Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 die Gebote der jüdischen Religion bei allen zionistischen Unternehmungen streng beobachtet. Es sei hierzu bemerkt, daß die Misrachigruppe kurz vorher ihre unerschütterliche Treue zum Zionismus hatte erklären lassen, ebenso wie die territorialiftische Arbeitergruppe durch Syrkin ihre Rückkehr in die zionistischen Reihen anzeigte. Von allgemeinerem Interesse aus der Rede Marburgs ist noch die Mitteilung, daß die zionistischen Finanzinstitute besonderen Wert ans die Erlangung von Konzessionen für Verkehrsunternehmungen in Palästina legen wollen und hierfür Mittel bereithalten. Auch Marburg ist dafür, daß die Kolonialbank allmählich die europäischen Geschäfte liquidiere. Es folgten dann Abstimmungen. Der Antrag Dr. Franz Oppenheimers betr. Siedlungsgenossenschaften gelangte nahezu einstimmig zur Annahme. 200 000 Franken für Vorarbeiten sollen dem Nationalfonds hierfür entnommen werden. Außerdem wird die Einsetzung eines besonderen Agrarkredit-Ausschusses beschlossen, die Verlegung der Kolonialbank von London nach Jerusalem dagegen abgelehnt, jedoch der zweite Teil des Antrags, nämlich die europäischen Geschäfte einzuschränken und die Mittel für Palästina bereitzustellen, mit knapper Majorität angenommen. Die so vielfach begehrte Vereinheitlichung der Bureaus sowie die Ernennung eines palästinensischen Mitglieds des Engeren Aktionskomitees waren auf Veranlassung Ussischkin zur Beratung und Beschlußfassung einer besonderen Kommission überwiesen. Angenommen wurde ferner ein Antrag, Arbeiterhäuser in Palästina zu errichten, die Frage des Ankaufs von Oedländereien aber der Verwaltung des Nationalfonds zum Studium zu empfehlen. Von Interesse ist schließlich, daß es als die Pflicht eines jeden Zionisten erklärt wurde, einen Dunam Land in Palästina anzukaufen und dem Kolonisationskomitee zur Verfügung zu stellen. Professor Marburg, dem Leiter der Palästinaarbeit, wurde dann besonderer Dank einmütig votiert. Hieraus sprach Moise Cohen- Saloniki über die Judeneinwanderung in der Türkei und empfahl die Einwanderung aufs wärmste. Erst am Freitag morgen nach einer ungemein stürmischen Nachtsitzung gelangte man endlich zum Schluß, ohne in den Hauptfragen zu einer endgültigen Lösung zu gelangen. Die russisch-galizische Opposition, die die Verlegung der Leitung nach Berlin und ein neues Aktionskomitee anstrebte, konnte ihr Verlangen nicht durchsetzen. Es kam nur zu einem provisorischen Kompromiß, wonach das alte Komitee, Wolffsohn-Köln, Marburg-Berlin und Kann-Haag die Geschäfte „provisorisch" weiter leiten und der Sitz der Leitung einstweilen in Köln bleiben soll. Um vier Uhr morgens folgte nach den üblichen Dankreden der Schluß des IX. Zionistenkongresses. Neben den Beratungen ging eine ganze Reihe weiterer Veranstaltungen, so ein Schauturnen der jüdischen Turnvereine, ein Kommers, ein Vortrag Nordaus und eine Bewirtung auf einem Amerikadampfer der „Hapag". Bemerkt sei schließlich, daß der Kongreß auch eine Huldigungsdepesche an Kaiser Wilhelm sandte und darauf ein Danktelegramm erhalten hat. Msx Liebermann. Autobiographische Skizze. (Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.) e Lagarde, der eigentlich Böttcher hieß, der später berühmt gewordene Verfasser der „Deutschen Schriften", und der mein griechischer Lehrer in der Sekunda war, behauptete, daß ich nach dem Schnitt meiner Augenbrauen von den assyrischen Königen abstamme: ich weiß nur, daß mein Großvater und Vater Kattunsabrikanten in Berlin waren. In einem Aufsatze über die Familie Liebermann, der Mitte der 60 er Jahre in der „Gartenlaube" erschien, war auch das stadtkundig gewordene Wort, das mein Großvater in einer Audienz bei Friedrich Wilhelm HI. gesagt hatte, zitiert: „Majestät, ich bin derjenige, welcher die Engländer vom Kontinent vertrieben hat (nämlich in der Kattunbranche)." Mein Großvater mütterlicherseits, Haller, war Juwelier und Inhaber der Firma Haller & Ratbenau. Der Bruder meines Großvaters siedelte sich in Hamburg an und trat zum Christentum über, und dessen Sohn war der berühmte Bürgermeister Haller, dem Hamburg 1866 seine Unabhängigkeit zu verdanken hatte. Da ich 1847 geboren wurde, ist es nicht zu verwundern, daß meine politischen und sozialen Anschauungen die eines Achtundvierzigers waren und geblieben sind. Obgleich ich oft genug leider vom Gegenteil übererzeugt wurde, bilde ich mir noch ein, daß — wie es in der Verfassung heißt — jeder Staatsbürger vor dem Gesetze gleich ist. Ich bin in meinen Lebensgewohnheiteu der vollkommenste Bourgeois: ich esse, trinke, schlafe, gehe spazieren und arbeite mit der Regelmäßigkeit einer Turmuhr. Ich wohne in dem Hause meiner Eltern, wo ich meine Kindheit verlebt habe, und es würde mir schwer werden, wenn ich wo anders wohnen sollte. Auch ziehe ich Berlin jeder anderen Stadt als bleibenden Wohnsitz vor. Ich absolvierte das Friedrich - Werdersche Gymnasium: das Maturitätsexamen bestand ich freilich nur mit Ach und Krach, da ich in der Mathematik „ungenügend" bekam. Die realen Wissenschaften waren und sind mir ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, und ich konnte mich nur mit der größten Mühe an die Vorstellung gewöhnen, daß die Erde sich drehe. Auch wurde ich nicht wenig geneckt, weil ich als Junge gesagt hatte, daß der Mond in der Leipziger Straße am größten sei. Ich hatte ihn nämlich mal beim Spazierengehen in der Leipziger Straße als riesige Scheibe am Himmel gesehen. In wissenschaftlichen Dingen verstehe ich nur die demonstratio ad oculos. Ueberhaupt beschäftigte ich mich viel lieber als mit spekulativen Dingen mit manuellen. Auf den Fabriken meines! Professor Max Liebermanu. Nach dem Original in den Uffizien in Florenz.