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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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6. Juli 1761 vom Herrn Rat 1 Gulden und 30 Kreuzer für Wolfgangs Belehrung im Jüdisch-Deutschen erhieltein bisher gänzlich unbekannter Mann. E. Mentzel vermutet ihn in dem Sergeanten K..Christian Christfreund, gdb. 1723, gest. 1801, als Roßzollwächter in Frankfurt. Er war möglicherweise jüdischen Ursprungs und stammte aus dem Ansbachischen. Es wäre denkbar, daß er in seiner militärischen Eigenschaft zu der Zeitda der Königsleutnant im Goetheschen Hause einquartiert war, dort als Bote erschien und so dem Herrn Rat'bekannt wurde. Ist dieser Soldat, dereben nicht sehrhoch auf der Stufenleiter menschlicher Ehren stand, wirklich Goethes Lehrer gewesen, was aber durchaus nicht sicher ist, so war er jedenfalls kein gebildeter und kein meisterlicher Pädagoge, denn das Pröbchen von Judendeutsch, das Goethe vielleicht unter Leitung dieses Lehrers verfaßte, seine „Judenpredigt" ist abgesehen von der spöttelnden Manier, im sprachlichen Ausdruck so inkorrekt, daß man selbst die geringe Summe, die für die Unterweisung gezahlt wurde, als hinausgeworfenes Geld betrachten muß. Sollte Wolfgang zu seiner doch eigentlich recht wenig erklärlichen Vorliebe für das Jüdisch-Deutsche dadurch gekommen sein, daß sein Oheim, der Doktor. Textor, als Advokat viele Juden vertrat? Zu seiner Hochzeit wurde von einem dieser jüdischen Klienten, Wolfs-Maas, ein jüdisch--deutsches Gedicht überreicht, ein Poem von acht Strophen, aus dem zur Erheiterung unserer Leser folgende Strophe aus dem Mentzelschen Buche mitgeteilt werden soll. „Manchen Chillnffy manche Mume2) Hat-Sein Segels nns gespart Und vor mancherlei Taschlurne4) Und vor manchem Knaß3 6) bewahrt! Hört wie Roseneck Ihn lobet, Daß auf seinen Rösch becovedb) * ' Nichts von Behfuß Sükas7) fällt. Hört wie oft hat Er gesieget, Wenn ein Achprosch3) uns betrüget Und uns all für Schaute^) hält!" IrirLhok der Srrlrn. Novelle von Joachim Friedenthal. . 0ben an der katholischen Kirche lag die große Schenke von Simon Meyersohn, von dem lahmen Meyersyhn. Wie schön das war, daß solch hohe alte Kastanienbäume vor dem grauen Hause standen. Sie hatten imFrühling so viel winkende weiße und rosenrote Blütenlichter. Und im Frühherbst balgten sich die Jungen lachend und eifrig um die: Kastanien. Und die jüdischen Kinder wußten, daß sie gerade bei Meyersohns Bäumen ein gewisses Privileg hatten, die Kastanien zu den Ketten für die Laubhütten abzuschlagen. Besonders seit, die junge Frau Meyersohn dort hinten an dem kleinen Pult am Fenster saß. Sie. hatte immer so ein liebes gütiges Lächeln. Ja, es sah immer so aus, als ob sie so ein liebes gütiges Lächeln um die Lippen hätte, nicht eigentlich ein Lächeln, konnte man sagen, vielleicht nur solch ein Schimmer von Lächeln, nein von Güte. *) Wechselbrief. 2) Geld. 3) Verstand. 4) Bezahlungen. 5) Strafe. 6) Kopf, mit Ehren zu melden.. 7) Laubhütten. 