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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Dr, I. Margulies, I. Moser, -S. Pineles, Rabbiner Reines und W. Temkin. Die Nachmiltagssitzung wurde eröffnet mit dem Geschäftsbericht des Aktionskomitees, den Sokolow erstattete. Er verwies in der Hauptsache auf den gedruckten Bericht, der den Delegierten vorlag- Ueber die Verbreitung und die Arbeit der Zionisten wurden im Vortrage nähere Daten nicht angegeben. Aber als dem zionistischen Empfinden ■ naheliegend wurde so ziemlich das gesamte jüdisch^ Organisationsleben, vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, Zentralverein und Hilfsverein der Deutschen Juden, der jüdische Jugendvereinsbewegung an bis zum Verband der deutschen Juden und besonders den Logen bezeichnet. „Insbesondere bei den Logen bricht sich ein gewisses Verständnis immer mehr Bahn", so meint Herr Sokolow. Er setzte übrigens hinzu, daß beim preußischen Organisations- Projekt das Nationale nicht zum Gegenstand der Erörterungen gemacht sei, es wäre aber dock das jüdische lokale Volksinteresse nach positiver und negativer Richtung zur Geltung gekommen. Auch er weist auf den Ausgleich der Einnahmen und Ausgaben, der erstmals geglückt sei, hin., Er stellt des ferneren fest, daß sich die Landesorganisationen vermehrt und die Mitgliederzahl zugenommen haben. Die jüdische Presse habe sich gut entwickelt, und etwa ein Drittel derselben stehe auf zionistischem Standpunkt. Das gesamte Vermögen aller zionistischen Organisationen der Welt betrage etwa 7'/Z Millionen. An den Bericht knüpfte sich eine außerordentlich stürmische und scharfe Kritik, die zu unerhörten Tumulten führte und zeitweise die Fortführung der Verhandlungen in Frage stellte. Nordau drohte, die Tribünen räumen zu lassen, die sich an den Beifalls- und Mißfallensbezeugungen lebhaft beteiligten, und schließlich sogar mit Aufhebung der Sitzungen. Eingeleitet wurde die Debatte durch Dr. Pa smani k-Genf, der der Leitung völlige Unfähigkeit und Untätigkeit vorwirft, die bewirkt haben, daß die Organisation diesmal schwächer geworden sei, als sie cs beim vorigen Kongresse gewesen. Er verlangt Reorganisation der Leitung, Verlegung der Zentrale nach einem jüdischen Zentrum, Schaffung einer fünf- oder siebengliederigen Kommission für die Leitung und eine besondere zehngliederige für alle mit der Palästinaarbeit zusammenhängenden Fragen. Unter großer Bewegung und teilweisem Gelächter stellt er schließlich die Resolution: „Alle bewußten Zionisten verpflichten sich vor allem, innerhalb der nächsten fünf resp. zehn Jahre mit Zustimmung der türkischen Regierung nach Palästina auszuwandern." Dr. Thon- Krakau erblickt ein Verdienst der Leitung darin, daß sie erhalten habe, was man erworben hatte. Aber das reiche nicht aus, eine Leitung müsse auch selbst etwas tun. Es fehle die Schwungkraft, die Einheitlichkeit in der Leitung. Dr. Daiches-London bemängelt. daß Wolffsohn seine heutige Rede nicht bereits vor einem Jahr gehalten hat. Leider habe der erste Teil der Rede Noidaus, der besser nicht gehört worden wäre, in den Beginn der neuen Aera, die man erhofft, wieder Mißtrauen hineingetragen. Er wendet sich schließlich scharf gegen Nordaus Interpretation des Programms und Fallenlassen des Charters. Er tadelt ferner Cowen, der in einem Briefe Professor Marburg zu Unrecht geschäftliche Unkenntnis und Unfähigkeit vorgeworfen habe. In der Dienstagssitzung setzte zunächst Dr. Kohan- B ernst ein die Kritik der Leitung fort. Palästina sei im Bericht nur nebensächlich erwähnt. Die Tätigkeit der Bank in Palästina sei gänzlich unzulänglich. Neun Zehntel der aktiven Energie in Palästina gehe verloren. Die Kosten der Leitung in London verschlängen so viel, daß für kreditbedürftige kleine Leute in Palästina selten etwas zu haben sei. Er verlangt, daß ein Mitglied des engeren Ausschusses aus der palästinensischen Landsmannschaft entnommen werde. Reichsratsabgeordneter Stand spielt sehr geschickt Professor Marburg gegen Wolffsohn und Nordau aus: den praktischen Zionismus gegen den politischen. Die Letzteren, die in ihrem politischen Zionismus immer nur zaudern, anstatt in diesem selten günstigen Augenblick mit der türkischen Negierung zu verhandeln und immer nur widerwillig aktiv sind, führen den Zionismus zur Erstarrung. Mag die Leitung in Köln oder sonstwo sitzen, die Arbeit müsse in Palästina schon jetzt ihren Schwerpunkt finden. Der Leitung fehle die Einheitlichkeit. Bei der Herrschaft der politischen