „Sieh' nur, und jetzt sind die Feiertage bald da. Zuhause mit Deiner Mutter hältst Du sie doch nicht. Geh', sei gut, halte sie wenigstens einmal. Du wirst mit uns feiern, mit mir. Und wirst fromm fein, so wie wir fromm sind. Nicht auf Deine Art. Und wirst mit uns in den Tempel gehen? Ja? Geh', sei gut! Mir' zuliebe, nein. Deinen frommen Großeltern zuliebe." Es waren aber nicht so sehr ihre Gründe, wie das hastige Streicheln dieser Worte, das ihn ja sagen ließ, und das: daß er ihr nicht weh tun wollte. Wie war das schön, daß ihre Augen jäh einen innigen Glanz bekamen. Und schön war es, wie sie ihm ganz schnell,, als fürchte sie dunkel irgend etwas in sich, und doch so wieder mütterlich behutsam einen Kuß auf die Stirn drückte. Und er war mit ihnen in den Tempel gegangen. Und - der lahme Meyersohn, der ihn sehr gern mochte und auch ein wenig stolz auf den fremd-vornehmen Neffen war, hatte' ihn unter den Arm genommen und zwei- und dreimal und öfter noch in diesen Tagen auf seine behaglich polternde 'Art gesagt: Siehst du, mein geftudierter Herr Neffe, jetzt lernst Du wenigstens eine richtige Jiddischkeit kennen! — Aber er wurde, als er neben seinem Onkel oben in der ersten Reihe stand, mit einer leisen wühlerischen Beklommenheit, von all den Leuten, die um ihn wußten, doch halb und halb als nicht zugehörig betrachtet. Und auch der Onkel hatte so ein halbes verstecktes Mitleid mit ihm, wenn er ihn immer wieder auf die einzelnen Gebete aufmerksam machte, Am Versöhnungstage hatte er sogar gefastet. Frau Lina hatte gefragt, ob er es tun wolle, aber in einer Art, daß er ohne Zögern, als wäre es selbstverständlich für ihn, ja sagte. Und es war rührend, wie sie dort oben in aller Feierlichkeit des Festes andächtig saß und ihm wieder und wieder zunickte: so: nicht wahr, lieber Leo, es geht schon? Sei lieb, sei lieb! Und wenn manchmal ihr Blick zu ihm hinunterglitt, ganz voll noch und schier trunken von Andacht, war es auch, daß er sagte: Siehst Du: ich bete auch für Dich! Und es war wirklich ein so heißes inniges Stammeln von Worten in ihr, von Worten, deren Sinn ihr fremd, dessen singender Ton. ihr nur vertraut war wie eine alte, nicht zu missende Wiegenmelodie; und die auch nur durch den Ton, dieses stammelnde Flehen, Weiheworte wurden und Andacht. Leo glaubte auch zu sehen, daß in allen anderen, den Männern zumeist und den älteren Frauen, nicht in den jungen, die Blicke warfen und Plauderten, gingen und kamen — diese vermoderten und gestorbenen Gebetesworte Leben wurden und wie ein unsichtbares brünstiges Händeflehen sich emporreckten. Ihm war das ja alles nur ein Schauspiel, in dem er zufällig als Statist mitwirkte, und mehr als versonnener, grübelnder, beobachtender Zuschauer ergriffen war denn als einer, der im Kampf um seines Gottes Gnade rang. Aber als die Schofarposaune gar so mächtig ertönte und alles Volk wie mit einem Munde das ewige donnerstarke Gotteswort „Schmäh Jisroel" rief, darin Leben und Tod urgewaltig erschauerte, darin tausende Seelen ringen und sterben und nicht lassen von ihrem Gott... waren es da Tränen, die seinen Blick dunkel machten? Und seine junge Seele, die noch nicht reis und völlig wissend geworden, durchschauerte ihre eigene ewige Einsamkeit, zu der Menschen- und auch nicht Gottesliebe Brücken finden, es sei denn, sie zwinge selbst all ihren Stolz und gebe sich hin. Ganz still war er unter den Leuten gewesen, die nach Hause hafteten. Und es ärgerte ihn, daß sie so hasteten. Er war Frau Lina so dankbar, daß sie seinen Arm nahm in ihren freien linken, und auch dafür, daß ihr Schritt noch so feierlich war, als gingen in ihr noch alle Gebete und alles fromm? . Sehnen. Auch sprach sie nicht viel. Sie fragte nur nach einer Weile mild: „Bist Du auch fromm gewesen, Leo?" Und er nickte traurig. Da fühlte sie seine Trauer, von der sie nicht

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