Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228909--66145-3278266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
unsere Plane aufbauen. Denn in der nunmehrigen Rechtsstellung, in den staatsgrundgesetzlich gewährleisteten und in einer fortschrittlichen Entwicklung begriffenen Einrichtungen erblicken wir die Garantien unserer persönlichen und nationalen Sicherheit." Der Redner hofft, daß diese feierliche Erklärung belehrend auch ■' aus diejenigen wirken werde, die es noch nicht wissen, daß man loyal und ehrlich arbeiten werde. Eine Aenderüng des Baseler Programms, wie es von einigen Seiten begehrt werde, sei unbedingt zu. vermeiden. Offenbar in Beziehung auf die Hlianes Israelite llniversells wies Wolffsohn den „Eifer einiger, wie er sich ausdrückte, dem Volke fernstehender Kreise, sich für die jüdischen Interessen angeblich ins Mittel zu legen, weil der Zionismus eine schlechte Politik machen könnte", zurück. Warnungen und Ratschläge von dieser Seite bedürfe man nicht. Zum Schluffe gab der Redner noch eine kurze allgemeine Uebersicht über die Arbeit der verflossenen Periode. Der Nationalfonds habe die „Dalestine Land Development Company", das „Hebräische Gymnasium", den „Bezalel", die -Häuserbaugenossenschaften" zweckentsprechend unterstützt, dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" habe man zum Bau des Technikums den Grund und Boden -hergegeben'. Die Organisation sei weiter ausgebaut, endlich aber auch das Gleichgewicht im Budget hergestellt. Der Rede Wolffsohns folgte eine Reihe von Begrüßungsansprachen. Warme Worte des Willkommens richtete zuerst Herr Dr. B. Levy namens des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes Hamburg an den Kongreß. (Vorstand und Repräsentanten der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hatten bekanntlich die Einladung abgelehnt.) Für die zionistische Ortsgruppe Hamburg sprach Herr Dr. Kalmus das Begrüßungswort und machte dabei zugleich die Mitteilung, daß seine Ortsgruppe zur ewigen Erinnerung an die Hamburger Tagung 3000 Mark als Grundstock einer Stipendienstiftung spende für die in Palästina an dortigen Hochschulen oder Lehranstalten Studierenden. Im Aufträge der Gemeinden Altona, Wandsbek, Lübeck und Kiel begrüßte schließlich noch Herr Dr. Frank-Altona den Kongreß- Dann betrat von Beifallsstürmen umtost Max Nordau die Rednertribüne. Nordau teilte die in den zionistischen Kreisen vielfach hervorgetretene optimistische Auffassung von dem Einfluß der Neugestaltung der Verhältnisse in der Türkei auf das zionistische Endziel nicht. Gegen die Stürmer und Dränger im zionistischen Lager, denen er Uebereiser, Mangel an politischer Erfahrung, ungenügende Kenntnis der Tatsachen vorwirst, wendet er sich scharf, wenn auch suaviter in modo. Der Ueberschwang, als ob die Umwälzung in Konstantinopel das allergrößte Ereignis der jüdischen Geschichte gewesen sei, das eine Verlegung des Kongresses, der Leitung nach der Türkei erfordere und ähnliches, entbehre jeder Berechtigung. Er billigt es, wenn man seine Sympathien dem türkischen Volke zuwende, er begreift es, wenn man sich für die Zungtürken -erwärme, allein, so meint Nordau, „über unserer Begeisterung für die türkische Freiheit dürfen wir nicht vergessen, daß die Umwälzung in Konstantinopel doch kein zionistisches, kein jüdisches, sondern ein türkisches Ereignis ist; daß wir immer noch keine Bürger des ottomanischen Reiches sind, an den inneren Wandlungen des türkischen Reiches daher keinen unmittelbaren Anteil haben, sondern sie, wenn auch mit allerwärmster Anteilnahme, aber doch als Außenstehende verfolgen, und daß es taktlosunklug und voreilig wäre, wenn wir uns .in sie einmischen wollten." Es darf keine offiziellen Beziehungen zwischen Zionismus und Jungtürkentum geben. So sehr man mit ihm auch sympathisieren mag, man dürfe nicht vergessen, daß es immer nur eine Partei im türkischen Reich, nicht das ottomanische Reich ist. Mit einer Partei darf sich-der Zionismus niemals identifizieren. Fassen wir uns in Geduld! Warten wir, bis die Frucht-reifer ist! Zwar weisen alle zionistischen Bestrebungen nach der Türkei hin> wie die Magnetnadel nach dem Pol, aber trotzdem meine er,- daß immernoch wichtiger als 'die sofortige Anbahnung amtlicher Beziehuugenzur Türkei und zur türkischen Regierung, die-Stärkung und Ausbreitung des zionistischen Gedankens im jüdischen Volk seü -Erwachen Sie doch," so ruft Nordau dem Kongreß zu, „aus der Selbsttäuschung. in die' Sie sich hineinträümen, Hineinreden, Hineinsinnen. Zählen Sie sich, messen Sie Ihre Kraft! Glauben- Siewirklich, daß wir schon-stark genug sind, um große Dauer versprechende'Werke