Richtung werde es in zehn bis zwanzig Jahren keinen Zionismus mehr geben. Nachdem noch die Herren Dr. Braude-Lodz den „Bureaukratismus" der Leitung in scharfen Worten getadelt, Green» berg die Führung teilweise ln Schutz genommen, und Dr. Reich. Paris heftige Anklagen gegen die Leitung vorgebracht und die Verlegung des Sitzes von Köln verlangt hatte, wandte sich der Präsident Wolffsohn in schärfster Weise gegen alle Angriffe und ging in geschickter Polemik selbst agressiv gegen die Opposition vor, die hauptsächlich ihren Sitz in Rußland und Galizien hat. Von erregten Zurufen, stürmischen Zwischenreden und rasenden Beifallsbeknndungen minutenlang unterbrochen, übte Wolffsohn vernichtende Kritik an seinen Kritikern. Er zeigte an der Hand bestimmter Daten, daß die Leitung getan, was in ihren Kräften stand, während ein Gleiches von den Kritikern nicht gesagt roerden könne. Er schildert die Erfahrungen, die er mit der Initiative, die man von ihm verlange, gemacht habe. Die russischen Delegierten kämen immer mit bestimmter Marschroute zum Kongreß, sie hätten auch Herzl das Leben verbittert, sie verlangten Einheitlichkeit und könnten sie doch nicht einnml im eigenen Hause erwirken. Er geht schließlich auf alle Einzelheiten ein, verteidigt geschickt den politischen Zionismus und führt die praktische Arbeit, die geleistet sei, im einzelnen an. Es zeigte sich während dieser Rede, daß die Opposition in der Minderheit war, der Beifall überwog bei weitem. So war es erklärlich, daß das Ende der Debatte ein Vertrauensvotum für Wolffsohn war, nachdem noch vier Redner für und vier gegen dieLeitnng gesprochen hatten. Beider großen Zahl der angemeldeten Redner — es waren noch zirka 80 gemeldet — hatte man sich auf den Modus geeinigt, daß nur noch je vier Redner der Opposition und vier Verteidiger der Leitung sprechen sollten. Mit der Debatte über den Geschäftsbericht und dem Vertrauensvotum für Wolffsohn, die den Abschluß des dritten Beratungstages bildeten, schließt die Dienstagsitzung. In der Mittwochsitzung bildete den Hauptanziehungspunkt der Vortrag des bekannten Sozialökonomen Dr. Fr. Oppenheim er, der das bekannte, in Deutschland zwar auch bereits versuchte, aber mißlungene System der Siedlungsgenossenschaften für Palästina empfahl. Er verkannte nicht die ungeheuren Schwierigkeiten, die sich der Durchführung in finanzieller Hinsicht wie im Hinblick auf das geeignete Menschenmaterial entgegenstellen. Der Kapitalbedarf würde sich auf viele Hundert Millionen belaufen und das Arbeitermaterial müsse erst dazu erzogen werden, da auch der jüdische Arbeiter unserer Tage meist der Theorie des Gegensatzes von Kapital und Arbeit huldige, was ihn für die Siedlungsgenossenschaft untauglich mache. Oppenheimer wünscht einen Beschluß, wonach der Kongreß diese Besiedlungsmethode als zum Programmpunkt der zionistischen Arbeit in Palästina gehörig neuerdings bestätige. Ein Genossenschastsfonds soll im Anschluß an den Nationalfonds begründet werden und an dessen Verwaltung auch die Arbeiter beteiligt werden. Dr. Bodenheimer erklärt namens des Vorstandes, daß der Nationalfonds 100 000 Mark für diesen Zweck stifte, falls private Sammlungen den gleichen Betrag aufbrächten. Eine Anzahl von Stiftungen werden sofort angemeldet. — Ueber die Lage der Juden in der Türkei sprach dann Florentin-Saloniki. Einen prinzipiell bedeutsamen Antrag, der große Beifallsstürme auslöste, stellte Julius Simon-Mannheim, nämlich die allmähliche Ueberleitung der Kolonial-Bank von London nach Jerusalem. Die schwebenden europäischen Geschäfte der Kolonialbank sollen demgemäß so bald als möglich liquidiert werden. — Die weiteren Verhandlungen betreffen vornehmlich intersormale Angelegenheiten, so den Entwurf eines neuen Organisationsstatuts und den Entwurf für eine Geschäftsordnung des Zionistenkongresses. Die Erörterung der Fragen der Palästinaarbeit wurde am Donnerstag fortgesetzt und drohte allgemach uferlos zu werden. Professor Warburg-Berlin, der Leiter des Palästinaressorts, griff mehrfach ein und bewirkte endlich, daß auch diese Frage zu Ende geführt wurde. Selbstverständlich, so meinte er, sei es für jeden Zionisten, die Palästinafrage praktisch zu behandeln, er müsse sich entschieden dagegen wenden, daß sie nur der Propaganda für den Zionismus zu gelten habe, sie sei heute Selbstzweck. Dabet würde es möglich sein, den Forderungen der strenggläubigen Juden immer besser gerecht zu werden, unter allen Umständen würden

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