8) Spitzbube. -®) Narren. Leo aber fand nun jeden Tag mehr von all denen, die er schon in dieser-kleinen Stadt zu Besuch weilte-, daß sie eigentlich seltsam leidend aussah, wenn sie dort oben am Fenster an dem Pult saß und aufpaßte, ob die lärmenden Bauern und Fuhrleute und all das sausende Pack richtig bedient würden. Er hatte sie einmal unbemerkt beobachtet. Die Schenke war voll. Es roch' alles nach Fusel, nach all den Schnapsessenzen, dem säuerlichen Dunst von schlecht gepflegten Menschen. Tabaksqualm schwamm träg und. mühsam in der dicken Lust. Und er empfand es wie eine Erlösung, daß ein schmaler falber Sonnenstreifen über ihrem Pulte lag und sie gleichsam trennte von all den Menschen, denen sie zusehen mußte. Es war seltsam wie .sie dasaß: den Oberkörper wie in einem unbewußten Ekel leise, aber angestrengt fast furchtsam zurückgebeugt. Und das bleiche Oval dieses feinen schmalen Gesichtes unter dem blauschwarzen Seidenhaar stand zu dem Schwarz des Kleides wie eine lächende Klage. Ja, es war so: daß jenes ferne Lächeln um ihre Lippen lag und doch irgendwo, gleichsam unter der allzu zarten Haut, ein mühsam zurückgehaltener Schmerz vibrierte, wie ein heftiges Kinderschluchzen im Schlaf ... Und vielleicht, wenn man sie plötzlich ausweckte, würde sie erstaunt und glaubhaft sagen: „Ich habe doch gar nicht geweint!" Aber ihre Stimme würde noch zittern von den ungeweinten Tränen Seit jenem Augenblick sah Leo sie immer so: mit dem heimlichen, schlafenden Schluchzen. Auch wenn ihre Augen mit ' den schweren, scheuen Lidern und den selten langen Wimpern jung wurden mit ihm und ein Leuchten in ihre Blicke kam, es war ihm wie ein Leuchten von jenen ungeweinten Tränen. Manchmal in den letzten Tagen ging er mit der leisen Frage zu ihr: „Sag' mir, meine liebe Tante Lina, meine liebe, liebe Lina, hast Du irgendeinen Schmerz?" Aber wenn die scheuen,Lider bei seinem Nahen schneller als sonst sich hoben und aus ihnen ein Blick mit heimlichem Jubel auf ihn sprang, ließ er die Frage ungefragt. Nur seine Hand fragte noch, ganz leise, ganz unverständlich: mit einem sachten kleinen, fast behutsamen Streicheln über ihre Hand. Dann nahm sie wohl auch mit beiden Händen, die eine verzagte Demut und etwas wie unbewußte Ehrfurcht ein wenig zittern machten, seinen blonden Kops, und sah ihn lange an. Und nach einer Weile sagte sie dann fast trauriger, als sei er ihr plötzlich wieder so ganz fremd geworden: „Nur die Augen hast Du von Jakob, von meinem Bruder". Und er erwiderte wohl langsam und halb gequält: „Ja, Du weißt doch. . ." Und sie wußte von seiner Mutter, der fremden Christin, die sie noch nie in all der langen Zeit gesehen. Und von dem reichgewordenen, so sehr viel älteren Bruder, der ihr immer so fremd und so lieb zugleich gewesen war und nun in der fernen Stadt begraben lag. Man war so auseinander gekommen. Als die Mutter noch lebte und in all dem Unglück und der Armut, die der Vater durch seinen großen Bankerott über die Familie gebracht, immer noch so wunderbar stolz sich trug und die weiße Halskrause immer noch so zierlich und so sauber umwand — da war hie und da ihr Bruder noch gekommen, liebevoll fremd, ein wenig lärmend und ein wenig prahlerisch. Und noch zu ihrer Hochzeit war er das letztemal hier gewesen. Und der lahme Meyersohn, den sie nach der Mutter Tode aus einem dumpfen Sehnen nach Herdglück, nach Heimatswärme genommen, und weil sie eigentlich doch arm war und man heimlich die Nase über sie rümpfte wegen des Vaters, und weil doch Simon Meyersohn recht wohlhabend war und eine geachtete Partie trotz seines lahmen Beines. Dieser lahme

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