Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228909--66148-3278269
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vaters in Schlesien, wo wir die großen Sommerferien alljährlich verlebten, hatte es mir die Modelltischlerei besonders angetan, so daß mir in einer Bodenkammer unseres Berliner Hauses eine vollständige Tischlerwerkstatt eingerichtet wurde. Auch jetzt noch habe ich Handwerkzeug im Atelier. Natürlich habe ich von Jugend an gezeichnet, und zwar, was ich sah. Fünfzehnjährig, mit dem Reifezeugnis zum einjährigen Militärdienst wollte ich Maler werden, ich glaube besonders, um der Schule zu entwischen. Die war mir ein Greuel, und noch heute iftf§ mein schwerster Traum, ich sei noch auf dem Gymnasium. Mein Vater aber bestand bei uns drei Brüdern darauf, daß wir das Abiturientenexamen machen müßten, bevor wir uns für einen Beruf entschieden; bei mir wohl mit dem ganz natürlichen Nebengedanken, daß ich, erst einmal auf der Universität, von selbst meine Absicht, . Maler werden zu wollen, aufgeben würde. Inzwischen sollte ich bei Steffeck, der damals in Berlin noch als Lehrer sehr renommiert war, und der meine Zeichnungen gesehen und anerkannt hatte, am Mittwoch undSonnabend nachmittags zeichnen. Ich ging also in sein Atelier; aber es ist wohl selbstverständlich, daß ein Fünfzehn-oderSechzehnjähriger lieber mit den weiblichen Modellen herumschäkert als sie abzeichnet. Und als Primaner verging mir vor lauter Schularbeiten die Lust zum Zeichnen, wenigstens bei Steffeck, der noch dazu weit weg von uns in der Hollmannstraße neben dem Kammergericht wohnte. Endlich hatte ich glücklich das Examen bestanden, und ich wurde auf der Berliner Universität immatrikuliert. Aber ich belegte nicht einmal ein Kolleg, sondern genoß die Freiheit von der Schule, indem ich im Tiergarten spazieren ritt. Und bei einem jener morgendlichen Ritte traf ich Steffeck, der jeden Tag vor der Arbeit ein paar Stunden seinen Gaul stil- und sportsmäßig tummelte. Er forderte mich auf, in sein Atelier zu kommen und ein Pferd, das er zu porträtieren hatte, mitzumalen. Zum erstenmal hatte ich Pinsel und Palette in der Hand. Der Versuch fiel nach Steffecks Meinung überaus günstig aus, und — ich war Maler geworden?) h Herr Professor M. Liebermann hatte die große Güte, mir auf meine Bitte die vorstehende Skizze zur Veröffentlichung anzuvertrauen. Er suchte aus seinen Mappen eine Photographie heraus nach einem Porträt, das in den Uffizien zu Florenz .sich befindet und zwei seiner Bilder: „Jesus als Kind" und die „Judengasse" zu Amsterdam; das Dir IuÄrnkrsgt m Orltrrreich. Von Siegfried Fleischer. 1. Sie Arischen und Anksnge des Antisemitismus m Oelterreich. . enn die Definition Leroy-Beauliews, daß der Antisemitismus sich aus den drei Komponenten des Glaubenshasses, des Rassenhasses' und des Klassenhaffes züsammensetzt, richtig ist, dann müssen sich diese Ursachen in Oesterreich, dem klassischen Lande des „Katholischmachens", des nationalen Chaos und der schroffsten kulturellen Gegensätze, in ganz außerordentlichem Maße komplizieren und potenzieren. Der Antisemitismus ist bei uns so vielgestaltig wie der Staat selbst, seine Völker und — last not least— seine Juden. Man denke doch nur, daß wir im Westen das freieste Land der Welt berühren, im Osten aber in ein Gebiet hineinragen, in welchem asiatischer Despotismus jede Menschenwürde zerstampft, und daß zwischen' beiden Endpunkten Völkerschaften zusammengepreßt sind, die in Geschichte,Sprache und Religion, Bildungsstufe, Erwerb und Weltanschauung so grundverschieden voneinander sind wie etwa ein .j. schweizerischer ^Großindustrieller von einem kleinrussischen Muschik. Das gilt für Christen und Juden. Und darum — wer die vielfachen Besonderheiten der antisemitischen Bewegung in Oesterreich verstehen will, muß zuerst Oesterreich selbst verstehen. Während die treibende politische Kraft des neunzehnten Jahrhunderts, das Nationalitätsprinzip in Verbindung mit dem Original des ersteren ist Eigentum des Professor Uhde, letzteres befindet sich in Dresdener Privatbesitz. Für die große Liebenswürdigkeit des verehrten Meisters spreche ich auch an dieser Stelle meinen besten Dank aus. Diesen Dank würde ich nur verkümmern, nicht vermehren, wollte ich versuchen, im einzelnen zu zeigen, was Liebermann geworden ist: der Meister einer neuen Richtung, das bewunderte und verehrte Haupt einer großen herrschenden Künstlergruppe. Diese Zeilen sollen außer dem Dank nur die Freude ausdrücken, daß der hochbegnadete Künstler, der, wie die obige Skizze beweist, auch ein Meister des Wortes ist, und-der mit einer wunderbaren jugendlichen Frische schafft und wirkt, der Unserige ist, und daß er mit erquickender Herzlichkeit mir die Erlaubnis erteilt hat, mit seinen Bildern und seinem autobiographischen Beitrag den neuen Jahrgang dieses Blattes beginnen zu dürfen. Ludwig Geiger. Max Liebermann: Die Iudengasse in Amsterdam.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.