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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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, Parlamentarismus in Deutschland und Italien machtvolle nationale Einheitsstaaten schuf/hat diese Kraft das innere Gefüge des alten Habsburgerreiches derart erschüttert und gelockert, daß die einzige zentripetale Energie in diesem Reiche nur noch in der dynastischen Treue all feiner Völker besteht. Als das feudalklerikale System des Nachmärz im Jahre 1866 auf den böhmischen Schlachtfeldern zertrümmert worden war, wurde das Reich in zwei Hälften zerschlagen- und zur Wiederaufrichtung der einen Hälfte: der „im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder", wie der neue staatsrechtliche Begriff mit prägnanter Kürze genannt wurde, das liberale deutsche Bürgertum berufen. Sehr gegen die innerste Neigung des Hofes, des Hochadels und der Geistlichkeit, die am selben Tage ihre geräuschlose aber intensive Wühlarbeit begannen, iän welchem die deutsch - liberale Partei ihre Herkulesarbeit antrat. Vier gewaltige Stützbalken waren es, mit welchen diese Partei das Gebäude des modernen Staates sichern wollte: Das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, das unter anderem die Gleichberechtigung der Kulte und Nationalitäten, die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre und die Zugänglichkeit aller öffentlichen Aemter ohne Rücksicht auf das Religionsbekenntnis proklamierte, dann das Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht, das Reichsvolksschulgefetz, das die achtjährige Schulpflicht einführte, und endlich jene interkonfessionellen Gesetze, die der römische Stuhl als fluchwürdig verdammte, die aber dasselbe Wien mit Jubel und Freudenfeuer begrüßte, das heute den christlich-sozialen Schleppträgern Roms zujauchzt. Mit diesen Gesetzen erst wurde die vollständige Emanzipation der österreichischen Juden vollzogen, und handelte es sich nur um papierene Gewährleistung unserer Rechte, so wäre uns nichts zu wünschen übriggeblieben. Allerdings, der berühmte Artikel 19 der Staatsgrundgesetze, der da lautet:,, Alle Volksstämme des Staates sind gleichberechtigt, und jeder Volksstamm hat ein unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache", machte auch noch andere frei. Er ries Tschechen und Polen, Slowenen und Ruthenen, Italiener und Rumänen zum Kampfe gegen die deutsche Vorherrschaft auf. Aus dem gesetzlich anerkannten Rechte auf Wahrung und Pflege der Nationalität und Sprache wurde ein politischer Machtanspruch, der um so uneingeschränkter erhoben werden konnte, als die deutschliberale Partei es versäumt hatte, durch Ausführungsgesetze das Geltungsgebiet jenes Artikels 19 genau abzugrenzen. O, sie hat noch viel mehr versäumt, diese gute, alte Partei in ihrem Idealismus einerseits, ihrer Kurzsichtigkeit und Selbstsucht anderseits. Sie repräsentierte die bürgerliche Oberschicht, deren Macht auf einen ziemlich hohen Wahlzensus gegründet war. Für die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Kleinbürgertums, der Handwerker, der Bauern hatte sie kein Verständnis, und die emporschwellende Macht eines vierten Standes sah sie gar nicht. Es war die Zeit, in der ein deutschliberaler Minister, Dr. Giskra, sagen konnnte: Die soziale Frage höre . bei Bodenbach auf. In den kleinbürgerlichen Schichten und in der Landbevölkerung aber verlangte man mehr als freiheitliche Doktrinen, . und namentlich in Wien machte sich gegen die Partei der Hausbesitzer, Großkaufleute und Fabrikanten eine gärende Unzufriedenheit bemerkbar, die sich in der demokratischen Partei unter Führung Dr. Kronawetters, Dr. Luegers und Dr. Geßmanns konzentrierte. Die wirtschaftliche Lage, Wiens war auch eine recht düstere. Mit der Zweiteilung des Reiches, der Etablierung des liberalen Reg imes undder mächtigen industriellen Expansion des Deutschen Reiches war Wien schwer geschädigt. Früher der Knotenpunkt des Handels nach dem Orient, verlor es Stück für Stück seines Absatzgebietes in den Balkanländern und derLevante. Die reichen ungarischen Magnaten, deren Freigebigfeit, Verschwendungssucht einst Goldströme durch Wien rinnen ließ, blieben nun in d.er magyarischen Hauptstadt, und der böhmische Feudaladel zog sich grollend auf seine Güter oder in seine Paläste auf der Prager Klein feite zurück. Wien war zum guten Teile dekapitalisiert, und der Eroberungszug der Maschine vollendete den Niedergang des Handwerks. Und je eifersüchtiger die deutsch-liberale Partei an ihrem Zensus-Bollwerk festhielt, um so energischer setzte die wühlerische Agitation der Feudal- Klerikalen just bei diesem Punkte ein. Und im Jahre 1879 holte sie zu dem entscheidenden Schlage aus. Genau zur selben Zeit als Fürst Bismarck nach Beendigung des Kulturkampfes der großen nationalliberalen Max Liebermann: Zesus und die Schriftgelehrten.

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