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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Partei Kamps ansagte und zur Niederringung ihres Führers Laster die antisemitische Note anschlug, die dann von Treitschke salonfähig und von Stöcker volkstümlich gemacht wurde, brachte Graf Taaffe in Oesterreich durch nicht ganz lautere Mittel den verfassungstreuen Großgrundbesitz in Böhmen in die Minderheit, bewog die Tschechen zum Eintritt in den Reichsrat und entwand den Deutsch-Liberalen die parlamentarische Herrschast. . Die Tschechen haßten die deutsch-liberale Partei, weil sie deutsch, die Feudal-Klerikalen haßten sie, weil sie liberal war. Und der Haß ist ein fester Kitt. Es entstand jener berüchtigte „eiserne Ring", gebildet aus Tschechen,. Polen, Feüdaladel und Deutsch-Klerikalen, der vierzehn Jahre hindurch auf dem Nacken der Deutschen Oesterreichs wuchtete und sie aus Herrschenden zu . Beherrschten machte. In das Bollwerk des- Zwanzig-Kronen-Zensus wurde Bresche geschlagen und das Wahlrecht zuerst auf die Zehn-Kronen-Zensiten und dann auf die Acht-Kronen-Zensiten ausgedehnt. Und nun zeigte sich die Wirkung der furchtbaren Versäumnisse der Alt-Liberalen. Die neuenkleinbürgerlichenWählerschaftenverstärkten nicht dieReihen des Liberalismus, sondern jene des Klerikalismus. „Es war der schrecklichste Irrtum meines Lebens" klagte der alte Freiheitskämpfer Dr. Kronawetter, der typischste Vertreter des Wiener Kleinbürgertums, als er diese beispiellose Flucht und Felonie sah.; Der Deutschen in Oesterreich aber bemächtigte sich ob des Undanks, mit dem ihnen, den Erneuerern des Staätes, gelohnt wurde, wilde Verzweiflung. Die verletzte nationale Empfindung der Jugend schäumte auf und machte sich in Straßendemonstrationen Luft. Allerorten erscholl, mit Donnerhall als Schutz- und Trutzlied gegen die Vertschechung und Verpfaffung die „Wacht am Rhein", und man prahlte laut, daß man über die deutsche Grenze nicht schiele, sondern schaue. Zum Dolmetsch dieser Stimmung machte sich ein junger Abgeordneter von breiter Brust und engem Gesichtskreis, ein Mann der tönenden Phrase und klingenden Schelle, namens Schönerer. Er betete Bismarck blind an und steigerte den Kultus des deutschen Nationalheroen zur Vergötterung. Und er nahm auch einen vorübergehenden taktischen Zug des großen .Kanzlers für eine ewig gültige Emanation seines staatsmännischen Geistes. Als Bismarck den Kulturkampf schon eingestellt hatte, propagierte Schönerer den Wotan-Kultus gegen Rom, und als Bismarck schon lange nicht mehr antisemitelte, begann Herr Schönerer das Hep-hep-Geschrei gegen die Juden. Mit dem Rufe: „Gegen Rom und Juda!" sammelte er die deutsche studentische Jugend, sammelte er alle Unzufriedenen und Halbgebildeten in den deutschen Sudeten- und Alpenländern um sich, und es entstand mit der Vehemenz eines Sturmgewitters der deutsch-nationale Antisemitismus. Der Kampf gegen Rom bot allerdings einige Schwierigkeiten, denn Hof, Adel und Geistlichkeit bilden in Oesterreich einen Dreibund, der nicht leicht zu erschüttern ist, am allerwenigsten durch Studentenkommerse und Straßendemonstrationen. Um so leichter war die Hetze gegen die Juden, die aus politischen Gründen ihren Befreiern, den Liberalen, treu anhingen und als Handelsleute und Industrielle auch wirtschaftlich zu ihnen gehörten. Verblüfft standen einen Augenblick die klerikal-feudalen Kreise über die unerwartete Wirkung des neuen Hep-hep- Rufes. Aber nur einen Augenblick! Mit der feinen Witterung, die den Streitern Roms von je zu eigen war, erkannten sie sofort, welche ungeheure