für das Judentum in Palästina zu schaffen? Noch sind wrrkiefbedauerlich schwach, darum müssen wir zunächst mit alter Energie LÜerbetatigkeft in den jüdischen Zentren Europas und Amerikas fortsetzen. Erst wenn der Zionismus auch ziffermäßig als das organisierte jüdische Volk in der Zerstreuung angesehen werden muß, könne man mit Aussicht auf Erfolg vor die türkische Negierung hintreten und sein Anliegen unterbreiten. Die Zukunft liegt in Palästina, aber die Gegenwart in Europa und Amerika, und die Gegenwart dürfe man ob der Zukunft nicht vernachlässigen. Daher verlege man ja nicht, wie einige Feuerköpfe es wünschen, die Leitung nach der Türkei. Auf Europa und die Länder der Kultur wirke man zudem leichter aus einer west- oder mitteleuropäischen Stadt, wie etwa aus Jerusalem oder Jaffa, und falls man mit der türkischen Regierung verhandeln wolle, sei es besser, diese Verhandlungen nicht als türkische Untergebene. als türkische Organisation zu führen, was nicht zu vermeiden wäre, wenn die Leitung dorthin verlegt würde. Sehr scharf wendet sich Nordau sodann gegen jede Veränderung des Baseler Programms, wie sie von verschiedenen Seiten in Anregung gebracht worden ist. Es handelt sich dabei ua. um die Eliminierung des Begriffes einer „öffentlich-rechtlich" gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. Nordau, der sich als Verfasser des Wortlauts des Programms auf dem ersten Kongreß bekennt, macht die interessante Mitteilung, daß er für das Wort „rechtlich-gesicherte" gewesen sei, in Rücksicht auf die „Radikalen" aber einem Kompromißvorschlag Herzls, der „öffentlich-rechtliche" an Stelle „rechtlich" setzte, zugestimmt habe. Nur eine kleine Minderheit des ersten Kongresses aber habe damit die Vorstellung einer jüdischen Einwanderung in Palästina unter den Auspizien und der Garantie der Großmächte verbunden, die Mehrheit wollte damit nur zum Ausdruck bringen, daß man nicht heimlich, auf Schleichwegen, sondern nur aus Grund gewährter gesetzlicher Rechte ottomanische Reichsangehörige habe werden wollen. Auch in dem Worte „Regierungsbestimmungen", von dem im Programm die Rede ist, und das man abändern wolle, sei nur dahin zu interpretieren, daß die Zustimmung „der" Regierung, in der Einzahl, anzustreben sei. Es liege auf der Hand, daß unter - dieser einen Regierung nur die türkische gemeint' sein kann und gemeint ist, was er'hiermit ausdrücklich erklären Möchte. Die Idee des Charter d. h. des von einer Regierung für eine jüdische Siedlung verlangten Verwaltungsfreibriefes sei jetzt gegenstandslos geworden, man bedürfe in der Türkei' heute keiner besonderen'Bürgschaften mehr, eS genüge, daß sie ein Verfassungsstaat geworden sei. Sehrscharf wandte sich Nordau dann auch gegen den Vorwurf— Verleumdung nennt es der Redner — daß die Zionisten eine türkische Provinz losreißen und in. der Türkei ein selbständiges jüdisches Königreich oder eine jüdische Republik errichten wollten. Das liegt dem Zionismus völlig fern.- Nur eine Nationalität, wie die anderen Nationalitäten wollen wir im ottomanischen Reiche bilden und deren Anerkennung beanspruchen. - „Unser Ehrgeiz," so führt er aus, „würde es sein, den Namen der loyalsten Nationalität zu verdienen und des Reiches Ansehen zu mehren. Wir wollen nach der Türkei gehen, um als ottomanische Reichsangehörige palästinensische Juden zu sein, aber beileibe nicht, um in Mazedonien öder anderswo» etwa in Kleinasien Türken zu werden. Die Assimilation müsse man unter allen Um^> ständen ablehnen. Wenn man das wolle, habe man es billiger und näher, das könne manauch haben, wo man jetzt sei und spare dann . die Reisekosten und die Unannehmlichkeiten der Wanderung und-des Einlebens in neue Verhältnisse. Verlangt die Türkei also die Aufgabe unseres Ziönismus, so sagen wir „Nein" und warten weiter? wie wir so lange gewartet -haben- Wenn das Ziel verdunkelt ' werden soll, - dann rufe - er: „Zurück zum Baseler Programm." Es ' darf-nicht - ttodj: den Wandlungen eines Regierungssyftems verändert werdest. Voraussetzung aller'Kulturarbeit der Juden-in der Türkei bilde ein nationales Judentum.- Dies ist' das Grnndgesetz inr ' Leben der Zionisten. Ein anderer Zionismus wäre nichb mehr der -seine. ';! - Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die- Wögen derAüsbrüche temperamentvollsten Beifalls - gelegthatten und man nun zur Wahl des ' Kongreßpräsidiums schreiten konnte. Zmn Vorsihenden würde-; Matz N o r da u,' zu stellvertretenden Vorsitzenden tesp- Beisitzer wurden gewählt Reichsratsabgeörbneter Stand- Dr.Tschlenow, Üssiscktkin; 7^ Dr.'K ö h a n - Be r n st e in, F l o r e n t i n -Saloniki, Dr.'Km t'M ns'/