Bedeutung die Judenhetze für ihre eigenen Bestrebungen gewinnen müßte, und sie griffen ohne Bedenken zu! Der Sturm, der von den Feinden der Kirche gegen diese entfacht war, konnte ja am leichtesten und sichersten beschworen werden, wenn man ihn von den stolzeu Adelsschlössern, von den reichen Bischofssitzen und Stiften auf die armseligen Judenhäuser ablenkte. Vom nationalen zum klerikalen Antisemitismus 'war nur ein Schritt— er wurde getan, zuerst neben, dann gegen Schönerer. Der Bannerträger dieser neuen Spielart der Judenhasser hieß Prinz Liechtenstein. Ueber ihn und seine Palladine sprechen wir in einem zweiten Artikel. Goethes Lehrer im tzebräilchen und Wdilch-Deullchen.') Von Ludwig Geiger. ur über einen einzigen seiner Frankfurter Lehrer hat Goethe sich in Dichtung und Wahrheit ausführlich geäußert: das ist der Rektor Johann Georg Alb re cht, sein Lehrer im Hebräischen. Er war ein echtes Frankfurter Original, übrigens-ebenso wie seine. Frau mit Goethes Eltern bekannt, schon bevor er den Unterricht des Knaben unternahm. Er ist 1694 geboren, wurde 1728 Pfarrer, 1730 Lehrer und 1748 Rektor am Gymnasium in Frankfurt. Er war ein merkwürdiger Herr, einer derer, die man sich immer alt denken muß, und der auch durch seine Ehe, die er als Vierundfünfzigjähriger mit der 51jährigen Witwe seines Vorgängers schloß, picht sonderlich verjüngt zu werden schien. Aber er war ein schärfer Geist, der seinen Mitarbeitern stets die Mahnung zuteil werden ließ, stets auf „die interna der Jugend zu achten", der gegen das Studium unbegabter oder auch mittelmäßiger Köpfe gewaltig eiferte und vor der Ueberschätzung der Gelehrsamkeit warnte. Sehr merkwürdig unter , den Sätzen, die er gern brauchte, ist der folgende: „Ein vernünftiger Schullehrer muß die große Mannigfaltigkeit der Gemüter fleißig unterscheiden, wo er in seiner Arbeit einen wirklichen Fortgang sich versprechen will. Er must einem Künstler nachahmen, der, wenn er etwas Tüchtiges zu verfertigen hat, sich genau nach der Beschaffenheit der Materie richtet, denn auch Phidias war nicht vermögend, aus einem jeden Klotz einen Merkurius zu schnitzen." Zu diesem Satze folgt dann eine jener satirischen Bemerkungen, in deren Vorbringen Albrecht, nach Goethes Bericht, in schriftlichen Auseinandersetzungen und in mündlicher Rede so groß war: „doch, wollte ich niemand raten, einer Exzellenz aus diesem Grunde ihren jungen Herrn zurückzuschicken. Io vili capite könnte er wohl dieses Mittel probieren." Auch der folgende Satz führt uns den Merkwürdigen Mann vor: „Wem ist unbekannt, daß die Künste und Wissenschaften ebenso veränderlich sind als die Kleidung, und daß die Art zu denken und zu schreiben ebensowohl ihre Moden hat als unsere Trachten... was sollen nun Schullehrer bei solchen Veränderungen anfangen? Sollen sie bei ihrem alten Vortrag bleiben? Das heißt wider den Strom schwimmen und mit einem unüberwindlichen Widersacher streiten. Und was macht vieljährige Schullehrer mehr verächtlich, als daß sie ihre alte verlegene Ware beständig auslegen und fortsahren, y Wolfgang und Cornelia Goethes Lehrer. Ein Beitrag zu Goethes Entwicklungsgeschichte. Nach archivalischen Quellen von E. Mentzel. Mit 9 Bildern und 12 Faksimiles und Handschriftenproben größtenteils aus unveröffentlichtem Material. R. Voigtländers Verlag in Leipzig. — Das Buch ist wie alle Bücher dieses rührigen Verlages vortrefflich ausgestattet. Eines der Bilder ist mir von der Verlagshandlung, mit Genehmigung der Frankfurter Behörde, zur Veröffentlichung überlassen worden.

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